Bietergefecht Kampf um Schering gerät zum Übernahme-Krimi

Das Bietergefecht um Schering wird immer undurchsichtiger: Will Merck die Übernahme von Schering durch Bayer lediglich so teuer wie möglich machen oder plant Merck, den Berliner Konkurrenten zu zerschlagen? Die Meldungen aus Konzernkreisen reißen nicht ab - und werden immer widersprüchlicher.


Berlin - Schon seit Freitag kauft Merck unablässig Aktien vom Berliner Konkurrenten Schering und torpediert so die Milliardenübernahme von Konkurrent Bayer. Fast 21 Prozent der Schering-Anteile hält Merck inzwischen und nähert sich damit gefährlich der Sperrminorität von 25 Prozent. Ohne eine Einigung mit Merck hat Bayer nach Einschätzung von Analysten kaum noch Aussicht, die angestrebte Dreiviertelmehrheit bis zum Auslaufen der Annahmefrist am 14. Juni zu erreichen.

Tabletten von Schering und Bayer: Angeblich hat Merck sich mit Siemens verbündet
DPA

Tabletten von Schering und Bayer: Angeblich hat Merck sich mit Siemens verbündet

Bayer hielt gestern nur gut 61 Prozent. Dabei wird das überraschende Bietergefecht immer verwirrender. Denn offiziell wird nichts mehr erklärt, und die Informationen, die aus den beteiligten Unternehmen nach außen dringen, passen so gar nicht zueinander.

Merck wolle Schering zerschlagen, falls es der Firma gelingt, die Übernahme des Berliner Pharmakonzerns durch die Bayer AG zu verhindern, berichtet etwa die "Rheinische Post" mit Verweis auf Konzernkreise. Dabei habe Merck einen mächtigen Verbündeten: den Elektronikkonzern Siemens. Dieser könnte im Falle eines Scheiterns des Bayer-Angebots von einem Mehrheitseigner Merck die Kontrastmittel-Sparte kaufen. Merck selbst interessiere sich vor allem für die Onkologie-Sparte von Schering. "Wir halten uns aus der Schering-Übernahme heraus", sagte ein Siemens-Sprecher inzwischen. Er wollte aber keine Stellung dazu nehmen, dass Siemens an Scherings Kontrastmittel-Produktion interessiert sei.

Das "Handelsblatt" schreibt dagegen ebenfalls unter Berufung auf Unternehmenskreise, Merck wolle lediglich die Kosten für die Übernahme hochtreiben. Merck ziele auf einen Preis von mehr als 90 Euro je Schering-Aktie. Bayer bietet bisher 86 Euro je Papier. Lasse sich Bayer auf die Preisvorstellung der Darmstädter ein, sei der Konzern laut Übernahmerecht gezwungen, allen Aktionären den höheren Preis zu zahlen. Der Gesamtpreis für Schering würde in diesem Fall um rund 800 Millionen Euro auf deutlich mehr als 17 Milliarden Euro steigen. Wie das Blatt weiter berichtet, hat Bayer inzwischen telefonisch Kontakt mit Merck aufgenommen, bisher aber noch keine Bereitschaft zu Zugeständnissen signalisiert.

Headhunter bei Schering unterwegs

Derweil wird die Stimmung bei Schering immer schlechter: Betriebsratschef Norbert Deutschmann warnte vor der Abwerbung von Fachkräften des Unternehmens. "Die Headhunter sind schon unterwegs und versuchen, unsere Leute abzuwerben. Die Frage ist, wann sind die Leute bereit, darauf einzugehen", sagte er. Der Wert von Schering stecke in den Patenten und den Köpfen der Mitarbeiter. Er hoffe, dass Merck letztlich Verantwortung zeigt und nicht nur kurzfristige Interessen verfolgt. "Es geht auch um den Pharmastandort Deutschland, der durch die Bieterschlacht weiter geschwächt werden könnte", sagte er.

Auch der Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie, (IG BCE), Hubertus Schmoldt, betonte, dass bei einer Übernahme von Schering in jedem Fall der Pharmastandort Deutschland profitieren müsse. "Bei forschenden Arzneimittelherstellern kommt es darauf an, dass die finanziellen Ressourcen für die Forschung und Entwicklung ausgeweitet werden", sagte er.

Von der Strategie der Bayer-Führung bei der geplanten Übernahme halten Arbeitnehmervertreter dabei wenig. "Die Konzernleitung hätte Aktien kaufen und kein unsicheres Übernahmeangebot abgeben sollen", sagte der frühere Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erhard Gipperich.

Merck hatte im März ein Übernahmegebot von je 77 Euro für die Schering-Aktien vorgelegt. Bayer hatte jedoch mit 86 Euro je Schering-Anteilsschein dagegen gehalten, so dass Merck das eigene Gebot zurückzog.

ase/ddp/dpa-AFX/Reuters


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