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NEUER MARKT Betriebssystem »Kaos«

Schein und Sein bei Metabox: Die Geschäfte der Skandalfirma laufen schlecht, bei großspurigen Ankündigungen ist sie Spitze.
Von Beat Balzli und Hans-Jürgen Jakobs
aus DER SPIEGEL 12/2001

Der Chef lauschte den Ausführungen eines Vorstandskollegen, als plötzlich die Tür des Konferenzraums aufsprang: »Herr Domeyer, haben Sie einen Moment Zeit?«

Stefan Domeyer hatte. Draußen standen am vorvergangenen Mittwoch um 9.30 Uhr ein Staatsanwalt und Landeskriminalbeamte mit dem Durchsuchungsbefehl für Büros und Wohnungen von Vorständen.

Zehn Minuten nach dem Auftritt der »unangemeldeten Gäste« (Domeyer) hatte sich der Vorstandsvorsitzende wieder gefangen: »Sie sehen, ich lache auch jetzt.«

Doch die Ad-hoc-Aktion der Justiz war ein weiterer empfindlicher Schlag für seine Hildesheimer Metabox AG. Immerhin hatte Domeyer noch zwei Tage zuvor getönt, der Staatsanwalt in Hannover werde seine Ermittlungen bald einstellen.

Seit Monaten schon verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit bei der norddeutschen Technologiefirma auf schwer nachvollziehbare Weise. Da sind aus lange verkündeten Großaufträgen noch keine entsprechenden Lieferungen geworden, da schmilzt die Geschäftsprognose fürs Jahr 2000 über Nacht zusammen. So wurde die kleine Metabox AG zur viel beachteten Skandalfirma am Neuen Markt, der 1997 gestarteten Börse für Zukunftswerte.

Vergangene Woche reichte die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre Strafanzeige gegen Vorstand und Aufsichtsrat ein - wegen des Verdachts auf Kursbetrug und Insiderhandel. Kurz darauf legte Engelbert Nelle, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes, sein Amt als Aufsichtsrat nieder. Er sucht Distanz zu einer Firma, gegen die strafrechtlich ermittelt wird.

Die Justizbehörden vermuten, es gäbe zahlreiche düstere Geheimnisse rund um Metabox. Einzelne Manager und Aufsichtsräte, so der Verdacht, hätten sich zuerst zum günstigen Preis von jeweils einem Euro bei Kapitalerhöhungen frische Aktien beschafft und dann frisierte Jubelmeldungen über angebliche Supergeschäfte initiiert, um so den Aktienwert zu pushen.

Laut der Anzeige eines Aktionärs habe ein Vorstandsmitglied im Juni 2000 vor einer der vielen Positiv-News auf eigene Rechnung Aktien erworben - und kurz vor einer Gewinnwarnung am 28. September wiederum Wertpapiere verkauft. »Es wird alles unter die Lupe genommen«, sagt Oberstaatsanwalt Manfred Knothe, die Auswertung dauere noch Wochen.

»Es gab keine Bereicherung bei Metabox«, erklärt Vorstandschef und Hauptaktionär Domeyer. Kein Vorstand und Aufsichtsrat habe Aktien verkauft, niemals sei »Geld in die Privatsphäre geflossen«.

Vorstände und Aufsichtsräte hätten sich nicht mit Billigaktien eingedeckt, sondern lediglich Wertpapiere zurückerhalten, die sie vorher der Metabox AG zum Verkauf an externe Investoren geliehen hätten. Die Ad-hoc-Meldungen seien ordnungsgemäß. Domeyer: »Es gibt keinen Fall Metabox, es gibt nur eine Unternehmung.«

Sicher ist, dass aus den hochfahrenden wirtschaftlichen Plänen der Metabox bisher wenig geworden ist. Ihre TV-Zusatzgeräte Metabox 50 und Metabox 500 sind alles andere als Verkaufshits. Von den Geräten, die ausgewählte Internet-Seiten übertragen können, wurden im Jahr 2000 bis September nur 15 000 Geräte verkauft.

Auch die Kundenakquisition erwies sich als schwierig. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa etwa beklagte technische Probleme bei Metabox 500, angeblich kamen Signale auf dem Bildschirm nicht an. Domeyer erwidert, das Geschäft sei wegen der schlechten Presse geplatzt.

Mit seinem neuen Produkt »Phoenix« sollen endlich die Riesengeschäfte kommen. Das Gerät ermögliche dem TV-Zuschauer digitales Fernsehen zu empfangen, im Internet zu surfen, Musik und Filme auf CDs abzuspielen sowie einzelne Wunschfilme gegen Gebühr abzurufen. Das Allround-Ding mit dem Betriebssystem »Kaos« sei technisch ohne Alternative.

Rund um das interaktive Fernsehen ist ein Kampf der Hersteller entbrannt. Sie sprechen vor allem mit den Kabelnetzbetreibern, die dank solcher Zusatzgeräte neue Dienste anbieten wollen.

Für die Zukunft sind bislang vor allem Geräte von Herstellern wie Galaxis, Motorola oder Siemens im Gespräch. Die Software kommt von Größen wie Microsoft oder Open-TV. Die Hildesheimer Tüftler können in dieser Liga kaum mithalten.

