Berichte von Auswanderern Guter Job, Genugtuung - und Heimweh

Miese Stimmung, schlechte Jobaussichten, zu viel Bürokratie. Viele SPIEGEL-ONLINE-User spielen mit dem Gedanken, Deutschland zu verlassen. Doch die Erfahrungsberichte im Auswanderer-Forum zeigen: Der Gang ins Ausland ist riskant - und die Rückkehr schwierig.

Hamburg – "Alisseos" lebt das, wovon wahrscheinlich viele Deutsche mal träumen, wenn ihnen der Alltagsstress über den Kopf wächst: "Ich bin vor mehr als 20 Jahren nach Griechenland gegangen", schreibt der Arzt mit dem griechisch klingenden Pseudonym im SPIEGEL-ONLINE-Auswandererforum. "Ich wollte in die Wärme, die Sonne, - und bin zufrieden in einem sehr einfachen zurückgezogenen Leben. Ich übe Medizin kostenfrei aus, und lebe von unserem Olivenöl und einigen wunderbaren Produkten befreundeter Bauern."

"Wollen Sie auch abhauen?", fragte SPIEGEL ONLINE die Leser in einem Artikel zum Thema Auswanderung. Ja, schrieben viele, der Plan bestehe. Etliche Forumsteilnehmer sind seit Jahren fort und berichteten über ihre Erfahrungen. Die Gründe für den Gang ins Ausland waren meist die gleichen: Viele beschwerten sich über die deutsche Miesepetrigkeit. "In Schwaben sagt man: 'Nit geschimpft is genug gelobt'", schreibt etwa "Wolleweis": Er könne mit der deutschen Mentalität gar nicht mehr umgehen. "Die ewige 'Mahlzeit'-Blökerei um die Mittagszeit", gehe ihm genauso auf die Nerven wie die "besserwisserischen Kommentare aller Leute".

Auswanderungsgrund Nummer eins sind die Verhältnisse auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Viele der auswanderbereiten Forumsteilnehmer gehören zu den Hochqualifizierten - bei solchen Fällen sprechen Wissenschaftlern von "Brain Drain", dem Abzug der besten Köpfe. Userin "Melba" berichtet: "Ich studiere Jura in Deutschland und mein Freund Architektur. Der Arbeitsmarkt ist bezüglich beider Branchen schlichtweg tot." Sie will ihre Ausbildung beenden, "und dann nix wie weg".

Ähnlich sieht es "Kender", der bereits in die Schweiz gegangen ist. "Ich hätte gerne in Deutschland gearbeitet... aber es war leider nicht möglich - trotz Bachelor- und Masterstudium an zwei europäischen Top-Unis. Als Volkswirt brauchen Sie sich nicht zu bewerben", habe er oft gehört.

"Public nmy" sammelte die gleichen Erfahrungen: "Nach knapp 80 Bewerbungen hatte ich gerade mal ein Vorstellungsgespräch bei Siemens, wo mir gesagt wurde, ich sei nicht zielstrebig genug, denn ich konnte der Dame nicht sagen wo ich mich in 20 Jahren sehe", berichtet er empört. "Ich? Nicht zielstrebig? Zwei juristische Staatsexamen, MBA, Leiter einer selbst aufgebauten Kung-Fu-Schule…"

Doch geht es den Auswanderern anderswo besser? Viele User berichten von der besseren Stimmung im Ausland: "Bin vor sieben Jahren mit drei Koffern bei Nacht, Nebel und kalten Temperaturen in New Jersey/USA angekommen", schreibt "Kitechick". "Schon am Flughafen in Newark damals... da waren ein paar Angestellte, die den Ankömmlingen den Weg wiesen... es war nachts und die beiden haben gesungen. Einfach von sich aus Arien geschmettert, weil's Spass macht. Stellt Euch das mal am Frankfurter Flughafen vor (LOL)."

