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20. April 2009, 15:31 Uhr

Bierbrauer im Libanon

Hopfen statt Haschisch

Von , Beirut

Kriegsreporter, Investmentbanker - und schließlich Bierproduzent: Ausgerechnet in Beirut braut der Jungunternehmer Mazen Hajjar erfolgreich eigenes Bier. Es heißt nach der Vorwahl des Landes "961" - und sein Hersteller will auch ein Beispiel für ethische Unternehmenskultur geben.

An dem Tag, an dem Mazen Hajjar beschließt, eine Brauerei zu gründen, fallen Bomben auf seine Heimatstadt. Der damals 31-Jährige sitzt auf seiner Terrasse. Ab und zu zerreißen Detonationen die Starre, in die Beirut seit Beginn des Krieges Israels gegen die Hisbollah in diesem Sommer 2006 gefallen ist. Hajjars Wohnung liegt vielleicht vier Kilometer Luftlinie von den schiitischen Vororten entfernt: Genug, um sich zwar unbehaglich, aber sicher zu fühlen. Genug, um sich trotz Krieges zu langweilen.

Bierbrauer Mazen Hajjar: Mitten in der Nacht klingelten Leute und fragten nach Bier
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Bierbrauer Mazen Hajjar: Mitten in der Nacht klingelten Leute und fragten nach Bier

Hajjar schlägt ein Buch auf, das er schon lange lesen will: "Bier-Schule" von Steve Hindy. Der ehemalige Journalist beschreibt darin, wie er seine Mikro-Brauerei in Brooklyn gründete und sein Boutique-Bier zum Welterfolg machte. "Ich las den ersten Absatz und war wie elektrisiert", erinnert sich Hajjar heute an der Theke seines Bier-Restaurants im schicksten Ausgehviertel Beiruts. Denn der Autor begann die Erzählung von seinem Aufstieg zum Idol der Kleinbrauer-Gemeinde ausgerechnet mit einer Szene, die Hajjar nur zu bekannt vorkam. "Ich lag in meinem Bett in Beirut und wurde vom Wummern der Bomben geweckt", schreibt der ehemalige Kriegsreporter, der während des Bürgerkriegs in Beirut stationiert war.

Hajjar war klar: Das konnte kein Zufall sein. Sein Vorbild und er hatten zu viel gemeinsam. Beide waren sie als Reporter in Kriegen unterwegs gewesen, beide hatten sich das Bierbrauen selbst beigebracht, und offenbar reifte auch bei Hajjar just in dem Moment eine Geschäftsidee, als Beirut unter Feuer lag.

Kriegsreporter, Investmentbanker - dann Bierbrauer

"961" heißt das Bier, das zweieinhalb Jahre nach jenem Sommer nicht nur in vielen der besseren Kneipen des Libanon, sondern auch in Kanada, Schweden, Finnland und Dänemark zu haben ist. Als nächsten Abnehmer für seinen nach der Telefonvorwahl des Libanon benannten Gerstensaft hat Hajjar deutsche Händler im Blick. "Deutsche Kunden sind auf jedes besondere Bier neugierig", sagt er. "961" sei in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: "Das fängt schon damit an, dass wir die einzige handwerkliche Brauerei in der gesamten arabischen Welt sind." Hajjar hofft, bald einen Ableger in Deutschland zu gründen und dort für den europäischen Markt zu brauen. "Die Bedingungen in Deutschland sind immer noch die besten."

Hajjar hat sein Abitur an einem Hippie-Internat in England gemacht, hat einen Master in Politik-Wissenschaft, einen anderen als Jurist. Danach kamen Jahre als Kriegsfotograf in Sarajevo, dann war er Investmentbanker, mit 27 Jahren Berater der fünf wichtigsten libanesischen Banken. Mit 29 Jahren gründet Hajjar mit Freunden und einem Geldgeber vom Golf Menajet, die erste Billigfluglinie im Nahen Osten, mittlerweile eine Charterfluggesellschaft.

Mit 35 Jahren fängt er an, Bier zu brauen - und es dauert noch ein Jahr, bevor er sich während des Krieges entschließt, daraus einen Beruf zu machen.

Probleme als Alkohol-Produzent in einem mehrheitlich muslimischen Land hat er dabei nicht - obwohl er selbst aus einer muslimischen Familie stammt: "Seit Jahrtausenden wird im Libanon Wein gekeltert und Trester-Schnaps gebrannt." Bei Bier allerdings höre die Alkohol-Kultur auf: "Vor uns gab es genau eine einheimische Biersorte, Almaza", erzählt Hajjar in seinem in schwarz-weiß-rotem Industriedesign gehaltenen Lokal, in dem sich die Kellner Schürzen umbinden: Gleich beginnt das Mittagsgeschäft.

