Betrug bei indischem IT-Giganten Rajus riskanter Ritt auf dem Tiger

Indien erlebt den größten Betrugsfall seiner Geschichte: Der IT-Konzern Satyam hat seine Bilanz um mehr als eine Milliarde Dollar aufgebläht. Firmengründer Raju, einst umworbener Star, gilt jetzt als Betrüger der Nation - und die ganze Branche steht unter Verdacht.

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Hamburg - So schlecht war die Stimmung auf den Fluren in der Firmenzentrale im südindischen Hyderabad noch nie. "Niemand weiß, was aus uns wird", sagt ein Mitarbeiter des IT-Konzerns Satyam. Vom größten Betrugsfall in der indischen Geschichte ist die Rede, von einem "indischen Enron." Premierminister Manmohan Singh spricht gar von einem "Schandfleck für unser Wirtschaftsimage".

Satyam-Gründer Raju: "Ritt auf dem Tiger"
DPA

Satyam-Gründer Raju: "Ritt auf dem Tiger"

Der Grund: Firmengründer B. Ramalinga Raju, 54, bislang gefeierter Star der Branche, soll sieben Jahre lang die Bilanzen gefälscht und um mehr als eine Milliarde Dollar aufgebläht haben. Unter anderem soll er rund 6000 Stellen in den Büchern geführt haben, die es tatsächlich gar nicht gab. Gewinne wurden kolossal übertrieben, Schulden kleingerechnet.

Aber der Reihe nach. Satyam, was "Wahrhaftigkeit" bedeutet, das war eine dieser indischen Traumgeschichten, von der niemand dachte, dass sie einmal so böse endet: Raju, ein armer, aber kluger Bauernsohn, entdeckt seine Leidenschaft für Computer. Er gründet 1987 eine Firma, vier Jahre später öffnet sich die indische Wirtschaft dem Weltmarkt.

Aus dem Computerladen erwächst ein Global Player: Softwareprogrammierung, IT-Beratung, Outsourcing. Das Interesse großer ausländischer Firmen an den Dienstleistungen ist groß, zumal Satyam zu sagenhaft günstigen Preisen arbeitet, billiger selbst als die meisten indischen Konkurrenten. Zu den Kunden gehören Weltkonzerne wie General Electric, Nestlé und Sony. Inzwischen arbeiten angeblich 53.000 Menschen in aller Welt für Satyam.

In nur wenigen Jahren wird Satyam zum viertgrößten Unternehmen in Indiens boomender Tech-Industrie, ist an den Börsen in Mumbai und in New York gelistet. Die Firma zählt unter indischen Hochschulabsolventen zu den beliebtesten Arbeitgebern, Raju wird ein Vorbild für die Studenten: Was der kann, kann jeder Inder schaffen, lautet die Botschaft.

Raju vor Gefängnis in Hyderabad: Dubiose Buchhaltertricks
REUTERS

Raju vor Gefängnis in Hyderabad: Dubiose Buchhaltertricks

Satyam verhilft der Stadt Hyderabad zum Ruf einer IT-Metropole, die es mit Bangalore aufnehmen kann. Außerdem spendet er Millionen für Kranke, baut eine Ambulanzdienst auf, investiert 20 Millionen Dollar jährlich in die Verbesserung der Trinkwasserversorgung und in den Bau sanitärer Anlagen im Bundesstaat Andhra Pradesh. Tausenden von talentierten Dorfjugendlichen verhilft er zu einem Job in seinem Konzern. Die Menschen lieben Raju.

"Wahrhaftigkeit" auf den Kopf gestellt

Doch Raju mogelt. All das, was er aufgebaut hat, lässt sich nur durch buchhalterische Tricks aufrechterhalten. Angeblich wusste selbst der Finanzchef von Satyam nichts von den Tricks. Raju selbst betont, er habe kein Geld für sich privat abgezweigt, sondern alles in die Firma gesteckt.

Doch er hält den Druck, die Mühe, all die Betrügereien zu verbergen, nicht mehr aus. In einer verzweifelten Aktion versucht er noch, den Satyam-Vorstand dazu zu bewegen, die Baufirmen Maytas Properties und Maytas Infra zu kaufen, die seiner Familie gehören. Maytas ist Satyam rückwärts gelesen - in Indien amüsieren sich die Menschen jetzt darüber, dass Raju mit Maytas die "Wahrhaftigkeit" wortwörtlich auf den Kopf drehte.

Doch Vorstand und Aktionäre machen bei dem vorgeschlagenen Deal nicht mit. Raju tritt die Flucht nach vorn an: In einem Brief an den Verwaltungsrat seines Unternehmens und an die Börsenaufsicht in Mumbai offenbart er sich. "Es war wie der Ritt auf einem Tiger", schreibt er. "Man weiß nicht, wie man absteigen soll, ohne dabei gefressen zu werden." Der Satz wird millionenfach in indischen Zeitungen gedruckt, er wird in die indische Wirtschaftsgeschichte eingehen.

