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Computer Bestenfalls Müll

Das Internet verändert die Computerindustrie. Einer fühlt sich schon als Sieger: Scott McNealy mit seiner Firma Sun Microsystems.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Drei- bis viermal die Woche geht Scott McNealy aufs Eis. Dann jagt der Chef der US-Computerfirma Sun Microsystems für die San-Jose-Sharks dem Puck nach - wie es sich für diesen Sport gehört und wie er es mag: mit schnellem Antritt, flinker Reaktion und natürlich entschlossenem Körpereinsatz.

»Das Spiel ist so wunderbar darwinistisch«, sagt McNealy. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Puck, in der Ecke des Büros steht ein Bündel von Schlägern, und an der Wand hängen Sharks-Wimpel. Wie ein Eishockeyspiel sieht der Sun-Chef auch seinen Job. Die Grundregeln, meint er, seien dieselben: »Have lunch or be lunch« - fressen oder gefressen werden.

Der Mann mit den großen Zähnen und den großen Sprüchen gibt derzeit den Ton an im Silicon Valley. Seit elf Jahren steht McNealy, 41, an der Spitze von Sun Microsystems (sechs Milliarden Dollar Umsatz, 15 000 Beschäftigte). Aber noch nie fand er soviel Aufmerksamkeit wie in den vergangenen Wochen und Monaten.

Das unscheinbare Unternehmen, das jahrelang ohne großes Aufsehen sogenannte Workstation-Computer baute, machte im vergangenen Jahr an der Börse Furore: Sun hat, im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten, die richtige Software und Hardware für die neue Internet-Ära.

Ende Januar sorgte McNealy für Aufmerken, als er dem kriselnden Konkurrenten Apple ein demütigendes Übernahmeangebot machte: Der neureiche Aufsteiger wollte für die Ikone der amerikanischen High-Tech-Industrie nicht einmal den Börsenwert bezahlen, der Ende vergangener Woche bei knapp 29 Dollar pro Aktie lag. Zum Abschluß kam es bisher nicht, die Verhandlungen dauern noch an.

Es ist noch nicht lange her, da war Sun nur Insidern ein Begriff. Die Firma baute ordentliche Computer und machte gute Geschäfte. Das war's.

Die Firmenkultur ist auch heute noch eher nüchtern. Sie hat wenig vom freischwebenden Künstlertum der passionierten Programmierer, die einst das Silicon Valley und Firmen wie Apple berühmt machten.

Und als Visionär, wie in diesem Landstrich schnell jeder genannt wird, der einmal eine richtige Prognose abgegeben hat, sieht sich McNealy schon gar nicht. »Ich bin eher sehr logisch und sehr rational.«

Scott McNealy ist der große Außenseiter im Silicon Valley. Computerfreaks wie Apple-Gründer Steven Jobs und Microsoft-Chef Bill Gates brachen ihr Studium ab, um ihre High-Tech-Träume zu verwirklichen. McNealy hat in Harvard und Stanford Wirtschaft studiert - zu Ende. Im Gegensatz zu anderen Computerbossen hat er nie eine Zeile programmiert.

Das Silicon-Valley-übliche Outfit täuscht: Hinter T-Shirts, Jeans und Turnschuhen verbirgt sich ein knochenharter Manager. Wer nicht an seine Strategie glaubt, dem legt er nahe, die Firma zu verlassen. »Ich bin leidenschaftlich, entschlossen und begeistert«, charakterisiert er sich selbst.

Wer mitzieht, darf unbegrenzt arbeiten. Die banalen Dinge des Alltags sollen niemand von der Arbeit abhalten: Reinigung, Autowerkstatt, Fotoentwicklung, Video- und Blumenladen - alles ist im Sun-Haus vorhanden.

Alle 14 Tage erscheint der Boß auf den Computerbildschirmen aller seiner Mitarbeiter, um über die Lage des Unternehmens zu sprechen und im Ton eines Eishockeytrainers die Mannschaft auf Kurs zu halten. Doch selten hat er etwas anderes im Auge als die nüchternen Zahlen. »Mein Job ist einzig und allein, meine Aktionäre zufriedenzustellen.«

Die können nicht klagen. Der Aktienkurs hat sich in den zurückliegenden zwölf Monaten verdreifacht. Das Magazin Business Week nennt Sun »das effizienteste Unternehmen dieser Industrie«. McNealy verspricht den Aktionären einen Kurs von 100 Dollar bis zum Jahresende.

