Ifo-Studie Wie der Berliner Mietendeckel den Wohnungsmarkt implodieren ließ

Was passiert, wenn man die Mietpreise in einer Großstadt einfach einfriert? Das Münchner Ifo-Institut hat die Folgen anhand des inzwischen gekippten Berliner Mietendeckels untersucht. Die Effekte waren gewaltig.
Altbauten in Berlin: Altmieter profitierten vorübergehend

Altbauten in Berlin: Altmieter profitierten vorübergehend

Foto: Schoening / imago images

Als der damalige rot-rot-grüne Senat in Berlin den Mietendeckel diskutierte, warnten die Experten vor den Nebenwirkungen. Das Gesetz, das einen Teil der Mieten auf einem bestimmten Niveau einfror, werde denjenigen zum Vorteil gereichen, die gar keinen Schutz benötigen, hieß es. Den Schaden hätten dagegen die Normalverdiener, die auf der Suche nach einer neuen Wohnung sind. Die Mahnungen blieben unberücksichtigt. Am Ende währte der Mietendeckel gut vierzehn Monate, bis ihn das Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärte.

Für die Gilde der Immobilienmarktforscher kommt die Episode des Mietendeckels einem Feldversuch im Großmaßstab gleich, in dem sich gute und schlechte Auswirkungen detailliert auslesen lassen.

Das Münchner Ifo-Institut hat nun eine solche Studie vorgelegt. Für ihr Datenmaterial griffen die Forscher auf Annoncen des Immobilienportals immowelt.de zurück. Vom Ergebnis des sechsseitigen Papiers dürften sich jene bestätigt fühlen, die allein die Begrenzung der Mieten in den Mittelpunkt stellen. Denn tatsächlich sind die Mieten für die von dem Deckel erfassten Wohnungen deutlich gesunken. Und der Effekt hält auch seit dem Richterspruch aus Karlsruhe an. »Ein Nachholeffekt ist zwar zu beobachten«, sagt Ifo-Forscher Florian Neumeier, einer der Autoren der Studie. »Die Mietpreise sind jedoch noch nicht auf dem Niveau, auf dem sie wären, wenn es den Mietendeckel nicht gegeben hätte«. Allerdings ist der Preis, die die Berliner Mieter dafür an anderer Stelle bezahlen müssen, sehr hoch. Denn unter dem Regime des Mietendeckels sind die Mieten für Wohnungen, die von seinem Geltungsbereich ausgenommen waren, ungleich stärker gestiegen als in anderen deutschen Großstädten.

Der Mietendeckel galt für rund 1,5 Millionen Wohnungen, die vor 2014 fertiggestellt wurden. Für diese wurden die Mieten auf dem Stand von Juni 2019 eingefroren. Ab November 2020 waren zudem Mieten verboten, die mehr als 20 Prozent über einer definierten Obergrenze lagen.

Angebot stark zurückgegangen

Auffällig sei, dass die durchschnittlichen Angebotsmieten im regulierten Segment selbst nach Inkrafttreten des Mietendeckels über der jeweils zulässigen Höchstmiete lagen, heißt es in der Studie. Offensichtlich, so die Vermutung der Ökonomen, gingen die Vermieter davon aus, dass das Gesetz keinen Bestand haben würde, und wollten für diesen Fall ihren Anspruch auf eine höhere Miete vertraglich absichern.

Plattenbauten in Berlin: Feldversuch im Großmaßstab

Plattenbauten in Berlin: Feldversuch im Großmaßstab

Foto: imago images/Shotshop

Wie zielgenau die Preisbremse war – ob also tatsächlich im Wesentlichen die Einkommensschwachen profitierten und nicht Gutverdiener in ihren großen Altbauwohnungen in den vornehmen Stadtteilen – können die Ifo-Forscher indes nicht sagen. »Aus den Daten ließ sich nicht herauslesen, wer die Wohnung am Ende gemietet hat« erklärt Mitautorin Carla Krolage. Klar sei nur, dass alle Mieter im regulierten Segment vom Mietendeckel profitiert hätten, solange er in Kraft war.

Das Nachsehen hatten hingegen diejenigen, die in Berlin eine neue Bleibe finden mussten – Neuankömmlinge in der Stadt, Familien, die mehr Platz für die Kinder, oder Homeoffice-Angestellte, die eine Rückzugsmöglichkeit für konzentriertes Arbeiten suchten. Denn mit Inkrafttreten des Mietendeckels brach das Angebot auf dem Mietmarkt regelrecht ein. Die Zahl der inserierten Wohnungen fiel um rund 60 Prozent. »Bereits nach der Ankündigung des Mietendeckels ist das Angebot an Berliner Wohnungen stark zurückgegangen«, resümiert Ifo-Experte Mathias Dolls. Auf diesem Niveau verharre das Angebot seitdem. So lag die Zahl der Mietannoncen im 4. Quartal 2021 rund 70 Prozent unterhalb des Niveaus zu Beginn des Beobachtungszeitraums (2. Quartal 2017). In anderen deutschen Großstädten blieb das Niveau dagegen über den gesamten Zeitraum in etwa konstant.

Mieten für Neubauten stiegen überdurchschnittlich

Eine Ursache für das geschrumpfte Angebot vermuten die Experten darin, dass viele Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt und anschließend an Eigennutzer verkauft wurden, weil sich die Vermietung nicht mehr rentierte. Als Beleg dafür könne der deutliche Anstieg der Kaufannoncen in jenem Zeitraum gelten, in dem die Regelungen des Berliner Mietendeckels in Kraft waren. In den verglichenen Großstädten stagnierte dagegen die Anzahl der Verkaufsannoncen im gleichen Zeitraum. Seit dem 2. Quartal 2021, in dem der Mietendeckel für verfassungswidrig erklärt wurde, sei die Anzahl der Verkaufsannoncen in Berlin dagegen wieder stark zurückgegangen.

Das knappe Angebot wirkte sich aber auch auf jenen Teil des Marktes aus, der nicht vom Mietendeckel erfasst wurde, weil die Wohnungen nach dem 1. Januar 2014 bezugsfertig waren.

In diesem Segment stiegen die Mieten seit Ankündigung des Mietendeckels deutlich stärker an als in anderen deutschen Großstädten. Ein Trend, der auch durch den Spruch aus Karlsruhe nicht gestoppt wurde. Die heutigen Mieten für neuere Wohnungen würden den Berechnungen der Experten zufolge also spürbar niedriger ausfallen, wenn der Mietendeckel nicht eingeführt worden wäre.

Gewisse Ungenauigkeiten

In ihrem Resümee geben die Ifo-Forscher allerdings zu bedenken, dass es sich bei den verwendeten Daten um Miet- und Kaufangebote handelt und nicht um tatsächliche Vertragsabschlüsse. Zudem sind die Annoncen bei immowelt.de nicht notwendigerweise repräsentativ für den Immobilienmarkt insgesamt, weil dort gewerbliche Anbieter häufiger inserieren als private Vermieter.

Auch der Vergleich mit der Entwicklung in den anderen Großstädten enthalte ebenfalls gewisse Ungenauigkeiten. Ob sich der Immobilienmarkt in Berlin tatsächlich so entwickelt hätte, ist trotz der Parallelen in der Entwicklung vor der Ankündigung des Mietendeckels unklar. Dies gelte insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen der Coronapandemie, die möglicherweise einen dauerhaften Einfluss auf die Wohnortpräferenzen der Deutschen habe.