Inzwischen sitzen Raju, sein Bruder sowie mehrere Manager von Satyam im Zentralgefängnis von Hyderabad in Untersuchungshaft. Ein Interimsvorstand lenkt die Geschäfte. Am Freitag sollen ein neuer Vorstandsvorstand sowie ein neuer Finanzchef bestimmt werden. Raju, der einstige Star der indischen Wirtschaft, steht jetzt als größter Betrüger der Nation da. Viele Auszeichnungen, die er als vorbildlicher Unternehmer erhielt, muss er nun zurückgeben. Rajus Sohn wird in indischen Zeitungen mit den Worten zitiert, sein Vater leide unter der Situation, sei wortkarg, fast depressiv. Er lese viel in seiner Zelle, unter anderem in den Schriften von Buddha.

Imageschaden für Prüfer von PricewaterhouseCoopers

Nach und nach kommen immer mehr Details ans Licht. Erst jetzt wird klar, dass Raju wichtige Posten in seinem Konzern nur deshalb an enge Familienangehörige vergab, damit der Betrug nicht aufflog. Die Ermittler fragen sich nun: Welcher Verwandte wusste wie viel? Sie zweifeln an den Beteuerungen Rajus, er habe sich nicht persönlich bereichert. Ein Staatsanwalt erklärt am Donnerstag in Hyderabad, es gebe zudem Hinweise darauf, dass Raju in mindestens 400 krumme Grundstückgeschäfte in Andhra Pradesh verwickelt sei. Deswegen werde der Manager wohl noch einige Tage länger in Untersuchungshaft bleiben.

Einen gehörigen Imageschaden hat auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) erlitten - sie will die gigantischen Bilanzfälschungen schlicht nicht gesehen haben. Das wirft kaum ein besseres Licht auf die Prüfer, als wenn sie zugeben würden, sie hätten die Mängel gesehen und vertuscht. So bleibt die Frage: Wie unfähig sind diese Kontrolleure?

"Es wäre naiv zu glauben, dass sie von etwas in dieser Größenordnung nichts mitbekommen haben", sagt ein Wirtschaftsprüfer eines indischen Konkurrenzunternehmens. So gut könne keine Bilanz frisiert werden, nicht in dieser Größenordnung. "Ich bin überzeugt, dass man da wohlwollend über alle Mängel hinweggesehen hat. Damit haben diese Prüfer auf ganzer Ebene moralisch versagt."

Daneben wirft der Fall Satyam aber auch die Frage auf, wie es eigentlich um die Führungskultur in indischen Unternehmen steht. Wenn die Zahlen bei Satyam allesamt gefälscht waren - wie glaubwürdig sind dann die gigantischen Wachstumszahlen bei anderen indischen IT-Riesen wie Infosys, Wipro oder Tata Consultancy Services?

Mitarbeiter beten für Firmengründer Raju

"Man sollte nicht die Ehrlichkeit der indischen IT-Industrie oder gar der gesamten indischen Wirtschaft in Frage stellen", sagt ein Sprecher des indischen Industrieverbandes CII. Es sei allerdings ein "gewisses strukturelles Problem", dass die indische Wirtschaft von nur wenigen Familien beherrscht werde. Tatsächlich regieren wenige Wirtschaftsbosse wie Maharadschas über ihre Konzernimperien, bestehen Führungsgremien überwiegend aus ihren Familienmitgliedern. Eine unabhängige Kontrolle ist da schwerlich möglich.

Der Fall Satyam weckt erstmals Zweifel in der indischen Bevölkerung am System des Familienkonzerns, das bislang als extrem erfolgreich galt: Ein Patriarch baut innerhalb weniger Jahre ein Konglomerat aus Firmen auf, engagiert sich sozial, beschäftigt Tausende von Menschen und geriert sich als eine Art Familienvater seiner Mitarbeiter.

Aber was, wenn alles nur auf Luftbuchungen beruht? Was, wenn auch die anderen IT-Konzerne ihre Bilanzen fälschen?

Kratzer erhielten die IT-Unternehmen zuletzt vor wenigen Wochen, als aufflog, dass nicht nur Satyam, sondern auch Konkurrent Wipro versucht hatte, Mitarbeiter der Weltbank zu bestechen - beide Unternehmen sind nun für mehrere Jahre für Aufträge von der Weltbank gesperrt.

"Wir halten zu Raju", sagt der Satyam-Mitarbeiter in Hyderabad. Vor dem Unternehmen haben die Angestellten Plakate mit Solidaritätsadressen für den Firmengründer aufgestellt, manche legen vor dem Gefängniseingang Blumen nieder, andere beten vor der Firmenzentrale und entzünden ein Feuer. "Raju, halte durch!", steht auf einem Banner.

"Die Zukunft von Satyam ist ungewiss", sagt der Mitarbeiter, "vielleicht werden wir von einem anderen Unternehmen gekauft, vielleicht schaffen wir es auch aus eigener Kraft." Er räuspert sich. "Möglich ist auch, dass wir diese Geschichte nicht überleben. Für 53.000 Menschen wäre das eine persönliche Katastrophe."



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