Nicolai Kwasniewski

Bilderberg-Konferenz Mächtig überschätzt

Die Bilderberg-Konferenz ist ein Beispiel dafür, wie Geheimhaltung Argwohn weckt. Sollte sie deshalb abgeschafft werden? Nein. Aber ignorieren dürfen wir sie gerne - wenn wir sonst genau hinschauen.
Bilderberg-Tagungshotel in Tirol: Kein erkennbarer Wert für die Gesellschaft

Bilderberg-Tagungshotel in Tirol: Kein erkennbarer Wert für die Gesellschaft

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

120 bis 150 aktuelle und frühere Staatschefs, Diplomaten, Wirtschaftsbosse, Militärs, Adlige, Intellektuelle und Journalisten versammeln sich jedes Jahr unter großem Polizeischutz an einem abgeschiedenen und möglichst lange geheim gehaltenen Ort. Sie treffen sich, um miteinander über die großen Themen der Welt zu sprechen, ohne den Druck, öffentlich über ihre Zusammenkunft Rechenschaft ablegen zu müssen.

Die Bilderberg-Konferenz wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Aus einer Zeit, in der Herrenrunden im Hinterzimmer eines Klubs in schweren Ledersesseln bei Whisky und Zigarre Pläne auskungelten, Verabredungen trafen und Märkte unter sich aufteilten. Der Eindruck bleibt, auch wenn heute auf vier männliche immerhin eine weibliche Teilnehmerin kommt.

Zusammenkunft der Echsenmenschen

Jahrzehntelang war kaum bekannt, dass es die Konferenz (die 1954 zum ersten Mal stattfand) überhaupt gibt. Erst seit wenigen Jahren hat die Organisation eine Website, auf der sie wenigstens die Liste der Teilnehmer  und die Schlüsselthemen  bekannt gibt, über die in den vier Tagen diskutiert werden soll. Die sogenannte Chatham House Rule verbietet es den Teilnehmern allerdings, darüber zu sprechen, wer der Anwesenden was zu welchem Thema gesagt hat.

Große Geheimnistuerei, Teilnehmer, die sich weigern, über ihre Erlebnisse zu sprechen, ein ausufernder Sicherheitsaufwand - die Bilderberger tun alles, um möglichst viel Argwohn zu wecken. Wer nichts zu verbergen hat, muss sich schließlich auch nicht verstecken - so die einfache Schlussfolgerung. Bilderberg ist der Traum jedes Verschwörungstheoretikers, die Teilnehmer sind je nach Sichtweise die globalen Nazis oder das Finanzjudentum - und für manche auch einfach die Echsenmenschen.

Es ist leicht, sich über solch verquere Theorien lustig zu machen, zumal es neben den Bilderbergern noch eine ganze Reihe weiterer solcher Treffen gibt - die Münchner Sicherheitskonferenz etwa, die Trilaterale Kommission, das Council on Foreign Relations oder das Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der Frust darüber ist berechtigt, dass sich demokratisch gewählte Politiker unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Konzernchefs treffen, oder Notenbanker mit Großinvestoren. Auch wenn es nicht gleich die große Weltverschwörung ist - Kungelei und zu große Nähe von Politik und Wirtschaft sollten nicht noch gefördert werden. Zumal die übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen für diese Treffen, die keinen erkennbaren Wert für die Gesellschaft haben, aus Steuergeldern bezahlt werden.

Eine freie, aber unkluge Entscheidung

In einer Zeit, in der immer mehr Bürger für Transparenz kämpfen, für die Offenlegung der Verhandlungsmandate für das Freihandelsabkommen TTIP beispielsweise, in einer Zeit, in der die schlimmsten Überwachungsdystopien durch die NSA noch übertroffen werden, sollten Politiker solche Veranstaltungen meiden. Was Konzernchefs, Ex-Politiker oder Intellektuelle tun, bleibt allerdings ihnen selbst überlassen. Auch Journalisten nehmen an der Bilderberg-Konferenz teil, in diesem Jahr sogar zwei mächtige Verlagsleiter aus Deutschland. Auch das ist deren freie Entscheidung, die man allerdings für unklug halten kann. Mehr aber auch nicht.

Statt über die Geheimnisse der Bilderberg-Konferenz zu rätseln, die in diesem Jahr doch eher zweitklassig besetzt und tatsächlich altmodisch wirkt, sollten wir ganz woanders hinschauen. Die gefährlichsten Kungeleien finden gleichsam unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Lobbyisten brauchen keine Konferenzen, um Einfluss auf die Politik zu nehmen. Sie sitzen direkt vor der Tür des Parlaments - in der Lobby, wo jeder hineinspazieren kann.

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