Berliner Sparmaßnahmen Springer fusioniert "Welt" und "Morgenpost"

Der Axel Springer Verlag macht Ernst mit seinem angekündigten Sparkurs und erprobt interessante publizistische Konzepte: Die Redaktionen und Verlage der Traditionsblätter "Berliner Morgenpost" und "Die Welt" werden zusammengelegt. Herausgeber der beiden Blätter wird der scheidende ZDF-Intendant Dieter Stolte.


Harter Sparkurs: Neuer Zeitungsvorstand Döpfner
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Harter Sparkurs: Neuer Zeitungsvorstand Döpfner

Hamburg/Berlin - Die beiden in Berlin produzierten Blätter werden jedoch weiterhin als eigenständige Titel erscheinen, betonte die Axel Springer Verlags AG (ASV) am Donnerstag. Chefredakteur der beiden Redaktionen wird der derzeitige "Welt"- Chef Wolfram Weimer, 37. Herausgeber der beiden Zeitungen soll zum 1. April 2002 der derzeitige ZDF-Intendant Dieter Stolte, 67, werden, der im März 2002 aus dem Amt scheidet. Die Münchner Regionalausgabe der "Welt" wird eingestellt.

"Mit der Zusammenlegung der Redaktionen erhöhen wir die Qualität der beiden Zeitungen und nutzen gleichzeitig erhebliche Synergiepotenziale", erklärte ASV-Zeitungsvorstand Mathias Döpfner. "Damit legen wir das Fundament für eine Marketing- und Qualitätsoffensive im hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt." Döpfner wird Anfang 2002 Vorstandschef beim größten Zeitungshaus Europas. Die Maßnahme sei zugleich Teil des Kostenmanagement- und Restrukturierungsprogramms, das der Verlag im Frühjahr dieses Jahres eingeleitet habe.

"Befreiungsschlag" und "Durchbruch"

Rettung vor dem Ruhestand: ZDF-Intendant Stolte wird Herausgeber
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Die Entscheidung sei ein "Befreiungsschlag" für die "Berliner Morgenpost" und ein "strategischer Durchbruch" für "Die Welt", sagte Chefredakteur Weimer am Donnerstag. Mit gemeinsamer Redaktion aber jeweils eigener Berichterstattung will man eine stärkere Profilierung der beiden Blätter erreichen. Kündigungen von Mitarbeitern werde es durch die Zusammenlegung nicht geben, betonte Weimer.

Stellvertreter Weimers und Redaktionskoordinator Berlin wird nach Verlagsangaben mit sofortiger Wirkung Jan-Eric Peters, 36 (ehemals "Max", "Extra"). "Die Welt", werde wie bisher als überregionale Zeitung in der bundesweiten Ausgabe erscheinen sowie mit der Regionalausgabe Berlin, die bereits von der "Berliner Morgenpost" erstellt wird, und den Ausgaben Hamburg/Bremen. Der derzeitige Chefredakteur der "Berliner Morgenpost", Herbert Wessels, 56, werde seine Tätigkeit beenden.

Der Axel Springer Verlag hatte Anfang November ein drastisches Sparprogramm angekündigt. Bis Ende 2003 soll dort jede zehnte Stelle wegfallen - insgesamt mehr als 1400 Arbeitsplätze. Beim ASV ist im ersten Halbjahr 2001 das operative Konzernergebnis von 127 Millionen auf 34 Millionen Euro (66,5 Millionen DM) eingebrochen. Bereits im Boomjahr 2000 hatte der Verlag einen rückläufigen Gewinn von einem Drittel auf 98 Millionen Euro verzeichnet.

Der Deutsche Journalistenverband (DJV) wertete die Zusammenlegung als "Irreführung des Lesers". Faktisch werde die "Morgenpost" in Berlin vom Markt genommen, da die überregionalen Texte künftig von der "Welt" stammten. Nach Angaben des DJV sollen durch die Zusammenlegung 260 Arbeitnehmer - rund 20 Prozent - ihren Arbeitsplatz verlieren.

Im dritten Quartal 2001 verkaufte "Die Welt" nach IVW-Angaben täglich (Montag bis Samstag) bundesweit 263.500 Exemplare (Montag bis Samstag), rund 45.000 davon in Berlin und Brandenburg. Die "Berliner Morgenpost" kam in der Region auf 157.000 Exemplare, während die zu Gruner+Jahr gehörende "Berliner Zeitung" auf 193.000 Exemplare und "Der Tagesspiegel" vom Holtzbrinck-Verlag auf 136.000 Exemplare kamen. Marktführer unter den Berliner Boulevard-Zeitungen ist die "B.Z" (250.000), der "Berliner Kurier" (167.000) und die "Bild"-Zeitung (147.000) folgen.



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