Bertelsmanns Börsengang Kulturschock in Gütersloh

Dem Bertelsmannkonzern steht eine Revolution bevor. Der Anteilseigner GBL will einen Börsengang des Unternehmens erzwingen. Die Familie Mohn hatte dies nie gewollt. Dabei könnte der Aktienmarkt den Konzern voranbringen.


Hamburg - Zwölf Zeilen lang war die Erklärung, mit der sich Bertelsmann-Chef Gunter Thielen heute erstmals zu den plötzlichen Ereignissen äußerte. Gerade hatte die belgische Finanzholding Groupe Bruxelles Lambert (GBL) erklärt, ihren Anteil von 25,1 Prozent an dem Gütersloher Familienunternehmen an die Börse bringen zu wollen. Der Konzern erfülle die Kriterien dafür, ließ Thielen dazu in dem Statement schlicht mitteilen. "Wir haben von Banken auf Kapitalmarktfinanzierung umgestellt, verfügen über Ratings und betreiben bereits aktiv Investor Relations. Kurzum: Wir sind vorbereitet."

Firmenpatriarchin Liz Mohn und Tochter Brigitte: "Familienunternehmen sind wie Staaten ohne Demokratie"
DPA

Firmenpatriarchin Liz Mohn und Tochter Brigitte: "Familienunternehmen sind wie Staaten ohne Demokratie"

Wurde die Konzernführung vom geplanten Verkauf der GBL-Anteile am Kapitalmarkt überrascht? Erst im Dezember hatte Thielen auf dem traditionellen Bertelsmann-Kongress den 600 anwesenden Managern noch im Brustton der Überzeugung erklärt, GBL-Boss Albert Frère habe ihm kürzlich versichert, "dass er derzeit kein Interesse daran hat, seine Anteile zu verkaufen".

"Albert Frère ist ein professioneller Investor", erklärte Thielen heute. "Da musste man immer auch mit einer kurzfristigen Entscheidung rechnen." Doch unabhängig davon, ob Thielen die bereits früher erahnte: Der Vorstoß von GBL bedeutet eine Revolution für das zum Weltkonzern mutierte Familienunternehmen. Denn auch wenn Thielen was die formalen Kriterien betrifft vorgesorgt hat - ein Börsengang wird von der Eigentümerfamilie Mohn, die über die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft noch 75 Prozent der Anteile kontrolliert, mit Argwohn betrachtet.

"Börsenunternehmen stehen im Scheinwerferlicht"

Dabei würde ein Börsengang dem Unternehmen nur gut tun, glaubt der Hamburger Wirtschaftsrechtler Michael Adams. "Studien haben gezeigt, dass die profitabelsten Firmen börsennotierte Familienunternehmen sind, bei denen der Gründer noch mit an Bord ist, ohne die Mehrheit zu haben." Ein Börsengang bedeute immer Disziplinierung. "Große Familienbetriebe werden geführt wie Staaten, in denen es keine Demokratie gibt. Da ist vieles undurchschaubar. Als börsennotierte Firma stehen sie plötzlich im Scheinwerferlicht: Sie müssen ständig Bericht erstatten, werden von Analysten durchleuchtet. Das ist letztendlich die Rettung für Viele."

Wenn der Geschäftsführer eine neue Investition plane, könne die Familie am nächsten Tag in die Zeitung schauen, um die Einschätzung unabhängiger Experten zu bekommen. "Das braucht ein Unternehmer auch als Schutz vor den ganzen Höflingen, die sich ihm andienen."

"Mohn wollte RTL unbedingt haben"

Schon einmal stand ein Börsengang des Bertelsmann-Imperiums zur Diskussion. Der ehemalige Konzernchef Thomas Middelhoff versuchte einst das behäbige Traditionsunternehmen an den Aktienmarkt zu treiben. Middelhoff, der sich selbst gerne als "Amerikaner mit deutschem Pass" bezeichnete, wollte Bertelsmann zu einem der drei großen internationalen Medien- und Kommunikationshäuser machen. Er schwor auf E-Business, Fernsehen, Musikverlage und auf rasantes Wachstum.

Doch obwohl Middelhoff teils spektakuläre Ergebnisse einfahren konnte, wurde er 2002 überraschend vom Aufsichtsrat vor die Tür gesetzt. Wegen unterschiedlicher strategischer Auffassungen, wie es damals hieß. "Der Hauptgrund war der geplante Börsengang", sagt Buch-Autor Thomas Schuler ("Die Mohns")

An Middelhoffs Stelle wurde der damals bereits 60-jährige Thielen gesetzt, der als Vertrauter von Liz Mohn gilt und selbst "eine Mischung aus Konsolidierung und Vorwärtsbewegung" versprach. Die Zeit der Visionen sei vorbei, jetzt gehe es darum, Verluste zu beseitigen und Geschäfte abzusichern, erklärte der frischgebackene Vorstandschef bei seiner Amtsübernahme.

Es scheint wie Ironie der Geschichte, dass nun ausgerechnet eine unter Middelhoffs Vorherrschaft getroffene Vereinbarung den Börsengang doch noch erzwingen könnte. Denn im Tausch gegen 25,1 Prozent der Verlagsanteile überließ GBL 2001 Bertelsmann Anteile an der Sendergruppe RTL, womit der Verlag die Kontrolle über den TV-Konzern erlangte. Mohn habe damals die Klausel notgedrungen akzeptiert, dass GBL ab Mai 2006 den Börsengang von Bertelsmann erzwingen kann, um seine Anteile am Aktienmarkt platzieren zu können. "Mohn wollte RTL unbedingt haben, weil er glaubte, dass das Fernsehen Bertelsmann riesige Gewinne bringen würde", sagt Schuler. In dieser Hinsicht hatte der Patriarch Recht: RTL ist inzwischen zum Zugpferd der Gütersloher geworden.

Die Verkaufsklausel jedoch könnte dafür sorgen, dass Mohns Schreckensvision vom renditefixierten Börsenkonzern sich jetzt erfüllen könnte. Denn es gilt als unwahrscheinlich, dass die Familie Mohn selbst die Anteile der Belgier zurückkauft, deren Wert die "Financial Times" auf rund fünf Milliarden schätzt.



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