"Ich schufte mitunter 20 Stunden"

Ute Wohlrab hat erlebt, dass das Abenteuer Ausland zum Alptraum werden kann, als sie ins Baltikum zog. "Vor 12,5 Jahren war Estland noch Post-Sowjetunion und es war verdammt schwer. Mein estnischer Mann verschwand nach einem gemeinsamen Jahr, ich war 25 Jahre alt, hatte ein paar Pferde vor dem Schlachttransport gerettet, ein paar Hunde und Katzen von der Straße gesammelt und stand alleine da." Doch aufgeben wollte sie nicht: Der Entschluss, "dass meine Biographie von mir geschrieben wird", habe schnell festgestanden, berichtet Wohlrab. "Heute habe ich ein Gestüt mit 24 Pferden. Ich bin meine eigene Chefin, schufte mitunter 20 Stunden am Stück. Ich würde trotzdem niemals tauschen wollen."

Nach Meinung vieler Forumsnutzer sind im Ausland leichter hervorragende Arbeitsbedingungen zu finden als in Deutschland. Der junge Jurist, der sich erfolglos bei Siemens bewarb, schreibt "Heute, keine zwei Jahre nach besagtem Interview, bin ich der Leiter der Rechtsabteilung eines chinesischen Hightech-Unternehmens in Südafrika. Hier habe ich mehr Verantwortung als ich in Deutschland jemals übertragen bekommen hätte. Dass wir in direkter Konkurrenz zu Siemens stehen - und das mit exzellenten Aussichten - ist vielleicht ein kleines Zeichen der Ironie des Schicksals."

Der Volkswirt, der in die Schweiz ging, erzählt, er verdiene jetzt 50 Prozent mehr als ein deutscher Berufseinsteiger und zahle kaum Steuern. Ein Arztehepaar, das heute in Schweden lebt, berichtet: "Obwohl wir uns kulturell und identitätsmäßig als Deutsche fühlen, können wir uns nicht vorstellen, zurückzukehren. (...) Hauptgründe sind die versteinerten, pseudofeudalen Strukturen an den deutschen Kliniken." Auch den Kindern gehe es in der neuen Heimat besser. Sie seien überzeugt, dass das Schulsystem "wesentlich besser für die Jungs ist als die deutsche Pauk- und Sortierschule". Ein anderer Forumsteilnehmer, der ebenfalls nach Skandinavien zog, schwärmt: "In Norwegen arbeitet man selten mit Krawatte, nicht einmal die leitenden Angestellten."

Die Rückkehr ist schwierig

Doch nicht jeder ist zum Glücklichwerden in der Fremde geboren: Denn liest man die Berichte genau, ist ziemlich oft von Heimweh die Rede. Viele Emigranten warnen davor, das Zielland zum Paradies zu stilisieren - denn Einheimischer wird man nie. "Nach zwölf Jahren bekomme ich noch zu hören, dass ich doch bitte nach Deutschland verschwinden solle, wenn ich offensichtliche Missstände kritisiere", schreibt die Pferdezüchterin aus Estland.

Er vermisse in New York die deutsche Penibilität, die sonst viele verfluchen, erklärt "joezilla": "Wenn man vernünftige Handwerker sucht und niemanden finden kann, der es auch nur ansatzweise schafft, eine Wand vernünftig zu streichen. Oder wenn der Müll überall stinkend auf der Straße liegt."

Und "bendc" fügt hinzu: "Hier gibt es keine Stadt ohne Slums und die Menschen verrecken auf den Straßen." Nach zehn Jahren in den USA wolle er deshalb wieder "nach Hause" - trotz seines guten Jobs und des Hauses mit Swimmingpool. "Ich kann mich auch an den Pool setzen und die Augen zumachen, aber so möchte ich mein Kind eigentlich nicht erziehen."

Selbst "alisseos" – der Arzt, der jetzt "zufrieden" in Griechenland lebt – gesteht: "Wenn jemand über die deutsche Bürokratie schimpft, möge er bitte mal hierher kommen und mich einen einzigen Tag durch Ämter begleiten. Er wird fortan von Deutschland schwärmen. Und von dem Sozialwesen, und von dem Gesundheitswesen und dem Schulwesen und, und, und…."

Was auch zu bedenken ist: Aus dem Ausland zurückzukehren, sei wesentlich schwieriger als auszuwandern, gibt ein Teilnehmer im Forum seine Erfahrung wieder. "Kein deutscher Arbeitgeber lädt einen aus dem Ausland zum Vorstellungsgespräch. Die Krankenkasse nimmt einen womöglich nicht mehr auf. Die im Ausland erworbenen Arbeitslosengeld- und Rentenansprüche werden hier womöglich nicht anerkannt."

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