Berliner Hauptbahnhof Stahlträger-Bruch bringt Mehdorn in Erklärungsnot

Wie konnte das passieren? Nachdem am neuen Berliner Hauptbahnhof zwei tonnenschwere Stahlträger abbrachen, forscht die Bahn nach Ursachen. Zwar rollen nach 14-stündiger Sperrung die S-Bahnen wieder. Bahn-Chef Mehdorn steht dennoch vor einem Imageproblem.

Berlin – Der Orkan "Kyrill" hat nicht nur den Terminplan von Tausenden wütenden Bahnkunden bundesweit durcheinander gewirbelt - auch Bahnchef Hartmut Mehdorn verbringt den Freitag anders als geplant. Am späten Vormittag erschien der Manager, begleitet von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), am neuen Berliner Hauptbahnhof.

Es galt, einen peinlichen Sachschaden zu inspizieren, der sich für die Bahn zu einem neuen Image-Problem auswachsen könnte.

Immerhin: Buh-Rufe von empörten Kunden musste Mehdorn bei seiner Visite nicht fürchten. Denn der Prestigebau blieb zunächst komplett fürs Publikum gesperrt, nur einige Journalisten wurden für eine improvisierte Pressekonferenz kurz mit ins Innere gebeten. Auch für die Beschäftigten der zahlreichen Geschäfte galt: Hausverbot.

Mehdorn kündigte an, der Zugverkehr solle ab 12 Uhr mittags wieder rollen - ein bisschen voreilig. Tatsächlich fuhren die S-Bahnen erst gegen 13.15 Uhr wieder, um 13.30 Uhr durften wieder Reisende in den Bahnhof. Die Durchfahrt für Fernzüge war aber nur im Nord-Süd-Tunnel des Bahnhofs möglich. Regionalzüge wurden umgeleitet, der restliche Fernverkehr lief über die beiden Bahnhöfe Spandau und Gesundbrunnen.

Schon am Morgen hatten Experten begonnen, die Sicherheit des Bahnhofs zu prüfen. Mitarbeiter der Bahn, der Bauunternehmen und des Eisenbahnbundesamtes waren beteiligt. Erst einmal galt es die akute Frage zu klären, ob noch weitere Teile der gläsernen Fassade absturzgefährdet sein könnten.

In der Sturmnacht hatte sich ein Stahlträger an der gläsernen Fassade gelöst und war auf die Freitreppe gestürzt. Mehrere Betonstufen wurden unter der Wucht des Aufpralls zertrümmert. Der andere Träger hat sich nur teilweise gelöst und hing schräg an der Glasfassade. Die Bauleitung versichert, dass der sofort nach dem Unglück gesichert wurde. Gegen Mittag wurden die beiden Stahlbalken von Bauarbeitern abtransportiert. Mehdorn betonte, für Bahnhofsbesucher bestehe keine Gefahr.

"Eigentlich dürfte so etwas nicht passieren"

Die tiefer gehende Frage, die der Bahn-Chef und sein Management-Team nun beantworten müssen, lautet indes: Wie ist es möglich, dass der erst vor acht Monaten eröffnete Bahnhof so anfällig für Sturmschäden ist? "Eigentlich dürfte so etwas nicht passieren", brachte es der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) auf den Punkt. Die Statiker und Architekten müssten sagen, was schief gegangen sei.

Auch der Präsident des Technischen Hilfswerks, Albrecht Broemme, sagte am Morgen im ZDF: "Es wird zu prüfen sein, ob die Statik richtig war, ob die Ausführung richtig war." Er wies darauf hin, dass eigentlich Bahnhöfe "in so einer Sturmnacht als die sicheren Orte" gelten sollten.

Unklar war, ob die Schuld eher bei der Bahn oder beim Architekten zu suchen ist. Wegen der auf Anordnung Mehdorns verkürzten Form des Glasdachs war es zwischen der Bahn und Architekt Meinhard von Gerkan zu einem offenen Konflikt gekommen. Im Streit um die Form eines Zwischendachs im Untergeschoss hatte der Architekt gerichtlich Nachbesserungen durchgesetzt.

Mehdorn wollte bei seiner Schadensvisite noch keinen Kommentar zur möglichen Ursache abgeben. Er betonte, die Mitarbeiter der Bahn seien keine Propheten, angesichts der Dimension des Sturms habe sich sein Unternehmen aber gut geschlagen. Der Abbruch der Träger sei nicht absehbar gewesen. "Das war das letzte, womit wir gerechnet haben." Der Bahnhof sei schön, "er ist zweckmäßig, er hat in den letzten zwölf Stunden geschwächelt", sagte Mehdorn, der bei seinem Auftritt gelassen wirkte. Es sei nicht zu befürchten, dass der Bau nun bei jeder Sturmwarnung vorsichtshalber gesperrt werden müsse.

Lag es an den Fugen?

Die gerissenen Stahlträger gehört zu einem der beiden hoch aufragenden Bürogebäude des Bahnhofs. Diese sogenannten Bügelbauten, zwischen denen das gläserne Dach über den oberirdischen Gleisen verläuft, waren Ende Juli 2005 in einem weltweit einmaligen Verfahren angebracht worden. Dabei wurden zwei 1250 Tonnen schwere Stahlskelette über dem Glasdach montiert.

Tausende Menschen verfolgten damals, wie die Bauteile ähnlich einer Klappbrücke im Zeitlupentempo von der Senkrechten in die Waagerechte aufeinander zukippten. Nach rund 21 Stunden war die spektakuläre Montage erfolgreich beendet.

Mehdorn sagte heute, die Statik des Gesamtgebäudes sei nicht beinträchtigt, da es sich bei den Trägern um reine Dekorationselemente gehandelt habe. Bei der Pressekonferenz am Vormittag hieß es, das Problem habe wahrscheinlich bei den Fugen gelegen - sie seien nicht fest genug eingepasst gewesen.

Schaulustige mit Kamera

Der geräumte Platz um den Bahnhof hatte am Morgen zahlreiche Schaulustige angelockt - trotz strömenden Regens. Ein Rentner, der mit seiner Digitalkamera versuchte, ein Foto zu schießen, war erleichtert: "Ich war neugierig, wie es hier aus der Nähe aussieht", sagte er, "zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert".

Auch die Sightseeing-Busse, die den Hauptbahnhof umkreisen, hielten einen Moment länger als sonst, damit die Touristen einen Blick auf die Unglücksstahlträger erhaschen konnten. "Auf Stadtrundfahrten bauen wir solche aktuellen Ereignisse mit ein", sagte ein City Guide, "und die Touristen fragen natürlich, warum der Bahnhof menschenleer ist".

Für die Taxiunternehmen der Stadt war die Sperrung des Hauptbahnhofs ein Glücksfall: "Wir haben viel zu tun", sagte ein Taxifahrer. Hin und wieder kamen Reisende, die von der Sperrung überrascht waren, "die springen dann nervös ins Taxi, um zu einem anderen Bahnhof zu kommen".

Auf der zerstörten Treppe im Eingangsbereich des Bahnhofs hatten sich zum Zeitpunkt des Unglücks keine Menschen befunden. Nur einige Fahrräder, die auf dem Platz abgestellt waren, waren beschädigt worden. Etwa 200 Bahnreisende, die wegen des eingestellten Bahnverkehrs auf dem Washington-Platz warteten, wurden entsetzt Zeugen des Unfalls.

itz/amz/jdpa/AP/Reuters/ddp/dpa-AFX

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.