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UNTERNEHMER Besser ohne Beutel

Mit einem neuartigen Staubsauger sorgte der Brite Dyson in seiner Heimat für Furore. Nun will er auch die Deutschen mit dem beutellosen Gerät beglücken.
aus DER SPIEGEL 38/1998

James Dyson haßt Konventionen. Nie trägt der grauhaarige Engländer eine Krawatte, und in seiner Firma läßt er sich von jedem nur mit dem Vornamen anreden.

Selten sitzt James, der mit 16 die Schule abgebrochen hat, an seinem runden Marmorschreibtisch, ständig ist er in seiner neuen Fabrik in der Nähe von Bristol unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen und mit den Mitarbeitern zu reden. Aktennotizen und E-Mails, das hat der Chef seinen 1200 Mitarbeitern befohlen, »gibt es bei uns nicht, denn die persönliche Kommunikation ist viel effektiver«.

Die Skepsis gegenüber Konventionen hat Dyson, 51, reich gemacht. Weil der gelernte Designer mit den herkömmlichen Geräten nicht zufrieden war, erfand er den Staubsauger quasi neu und baute eine florierende Fabrik auf. Mit seinen »Dual Cyclone«-Geräten hat der Newcomer innerhalb von zwei Jahren den Staubsaugermarkt in England umgekrempelt und inzwischen sämtliche etablierten Konkurrenten abgehängt.

Nun will der ehrgeizige Brite auch in Deutschland, wo jährlich knapp fünf Millionen Staubsauger verkauft werden, starten. Ende September sollen die futuristisch gestylten Maschinen überall zu kaufen sein. »Die Deutschen«, gibt sich der smarte Firmenchef siegessicher, »sind sehr qualitätsbewußt, und deshalb werden wir hier noch mehr Erfolg haben als in England.«

Dysons grau-gelbe Staubsauger kommen ohne lästigen Beutel aus. Statt dessen wird die angesaugte Luft zunächst auf Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Durch die so entstehende Zentrifugalkraft wird der Schmutz aus der Luft abgeschieden und in einem Klarsichtbehälter gesammelt, der alle paar Wochen zu leeren ist.

Mit der Wirbelstromtechnik wird nach Meinung Dysons das Hauptproblem aller konventionellen Geräte, die nach dem 1908 von der US-Firma Hoover erfundenen Prinzip arbeiten, beseitigt: der immer stärkere Verlust an Saugkraft, wenn sich der Staubbeutel allmählich füllt. »Meine Technik«, behauptet der Brite stolz, »bedeutet das Aus für den Staubbeutel.«

Nach bürgerlichen Maßstäben war Dyson bereits ein gemachter Mann, als er sich vor fast 20 Jahren erstmals mit der Staubsaugertechnik auseinandersetzte. Der Grund: Der passionierte Gärtner hatte Mitte der siebziger Jahre eine Schubkarre entwickelt, die anstelle des Gummireifens mit einem Plastikball rollte.

Obwohl die »Ballbarrow« genannte Karre viel teurer war als andere, wurde sie ein Riesenerfolg, denn sie sank in lockerer Erde nicht ein und hinterließ auf dem Rasen keine Spuren. Die simple Idee machte Dyson zum Millionär.

Sein neues Lebensziel entdeckte der Vater von drei Kindern eines Tages beim Hausputz: »Ich ärgerte mich darüber, daß mein Hoover so schlecht saugte, obwohl der Beutel noch nicht voll war.«

Da erinnerte sich Dyson an die Filter in der »Ballbarrow«-Fabrik, die ständig für saubere Luft sorgten und nie verstopften. Er verkaufte die Fabrik und begann zu experimentieren.

Obwohl er »in Physik eine Niete« war und auch nie Ingenieurwissenschaften studiert hatte, stand für ihn das Grundprinzip der Wirbelstromtechnik von Anfang an fest. Dennoch bastelten Dyson und seine Mitarbeiter »mehr als 5000 verschiedene Prototypen« zusammen, ehe er fünf Jahre später seinen beutellosen Staubsauger zum Patent anmeldete.

Zunächst versuchte er, die etablierten Hersteller für seine Erfindung zu begeistern. Doch alle winkten ab. Bei der Firma Black & Decker ließen ihn die Manager nicht mal rein.

Erst als er schon fast pleite war, zeigte ein japanischer Händler Interesse. »Die Verhandlungen mit den Japanern waren ein Alptraum«, erinnert sich Dyson.

Ende der achtziger Jahre entschloß er sich, eine eigene Fabrik aufzubauen. Er kratzte sein letztes Geld zusammen und fand nach langem Suchen eine Bank, die zögernd ein paar Millionen Mark lockermachte.

Als die ersten »Dual Cyclones« 1993 in England auf den Markt kamen, staunte sogar der selbstbewußte Newcomer. Obwohl die Staubsauger mit gut 600 Mark dreimal so teuer waren wie die meisten Konkurrenzprodukte, stieg die Nachfrage steil an. Innerhalb von fünf Jahren verzehnfachte sich der Umsatz auf jetzt 600 Millionen Mark.

Obwohl die Fabrik in Malmesbury bereits dreimal vergrößert wurde und inzwischen täglich 9000 Staubsauger vom Band rollen, zeichnen die Architekten schon wieder an Erweiterungsplänen.

Damit will sich der rastlose Unternehmer, der zum Beraterkreis von Englands Ministerpräsident Tony Blair zählt, aber nicht zufriedengeben. »Mit nur einem Produkt sind wir zu verletzlich«, hat Dyson erkannt und deshalb seine Entwicklungsabteilung auf 200 Leute, Durchschnittsalter 25, aufgestockt. »Mit Alltagsgeräten«, hat Dyson ihnen eingebleut, »kann man heute nur dann Geld verdienen, wenn man ein völlig neuartiges Konzept entwickelt.«

Was dabei herauskommt, hält Dyson noch geheim. Neugierige Fragen wehrt er mit einer Gegenfrage ab: »Sind Sie etwa mit Ihrer Waschmaschine oder mit Ihrem Toaster zufrieden?«

[Grafiktext]

Verkaufte Staubsauger der beliebtesten Marken in Großbritannien

[GrafiktextEnde]

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Verkaufte Staubsauger der beliebtesten Marken in Großbritannien

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