Die Firma aus der Provinz leidet erkennbar an einem Makel: »Phoenix« ist noch immer nicht zur Marktreife entwickelt - auch wenn Metabox bereits prächtige Geschäftsaussichten mit dem Wunderkasten verkündet hat.

Schon im April 2000 wurde eine »strategische Allianz« mit einem ausländischen Unternehmen avisiert. Es erhalte 500 000 Geräte, geliefert werde ab dem dritten Quartal 2000 - ein Volumen von einer halben Milliarde Mark.

Involviert ist die israelische Ampa Investment, die bei Metabox 3,5 Prozent der Aktien hält. Deren Chef Asher Fogel bestätigte dem SPIEGEL, dass die Mutterfirma Ampa ein Partner von Metabox sei. Sie wolle Boxen installieren und den Service übernehmen. Der Banker schwärmt von der Technik ("phantastisch") und ergänzt, er habe vor zwei Wochen einige Exemplare der jüngsten »Phoenix«-Version erhalten. Derzeit würden sie in den Ampa-Labors erprobt.

Im nächsten Schritt sollen laut Fogel 17 Server in Israel installiert werden, derzeit würden die Tests noch über einen Server in Deutschland laufen. Sein Zeitplan: Letzte Tests Ende Sommer, Lieferung von ersten Geräten im vierten Quartal 2001. Insgesamt sieht Fogel in den nächsten Jahren »ein Potenzial von 500 000 Kunden«.

Bei Metabox-Chef Domeyer hatte es im September 2000 anders geklungen. »Weiter gediehen ist unser Israel-Geschäft, wir liegen hier im Zeitplan«, schrieb er den Aktionären. Kürzlich hatte Domeyer gegenüber dem SPIEGEL für den Großauftrag eine Boxen-Lieferung im zweiten Quartal 2001 bestätigt. Deshalb bleibe es beim geplanten Anstieg des Umsatzes von 50 Millionen Mark (2000) auf 600 Millionen in 2001. Wie will er das jetzt schaffen?

Noch widersprüchlicher erscheint der größte Deal der Metabox, ein »Letter of Intent« vom 28. Juni 2000 über 1,8 Millionen Geräte. Man sei, heißt es in der damaligen Ad-hoc-Meldung, »exklusiver Partner« für ein »skandinavisches E-Commerce-Konsortium« namens Inter-Nordic. Eine Großbank, ein Medienunternehmen, ein Online-Shop, ein Telekommunikationsunternehmen seien dabei. Details zu Namen fehlten.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bekannt ist nur Thao Ngo aus dem dänischen Odense. Der Inter-Nordic-»Manager« ist gleichzeitig Direktor des PC-Shops Communiq. Die Klitsche setzte 1999 laut der Auskunftei Dun & Bradstreet knapp eine Million Dollar um. Mit der Presse will Ngo nichts zu tun haben.

Im Dunkeln bleibt, wer bei MetaTV Nordic mitmacht, an dem sich Metabox mit zehn Prozent beteiligt hat. Unter der angegebenen Telefonnummer antwortet niemand, unter der Internet-Adresse findet sich Ngos Computer-Shop. Der Händler hält 90 Prozent der Anteile für die »Beteiligung weiterer Unternehmen«, sagt Domeyer.

In einem Aktionärsbrief vom 6. September 2000 hatte der Vorstandschef sogar über ein »Bietergefecht um die Teilnahme an dem Konsortium« zwischen fünf Telekommunikationsfirmen räsoniert. Die Entscheidung falle Ende Oktober.

Wer die Schlacht gewann, weiß bis heute keiner. Die Offensive ist in Domeyers Aktionärsprosa kein großes Thema mehr.

In der skandinavischen Telekomszenerie scheint Inter-Nordic ein Phantom zu sein. »Nie davon gehört«, sagt ein Sprecher von Tele Denmark, die im Kabel-TV aktiv ist. Ähnliches beim norwegischen Branchenriesen Telenor: »Inter-Nordic ist uns unbekannt«, sagt ein Sprecher. Laut Telenor-Manager Hans Fjøsne habe es lediglich im Dezember Kontakte mit Metabox gegeben, man habe sich die Technologie der Deutschen angeschaut. »Seither ist es ruhig«, meint Fjøsne. Einen Vertrag gäbe es nicht.

An der Börse hatten die Verheißungen der Metabox im Sommer 2000 für eine Kursexplosion gesorgt - ganz real.

Umso stärker der Schock, als Ende September Vorstandschef Domeyer in einer Gewinnwarnung die Planwerte für das Jahr 2000 drastisch zurücknahm.

Die Firma zog die Notbremse. In der US-Firma Global Emerging Markets fand sie einen Investor. Die Partner einigten sich über eine »equity line of credit« von 20 Millionen Euro - das Geld fließt gegen Abgabe verbilligter Metabox-Aktien.

Grund für den Deal waren finanzielle Probleme. In einem internen Beschluss vom 20. November 2000 steht: »Auf Grund der außerordentlich angespannten Liquiditätslage der Gesellschaft ist der Vorstand gezwungen, der Gesellschaft umgehend liquide Mittel zu beschaffen.«

Ansonsten drohe, heißt es da, »schwerer, unmittelbar bevorstehender Schaden in Form des Eintritts der Zahlungsunfähigkeit«. BEAT BALZLI, HANS-JÜRGEN JAKOBS

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