Der plötzliche Glanz des Durchschnittsunternehmens Sun kam 1995 - und er kam unerwartet. Mit der plötzlichen Explosion des weltweiten Internet wurde ausgerechnet der Spezialistenladen zum Aufsteiger der Branche.

Schon frühzeitig hatte McNealy seine Firma auf zwei Dinge eingeschworen: Computer müssen vernetzt sein, sonst sind sie wertlos. Und: Die Software-Grundlage dafür ist das Betriebssystem Unix.

Die Wirkung blieb lange schwach, die Realität sah anders aus. Alleinstehende PC, jeder einzelne ausgerüstet mit der Software von Microsoft, dominierten in den Büros. Doch mit dem Internet veränderte sich die ganze Computerlandschaft. Sun ist plötzlich bestens positioniert: Die Firma hat die Technologie für große Netzwerke. »Wir hatten Glück«, gesteht McNealy. »Aber gleichzeitig waren wir gut.«

Jetzt, auf dem vorläufigen Höhepunkt seines Ruhms, scheint der ganze Frust über die scheinbar übermächtige Konkurrenz aus ihm herauszubrechen. Software von Microsoft ist für Scott McNealy bestenfalls »Müll«.

Die Großcomputer von IBM und anderen, so räumt er großmütig ein, sind für ihn die Rechner der siebziger Jahre, »sozusagen Busse und Züge« im Verkehrssystem. Und auch die Personalcomputer läßt der Sun-Boß nur gnädig als das Modell der achtziger Jahre gelten: »Die sind doch wie Fahrräder. Billig, aber langsam und ziemlich schlecht, wenn es mal regnet.« Sein Urteil: zum Aussterben verdammt.

»Wir dagegen haben die richtigen Autos für den Information-Superhighway«, sagt McNealy. Und Bescheidenheit ist seine Sache nun wirklich nicht: »Wir haben die Computer des nächsten Jahrhunderts.«

Das Rezept gegen die Konkurrenz heißt Java. Diese Software entwickelte Sun Anfang der neunziger Jahre, anfangs wußte niemand in der Firma etwas damit anzufangen.

Doch im Internet-Zeitalter zeigt sich, daß Java die Computer- und Softwareindustrie vollständig verändern kann. Mit Hilfe dieser Programmiersprache können Programme geschrieben werden, die kleiner sind als bisherige Computerprogramme. Diese sogenannten Applets kann sich jeder Internet-Nutzer billig oder gar gratis vom Internet in den Computer laden.

McNealy erwartet, daß die bisherige Softwareindustrie eines Tages überflüssig ist. »Der größte Anbieter wird die größten Probleme haben«, sagt der Sun-Chef seinem Erzkonkurrenten Bill Gates von Microsoft voraus. Der hat inzwischen sogar schon um eine Lizenz für Java gebeten.

Auch die Computer werden sich ändern. Im Internet-Zeitalter sollen die heutigen PC weitgehend abgelöst werden durch kleine Billig-Computer, die sich Daten und Programme aus dem Netz holen. Für die Server dagegen, die leistungsfähigen Computer, die das Herz des Internets ausmachen, sorgen Firmen wie Sun.

McNealy sieht sich als Sieger, potente Konkurrenten wie Hewlett-Packard, IBM, Motorola, Intel oder Microsoft glaubt er fest im Griff zu haben.

Auf bestimmte Ziele will sich McNealy jedoch nicht festlegen. »Ziele stehen nur im Wege«, behauptet er.

Er habe nur einen Vorsatz, sagt er: jeden Morgen aufstehen und soviel wie möglich arbeiten. Denn, so McNealy »Dieses ist kein Geschäft für Herzkranke.«

»PC sind wie Fahrräder - billig, langsam und schlecht, wenn es regnet«

[Grafiktext]

Entwicklung der Aktie von Sun Microsystems 1994-96

[GrafiktextEnde]

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