Bertelsmann Der Dealmaker geht, der Sparkommissar kommt

Der neue Bertelsmann-Chef Gunter Thielen hat dem Medienkonzern einen harten Sparkurs verordnet. Ex-Vorstandschef Middelhoff bestätigte unterdessen, das gute Halbjahresergebnis werde zum Teil durch Sondererlöse erzielt.

Hamburg - Thomas Middelhoffs Auftritt bei den "Tagesthemen" war eine seltsame Veranstaltung. Bemüht gut gelaunt spielte der vor einigen Tagen geschasste Bertelsmann-Boss ein letztes Mal den CEO und erläuterte, warum es seinem ehemaligen Arbeitgeber "richtig gut gehe".

Eine Frage von Moderator Ulrich Wickert nach angeblichen Finanzproblemen, die der Konzern nur durch Umbuchungen habe kaschieren können, versuchte Middelhoff wegzuwischen. "Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen", so der Top-Manager. Im ersten Halbjahr 2002 werde Bertelsmann voraussichtlich ein Konzernergebnis von drei Milliarden Euro verbuchen. Dann gestand er allerdings ein: "Das liegt daran, dass wir natürlich ... die Sondererlöse haben, die sie zitiert haben."

Thielen drückt auf die Bremse

Durch vertragliche Verpflichtungen zum Kauf des US-Labels Zomba habe Bertelsmann eine selbst festgelegte Verschuldungsgrenze überschritten, erläuterte der neue Vorstandschef Thielen in einem Brief an die Mitarbeiter, den die Nachrichtenagentur Reuters zitiert. "Diese Verschuldung wollen wir in einer kurzfristigen Phase der Konsolidierung abbauen", schrieb Thielen.

Bertelsmann werde sich weiter auf den ab 2005 möglichen Börsengang des 25,1-prozentigen Anteils der belgischen Groupe Bruxelles Lambert (GBL) vorbereiten. Die von der Familie Mohn kontrollierten restlichen 75 Prozent würden hingegen nicht an die Börse gebracht.

Der dpa sagte Thielen: "Es ist nicht die Zeit großer Sprünge. Wir werden weniger dealen und mehr gestalten. Bertelsmann ist ein Unternehmen, das auf Grund der Stärke und Kreativität seiner Mitarbeiter wachsen kann."

So transparent wie Kirch?

Der Gütersloher Konzern hatte am Sonntagabend überraschend den Ausstieg Middelhoffs bekannt gegeben und diesen mit Differenzen über die weitere Konzernstrategie begründet. Mit Firmenpatriarch Reinhard Mohn, dessen Familie Bertelsmann in fünfter Generation führt, hatte es vor allem Differenzen über den aggressiven Expansionskurs in neue Geschäftsfelder und das Volumen einer möglichen Aktienplatzierung gegeben.

Der fast 60-jährige Thielen, der Unternehmenskreisen zufolge eigentlich in wenigen Wochen in den Ruhestand verabschiedet werden sollte, dürfte in Zukunft eine konservativere Linie fahren als der "Dealmaker" Middelhoff. An den internationalen Finanzmärkten ist Thielen ein relativ Unbekannter. Laut einem Bericht des "Handelsblatts" herrscht bei Investoren die Meinung vor, Bertelsmann werde sich in Zukunft wesentlich stärker als bisher abschotten.

Thielen: Internationale Strategie bleibt erhalten

"Es liegt mir daran, Sie unverzüglich über den unternehmerischen Kurs des Hauses Bertelsmann zu informieren", schrieb Thielen an die Mitarbeiter des Konzerns. Der Vorstand habe die Strategie einvernehmlich verabschiedet. "Dabei legen wir den Schwerpunkt auf den Ausbau unserer Inhaltegeschäfte, die weiterhin international ausgerichtet sind", hieß es in dem Brief.

Das Ziel, mittelfristig eine Umsatzrendite von zehn Prozent zu erreichen, bleibe bestehen. Im ersten Halbjahr sei der Umsatz allerdings rückläufig gewesen. Angesichts der weltweit schwierigen Konjunktur schätze Bertelsmann die weitere Ergebnisentwicklung "sehr vorsichtig" ein.

Börsengang ist billiger als kein Börsengang

Bertelsmann hatte dem belgischen Großaktionär GBL beim Tausch eigener Anteile gegen die Mehrheit an der Sendergruppe RTL das Recht eingeräumt, sein Paket von 25,1 Prozent ab 2005 an die Börse zu bringen. Der Gütersloher Konzern hat aber ein Vorkaufsrecht auf die GBL-Anteile. Um einen Börsengang so zu verhindern, müsste Bertelsmann aber viel Geld in die Hand nehmen - Analysten schätzen den Wert des Pakets auf bis zu vier Milliarden Euro.

Thomas Middelhoff hatte sich für einen erweiterten Börsengang stark gemacht. "Ich bin der Auffassung, dass auch, wenn heute das Börsenklima schlecht ist, das Management die Flexibilität haben muss, dieses Unternehmen mittel- und langfristig börsennotiert weiterentwickeln zu können", hatte der 49-Jährige seine Strategie gerechtfertigt. Die Mohn-Familie sah das wohl anders: Unternehmenskreisen zufolge weigerte sie sich, aus ihrem 75-Prozent-Paket Anteile für einen Börsengang bereitzustellen.

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