Zur Ausgabe
Artikel 42 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Fernsehen Bikini oder Badehose

In Brasilien wird das Fernsehen der Zukunft getestet: Die Sender reagieren noch während der Sendung auf die aktuellen Einschaltquoten.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Schick die Mädels noch mal rein, wir machen Punkte«, ruft der blonde Fernsehentertainer Antonio Augusto Liberato, genannt Gugu, seinem Produktionsleiter zu. Drei attraktive Starlets kehren ins Studio zurück, lassen ihren Unterleib rhythmisch über einer Bierflasche kreisen.

Die Kamera fährt dicht an die zuckenden Körper, kriecht den Mädchen fast unter den Minirock - die Einschaltquoten schnellen nach oben.

In prüderen Breiten würde der Flaschentanz, Brasiliens diesjähriger Frühjahrshit, vermutlich als Softporno in das Nachtprogramm verbannt. In Brasilien ist er die Attraktion der sonntäglichen Familienshow »Domingo Legal«, einer vierstündigen Live-Sendung des Fernsehsenders SBT.

Die Tänzerinnen stehen an diesem Sonntagnachmittag bereits zum drittenmal auf der Bühne - weil es die Zuschauer so wollen. Dank einem weltweit einmaligen System kann der Sender innerhalb von Sekunden auf Zuschauerschwund reagieren: Das brasilianische Meinungsforschungsinstitut Ibope gibt die Einschaltquoten ohne Verzögerung an die Fernsehstationen weiter. In Deutschland sind die Quoten erst einen Tag später abrufbereit.

Seit anderthalb Jahren mißt Ibope die Zuschauerbeteiligung auf diese Weise. Die Neuerung hat die Live-Programme der brasilianischen Sender revolutioniert. Vor allem der Sonntagnachmittag, wenn die Sender Globo und SBT die Brasilianer mit vierstündigen Mammut-shows vor die Bildschirme locken, ist seither Schauplatz für ein weltweit einzigartiges Fernsehduell.

Auf einem Monitor hinter den Kulissen verfolgt Regisseur Homero Salles nonstop die Einschaltquoten der sieben Sender in Groß-S o-Paulo. Auf zwei anderen Bildschirmen läuft das Konkurrenzprogramm von Globo, auch Showmaster Gugu hat einen Globo-Monitor im Blick.

In den Werbepausen berät sich der Entertainer mit dem Regisseur und ändert auf Zuruf das Programm. Wenn die Quoten während einer Shownummer steigen, steckt er dem Entertainer einen Zettel mit der aktuellen Einschaltziffer zu - Gugu verlängert dann die Einlage.

So geht das den ganzen Sonntagnachmittag: Von Minute zu Minute ändert sich das Programm. Der Entertainer kürzt oder kippt die Shownummern.

Rund um die Uhr kontrolliert Ibope das Fernsehverhalten von 630 Haushalten aller sozialen Schichten in S o Paulo. »Unsere Zahlen sind repräsentativ für die 17 Millionen Einwohner der Stadt«, versichert Ibope-Direktorin Ana Lúcia Lima.

Zehn Antennen, die im gesamten Stadtgebiet verteilt sind, funken die Daten ohne Zeitverzögerung in die Sendezentrale der TV-Giganten.

Bislang funktioniert das Online-System nur in S o Paulo, dem größten und meistumkämpften Werbemarkt des Landes. Ibope, das älteste Meinungsforschungsinstitut Lateinamerikas, will die Online-Messung nun auch in Santiago de Chile einführen, Belgien und Frankreich haben ebenfalls Interesse angemeldet.

In Brasilien ist die Sofort-Quote eine schlagkräftige Waffe im Kampf zweier verfeindeter Medientycoone: Seit Jahren streiten sich Roberto Marinho, 91, Präsident des Senders Globo, dem größten Fernsehkanal des Landes, und Silvio Santos, 66, Eigentümer des zweitgrößten Senders SBT, um die Vorherrschaft im Land.

»Sex und Tiere steigern die Quote«, sagt Regisseur Salles. Also hat Gugu vor dem Studio ein Wasserbecken aufstellen lassen, in dem ein knapp bekleidetes Pärchen nach Seifenstücken fischen soll. Das Spiel endet in einem nassen Ringkampf, bei dem schon mal Bikini oder Badehose verrutschen.

Auch Zirkusnummern mit exotischen Tieren haben sich als Renner erwiesen. Ein Elefantenbaby darf Kunststückchen vorführen, weil immer dann die Quote nach oben getrieben wird.

Auch die Werbeblöcke stimmt der Sender auf die Konkurrenz ab. Wenn Globo einen Werbeblock einschiebt, läßt auch SBT-Star Gugu flugs einen Reklamespot über den Schirm flimmern: »Der Zuschauer schaltet zu Globo um, sieht, daß die auch Werbung haben, und kommt zu uns zurück.«

Der Fernsehkrieg hat längst auch die Meinungsforschung erfaßt. Seit Jahren klagt SBT, daß Globo bei den Messungen zu gut abschneide. Jetzt will der amerikanische Marktforschungsmulti Nielsen das Ibope-Monopol in Brasilien brechen.

Bei Ibope reagiert man gelassen auf die neue Konkurrenz. Deren Forscher basteln derzeit an der Verfeinerung ihrer Meßmethoden. Sie experimentieren unter anderem mit Sensoren, die Wärme und Körpervolumen der Zuschauer messen, um den Fernsehgucker automatisch zu identifizieren. So weiß die Werbewirtschaft ziemlich exakt, wer wie lange vor dem TV-Gerät hockt.

Noch stehen den futuristisch anmutenden Neuerungen technische Probleme entgegen: Zwei engumschlungene Personen erscheinen dem Sensor als ein Dicker, einen Hund kann er nicht von einem Kind unterscheiden.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 42 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.