Bierbrauer im Libanon Hopfen statt Haschisch

Von , Beirut

2. Teil: "Ich kam mir vor wie ein Drogendealer"


Aus seinen Schulzeiten in England ist Hajjar eine breite Palette an Geschmacksrichtungen gewöhnt. Ein dänischer Freund, heute einer seiner drei Geschäftspartner, schleppte Koffer voller Zutaten und Gerätschaften nach Beirut. Hajjars Wohnung wurde zur Versuchsküche, vorerst für den Eigenbedarf. "Dann begann es sich rumzusprechen, dass man bei uns gutes Bier bekommt", sagt Hajjar. Mitten in der Nacht hätten Leute auf dem Weg zur nächsten Party bei ihm geklingelt und gefragt, ob sie ein paar Flaschen kaufen könnten. "Ich kam mir vor wie ein Drogendealer."

Heute entsteht "961" in einer Fabrikhalle in einem Beiruter Vorort. Dort stapeln sich Säcke mit importierten Hopfen und Malz, in vier riesigen Stahltanks fermentiert die Maische. Fünf Angestellte überwachen die Entstehung von vier Sorten, von denen das "Lager" und "Red Ale" dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen. Das "Belgische Weizen" mit seinen Koriandersamen und der Orangenschale für mehr Geschmack bekäme das Gütesiegel nicht. Auch das "Sweet Stout", das Hajjar nach langem Experimentieren mit einer Prise braunem Zucker und Espresso würzt, ist nichts für Puristen, aber köstlich. Ab und an kreiert Hajjar eine Sonderedition: Ein 15-prozentiges Gebräu, halb Bier, halb Wein, von dem er behauptet, es sei wirklich gut. Oder das "Haselnuss Porter", von dem er noch ein paar Fässer vorrätig hat, und das tatsächlich gut ist.

Der Libanon ist ein kleines Land, das immer wieder von politischen Erdbeben erschüttert wird. Nachhaltigkeit und Gemeinsinn werden im Zedernstaat klein geschrieben. Genau dagegen stemmt sich "961": "Aus meinen vorherigen Jobs kenne ich sehr viele Geschäftsleute hier. Ich will ihnen beweisen, dass man Geld machen kann, auch wenn man ethische Grundsätze beherzigt", sagt Hajjar. Das fängt damit an, dass die Firma - im Libanon immer noch eine Seltenheit - Steuern zahlt.

Hopfen statt Haschisch

Den Kunden soll nicht nur das Bier und die dazu servierten Burger schmecken, sie sollen sich mit dem Produkt identifizieren. Dazu gibt es "Wiederaufforstungsmonate", in denen "961" für jedes verkaufte Bier einen Baum pflanzt. In anderen Monaten kommt ein Teil des Gewinns einem Krebs-Zentrum für Kinder zugute. Das Engagement ist betont unpolitisch: "Die Politiker haben unser Land noch jedes Mal in den Abgrund geritten", sagt Hajjar. Er sponsert deshalb das libanesische Rugby-Team. Libanesische Fußball-Mannschaften werden von der Hisbollah, von Christen-Parteien oder Sunniten-Gruppen gesponsert. Rugby ist nicht groß genug, als dass sich politische Parteien für den Sport engagieren würden. "Deshalb machen wir das, auch um zu verhindern, dass sich da doch noch eine politische Gruppe hineinzwängt."

Hajjar ist oft abends in seinem Pub, berät die Gäste, welches Bier zu welchem Essen passt, setzt sich dazu und plaudert. Im vergangenen Jahr überlegte er mit Stammkunden, wie man den Marihuana-Anbau im krisengebeutelten libanesischen Bekaa-Tal verhindern könnte. Bei diversen Bieren hätten sie einen Plan ausgebrütet, wie man den Bauern eine gewinnbringende Alternative zum Haschisch bieten könne: "Hopfen", sagt Hajjar. Die Weltmarktpreise für Hopfen seien auf Rekordniveau, damit könnte man die libanesischen Farmer vielleicht aus der Illegalität locken.

Dass aus der an einem Kneipenabend geborenen Idee tatsächlich ein Projekt wurde, liegt daran, dass es sich bei seinen Gästen um Diplomaten der deutschen Botschaft handelte, sagt Hajjar. "Die haben das angepackt und einen deutschen Hopfen-Experten mitsamt Pflanzen eingeflogen." Seitdem klettern 60 Ranken in einem Versuchsgarten im Bekaa-Tal in die Höhe. Vergangene Woche war der deutsche Pflanzen-Spezialist auf Einladung der Botschaft wieder da, um nach dem Rechten zu sehen.

Im Herbst wird sich zeigen, ob das Unternehmen libanesischer Hopfen Erfolg hat: Hopfen braucht enorm viel Licht. Im Libanon, in dem die Sommertage kürzer sind als in Europa, könnte die Ernte deshalb misslingen. Sollte der Hopfen jedoch reifen und sich zum Geschäftszweig auswachsen, hätte Hajjar den Beweis erbracht, dass auch soziales Engagement profitabel sein kann. "Das entspricht meinem Motto: mit Abenteuerlust gegen den Strom", sagt der Bierbrauer.



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