"Berliner Zeitung" Redakteure fordern Vetorecht gegen neuen Chefredakteur

Von Ruhe nach dem Sturm kann keine Rede sein bei der "Berliner Zeitung": Vor wenigen Tagen warf Chefredakteur Uwe Vorkötter das Handtuch, weil er mit den neuen Besitzern aus Großbritannien keine gemeinsame Linie fand. Jetzt fordert die Redaktion ein Vetorecht bei der Wahl des Nachfolgers.


Hamburg – Lange hatten die Redakteure der "Berliner Zeitung" gegen die Investorengruppe um den Briten David Montgomery gekämpft. Nun verlässt der bisherige Chefredakteur Uwe Vorkötter die "Berliner Zeitung", weil er sich mit den neuen Hausherren nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnte. Die Auffassungen über die inhaltliche und strategische Ausrichtung des Blattes seien zu unterschiedlich gewesen, erklärte der neue Geschäftsführer Peter Skulimma schlicht.

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Der Abgang des beliebten Chefredakteurs, der nun zur "Frankfurter Rundschau" geht, verstärkt die Sorge in der Redaktion über die Zukunft des Blatts. Denn der Nachfolger Vorkötters soll dem Wunsch der britischen Besitzer zufolge exorbitante Gewinnziele erreichen. 2006 erwartet die Gruppe einen Profit von 14,5 Millionen Euro, 2007 sollen es bereits 23,8 Millionen Euro sein. Die Redaktion befürchtet nun, dass die Qualität den Renditezielen untergeordnet wird. Für erhebliche Unruhe sorgten deshalb Meldungen, dass der stellvertretende Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Uwe Vetterick, als Nachfolger Vorkötters im Gespräch sei.

"Das war offenbar eine Ente", sagte Thomas Rogalla, Redakteur im Ressort Berlin, zu SPIEGEL ONLINE. Derzeit gelten nun Mitarbeiter aus dem eigenen Haus als potentielle Kandidaten für den Posten, so etwa Hendrik Munsberg, der derzeit stellvertretender Chefredakteur ist.

Trotzdem fordern die Mitarbeiter ein Vetorecht gegen einen neuen Chefredakteur, um böse Überraschungen zu vermeiden. Das Mitspracherecht soll in einem Redaktionsstatut festgehalten werden. Das wird derzeit ausgearbeitet und soll eine Art "Grundgesetz für den gegenseitigen Umgang" sein, wie Rogalla erklärt, der in dem dreiköpfigen Redaktionsausschuss sitzt. Die neue Geschäftsführung hätte bezüglich einer Mitsprache der Redakteure bei der Wahl des neuen Chefredakteurs aber bereits "erhebliche Bauchschmerzen" signalisiert.

Der Streit um das Thema scheint vorprogrammiert. Denn das Verhältnis zwischen den neuen Hausherren und der Redaktion ist nach wie vor angespannt - das zeigt auch ein Brief an Geschäftsführer Skulimma, den 110 der insgesamt 150 Redakteure unterschrieben haben. "Die Redaktion geht davon aus, dass Eigentümer und Geschäftsführung vor dem Abschluss der Verhandlungen über das Statut davon absehen, einen neuen Chefredakteur zu berufen und damit vollendete Tatsachen zu schaffen", heißt es in dem Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Das Gesprächsklima würde sonst schwer belastet.

"Wir sind der Überzeugung, dass ein Weg aus der konfrontativen Situation der vergangenen Monate nachhaltig nur zu finden ist, wenn der nächste (und alle weiteren) Chefredakteur/e im Einvernehmen mit der Redaktion gefunden werden – und nicht gegen sie durchgesetzt werden", erklären die Redakteure. "Wir sind verhandlungsbereit, aber von Ruhe kann keine Rede sein", beschreibt Rogalla die Stimmung unter den Mitarbeitern.

ase



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