Beschädigte Pipeline Weltwirtschaft bangt um Öllieferungen aus dem Kaukasus

Eine der wichtigsten Ölleitungen der Welt führt durch Georgien - zum Ärger Russlands. Georgiens Präsident Saakaschwili wirft Moskau vor, die Kontrolle über die Pipeline gewinnen zu wollen. Experten rechnen jetzt mit steigenden Ölpreisen.

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Hamburg - Der Preissturz beim Öl ist zu Ende - die Kosten für den Rohstoff steigen wieder, wenn auch vorerst nur leicht. Die Sorte West Texas Intermediate kostete mit 115,35 Dollar pro Barrel 15 Cent mehr als am Freitag, die Nordseesorte Brent verteuerte sich um 32 Cent auf 113,65 Dollar.

Feuer an der Pipeline: Ölfluss aus Zentralasien unterbrochen
REUTERS

Feuer an der Pipeline: Ölfluss aus Zentralasien unterbrochen

Experten sehen den Konflikt zwischen Russland und Georgien als Grund dafür. Die Sorge vor einer weiteren Eskalation der Lage in Georgien wächst. Händler rechnen damit, dass ein andauernder Konflikt in der Kaukasus-Region die Öllieferungen aus den Fördergebieten um das Kaspische Meer unterbrechen könnte.

Durch eine der wichtigsten Leitungen der Welt, im Frühjahr 2006 in Betrieb genommen, fließt jetzt schon kein Öl mehr: Vergangenen Dienstag bekannte sich die kurdische Untergrundorganisation PKK zu einem Anschlag auf die Pipeline, die vom aserbaidschanischen Baku über das georgische Tiflis ins türkische Ceyhan reicht. Nach Informationen der pro-kurdischen Nachrichtenagentur Firat habe ein Sabotageakt der PKK zu einem Feuer auf türkischem Staatsgebiet geführt, das den Öltransport unterbrochen habe. Am heutigen Montag meldete die staatliche türkische Pipelinegesellschaft Botas, das Feuer sei gelöscht. Doch bis die Leitung repariert ist, dürfte es noch einige Tage dauern; zudem soll es durch die russisch-georgischen Kämpfe angeblich neue Störungen geben.

Seit bald einer Woche fließt kein Öl mehr durch diese transkaukasische Ader.

Üblicherweise strömen durch die überwiegend unterirdische Pipeline täglich rund eine Million Barrel Öl, aus dem Fördergebiet in Aserbaidschan, vorbei an russischem Gebiet, bis ans Mittelmeer. BTC heißt die knapp 1800 Kilometer lange Röhre, benannt nach den Initialen der Städte Baku, Tiflis und Ceyhan. Durch drei Länder führt sie - zur Verärgerung Moskaus ist Russland nicht dabei. Moskau hatte lange Zeit versucht, den Bau der Leitung zu verhindern.

Angesichts des gigantischen Ausfalls halten Experten den Preisanstieg noch für moderat. "Es ist verwunderlich, dass der Ölpreis heute nur minimal um etwa ein Prozent gestiegen ist", sagte ein Analyst SPIEGEL ONLINE. "Immerhin geht es um eine bedeutende Pipeline, die derzeit nicht funktioniert."

Ein anderer Analyst erklärt den nur leichten Preisanstieg mit der Kostenexplosion in den vergangenen Monaten. "Da spielten Spekulationen eine Rolle, der Preis war vorher übertrieben hoch, durch nichts begründet. In den vergangenen Wochen ist er zwar gesunken, aber immer noch auf einem hohen Niveau geblieben. Der Konflikt in Georgien schlägt deshalb nicht voll auf den Preis durch."

Ölpipelines in Georgien: Von Tiflis Richtung Mittelmeer
SPIEGEL ONLINE

Ölpipelines in Georgien: Von Tiflis Richtung Mittelmeer

Doch sollte nicht bald wieder zentralasiatisches Öl durch BTC fließen, könnte sich das rasch ändern. "Es haben in der Vergangenheit schon Störungen von Pipelines gereicht, die nur 200.000 Barrel am Tag führen, um die Preise zu beeinflussen. Eine Million Barrel ist eine ganz erhebliche Menge - wenn nicht bald etwas geschieht, dürfte Öl wieder deutlich teurer werden", erklärt eine Analystin. Derzeit werde das Öl aus Aserbaidschan über Tiflis ins georgische Poti gepumpt. Aber das reiche nicht, um den Ausfall der BTC zu kompensieren.

An den Handelsplätzen wird spekuliert, Russland habe den Konflikt um Südossetien genutzt, um Kontrolle über die Ölleitung zu gewinnen. "Es gibt unbestätigte Meldungen, wonach russische Kampfflugzeuge die Leitung am Wochenende bombardierten", sagt ein weiterer Analyst in Frankfurt und verweist auf die Aussage des georgischen Sicherheitsberaters, wonach die Russen sechs Bomben auf die Pipeline abgeworfen hätten. Moskau wolle Georgien als unzuverlässiges Transitland für Öl und Erdgas bloßstellen und die Kontrolle über die Rohstofftransporte zurückgewinnen. Alle vier von SPIEGEL ONLINE befragte Analysten wollten nicht namentlich genannt werden.

Rohstoff-Experten und Analysten untermauern damit die Behauptung von Georgiens Präsidenten Micheil Saakaschwili, der Russland vorwirft, die Energierouten außerhalb Russlands kontrollieren zu wollen. In Tiflis ist von einer "Invasion" Russlands und einer "Okkupationspolitik" die Rede.

Moskau, sagen Rohstoff-Experten, habe immer noch nicht verkraftet, dass mit der BTC die Karten im Poker um Energiereserven in Zentralasien neu gemischt wurden. Man habe Russland einfach vor die Tür gesetzt und nicht mehr mitspielen lassen. "Das war im strategischen Interesse Europas, aber auch der USA", sagt ein Analyst. "Schließlich wird dort Öl transportiert, das weder aus Russland noch aus den Opec-Ländern kommt. Jetzt nutzt Russland die Gelegenheit, sich wieder ins Spiel zu bringen."

Deutschland trifft das Versiegen des Öls aus Aserbaidschan nur wenig - im ersten Halbjahr wurden nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbands nur knapp 1,8 Millionen Tonnen Öl aus dem Land importiert, 3,4 Prozent der Gesamteinfuhren. Den größten Teil, 30,2 Prozent, kaufte Deutschland in Russland ein.



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