"Ich kam mir vor wie ein Drogendealer"

Aus seinen Schulzeiten in England ist Hajjar eine breite Palette an Geschmacksrichtungen gewöhnt. Ein dänischer Freund, heute einer seiner drei Geschäftspartner, schleppte Koffer voller Zutaten und Gerätschaften nach Beirut. Hajjars Wohnung wurde zur Versuchsküche, vorerst für den Eigenbedarf. "Dann begann es sich rumzusprechen, dass man bei uns gutes Bier bekommt", sagt Hajjar. Mitten in der Nacht hätten Leute auf dem Weg zur nächsten Party bei ihm geklingelt und gefragt, ob sie ein paar Flaschen kaufen könnten. "Ich kam mir vor wie ein Drogendealer."

Heute entsteht "961" in einer Fabrikhalle in einem Beiruter Vorort. Dort stapeln sich Säcke mit importierten Hopfen und Malz, in vier riesigen Stahltanks fermentiert die Maische. Fünf Angestellte überwachen die Entstehung von vier Sorten, von denen das "Lager" und "Red Ale" dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen. Das "Belgische Weizen" mit seinen Koriandersamen und der Orangenschale für mehr Geschmack bekäme das Gütesiegel nicht. Auch das "Sweet Stout", das Hajjar nach langem Experimentieren mit einer Prise braunem Zucker und Espresso würzt, ist nichts für Puristen, aber köstlich. Ab und an kreiert Hajjar eine Sonderedition: Ein 15-prozentiges Gebräu, halb Bier, halb Wein, von dem er behauptet, es sei wirklich gut. Oder das "Haselnuss Porter", von dem er noch ein paar Fässer vorrätig hat, und das tatsächlich gut ist.

Der Libanon ist ein kleines Land, das immer wieder von politischen Erdbeben erschüttert wird. Nachhaltigkeit und Gemeinsinn werden im Zedernstaat klein geschrieben. Genau dagegen stemmt sich "961": "Aus meinen vorherigen Jobs kenne ich sehr viele Geschäftsleute hier. Ich will ihnen beweisen, dass man Geld machen kann, auch wenn man ethische Grundsätze beherzigt", sagt Hajjar. Das fängt damit an, dass die Firma - im Libanon immer noch eine Seltenheit - Steuern zahlt.

Hopfen statt Haschisch

Den Kunden soll nicht nur das Bier und die dazu servierten Burger schmecken, sie sollen sich mit dem Produkt identifizieren. Dazu gibt es "Wiederaufforstungsmonate", in denen "961" für jedes verkaufte Bier einen Baum pflanzt. In anderen Monaten kommt ein Teil des Gewinns einem Krebs-Zentrum für Kinder zugute. Das Engagement ist betont unpolitisch: "Die Politiker haben unser Land noch jedes Mal in den Abgrund geritten", sagt Hajjar. Er sponsert deshalb das libanesische Rugby-Team. Libanesische Fußball-Mannschaften werden von der Hisbollah, von Christen-Parteien oder Sunniten-Gruppen gesponsert. Rugby ist nicht groß genug, als dass sich politische Parteien für den Sport engagieren würden. "Deshalb machen wir das, auch um zu verhindern, dass sich da doch noch eine politische Gruppe hineinzwängt."

Hajjar ist oft abends in seinem Pub, berät die Gäste, welches Bier zu welchem Essen passt, setzt sich dazu und plaudert. Im vergangenen Jahr überlegte er mit Stammkunden, wie man den Marihuana-Anbau im krisengebeutelten libanesischen Bekaa-Tal verhindern könnte. Bei diversen Bieren hätten sie einen Plan ausgebrütet, wie man den Bauern eine gewinnbringende Alternative zum Haschisch bieten könne: "Hopfen", sagt Hajjar. Die Weltmarktpreise für Hopfen seien auf Rekordniveau, damit könnte man die libanesischen Farmer vielleicht aus der Illegalität locken.

Dass aus der an einem Kneipenabend geborenen Idee tatsächlich ein Projekt wurde, liegt daran, dass es sich bei seinen Gästen um Diplomaten der deutschen Botschaft handelte, sagt Hajjar. "Die haben das angepackt und einen deutschen Hopfen-Experten mitsamt Pflanzen eingeflogen." Seitdem klettern 60 Ranken in einem Versuchsgarten im Bekaa-Tal in die Höhe. Vergangene Woche war der deutsche Pflanzen-Spezialist auf Einladung der Botschaft wieder da, um nach dem Rechten zu sehen.

Im Herbst wird sich zeigen, ob das Unternehmen libanesischer Hopfen Erfolg hat: Hopfen braucht enorm viel Licht. Im Libanon, in dem die Sommertage kürzer sind als in Europa, könnte die Ernte deshalb misslingen. Sollte der Hopfen jedoch reifen und sich zum Geschäftszweig auswachsen, hätte Hajjar den Beweis erbracht, dass auch soziales Engagement profitabel sein kann. "Das entspricht meinem Motto: mit Abenteuerlust gegen den Strom", sagt der Bierbrauer.

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