Billige Energie Inflation sinkt auf Zehnjahrestief

Drastisch billigeres Öl und Benzin haben den Preisdruck in Deutschland so stark gedämpft wie seit rund zehn Jahren nicht mehr. Die jährliche Teuerungsrate fiel im März auf 0,5 Prozent - die Verbraucher spüren den Preisverfall besonders an der Zapfsäule.


Berlin - Die stark nachlassende Inflation, die das Statistische Bundesamt heute bekanntgegeben hat, überraschte selbst Experten, die mit einer Jahresrate von 0,8 Prozent gerechnet hatten. Einige Fachleute erwarten, dass die Teuerung bis Mitte des Jahres Richtung null sinken wird. Die Lebenshaltungskosten könnten im Sommer vorübergehend sogar niedriger als im Vorjahr ausfallen, als der Ölpreishöhenflug die Inflation massiv anheizte.

Einkaufspassage in Hamburg: Niedrige Inflation stärkt Kaufkraft
DPA

Einkaufspassage in Hamburg: Niedrige Inflation stärkt Kaufkraft

Der Preisauftrieb fiel damit im März so niedrig aus wie zuletzt im Juli 1999 und folgte einem Trend, der Mitte vorigen Jahres begann und nur im Februar unterbrochen wurde. Noch im Juli 2008 hatte die Teuerungsrate im Aufschwung ein 15-Jahres-Hoch von 3,3 Prozent erreicht. Seither hat die Wirtschaftskrise die Ölnachfrage stark gedrückt, womit auch die Preise auf Talfahrt gingen.

Besonders Autofahrer spürten im März den weiter nachlassenden Preisdruck: In Bayern fielen die Kraftstoffpreise um mehr als 19 Prozent, in Nordrhein-Westfalen um 17,5 Prozent.

Preise für Nahrungsmittel stabil

Auch Heizöl verbilligte sich vielerorts massiv: Die Preise purzelten in Baden-Württemberg um mehr als ein Drittel, in Sachsen sogar um mehr als 36 Prozent.

Die Preise für Nahrungsmittel, die sich noch voriges Jahr im Aufschwung massiv verteuert hatten, sind nun annähernd stabil: In Bayern und Baden-Württemberg mussten die Konsumenten dafür nur 0,4 Prozent mehr aufwenden als im Vorjahr. Für Gas und Strom mussten die Verbraucher hingegen tiefer in die Tasche greifen: Die Preise für Gas zogen in Nordrhein-Westfalen und Hessen etwa um ein Fünftel an. Strom verteuerte sich in Sachsen um mehr als sieben Prozent.

In Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern war der Preisdruck so schwach wie seit rund zehn Jahren nicht mehr, in Hessen fiel er gar so niedrig aus wie seit etwa 22 Jahren nicht mehr. Die rückläufige Inflation hat mit dafür gesorgt, dass sich die Verbraucher trotz Wirtschaftskrise nicht vom Einkaufen abhalten ließen. Das Konsumklima blieb im März annähernd stabil, wie die GfK-Marktforscher jüngst mitteilten. "Die niedrige Inflation stärkt die Kaufkraft der Konsumenten", sagte Simon Junker von der Commerzbank. Dieser positive Effekt dürfte aber in der Krise voraussichtlich nicht ausreichen, um die Gewinneinbrüche bei Unternehmen und die Verdienstausfälle durch die massiv steigende Arbeitslosigkeit auszugleichen.

Leitzinssenkung erwartet

Bundesbankchef und EZB-Ratsmitglied Axel Weber hat bereits deutlich gemacht, dass Inflation auf absehbare Zeit kein Problem sein wird. Darauf deuten auch die stark verbilligten deutschen Importe hin: Die Einfuhrpreise fielen im Januar um 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat und damit so stark wie seit fast zehn Jahren nicht. Die Importpreise gelten ebenso wie die Erzeuger- und Großhandelspreise als Indikator für die künftige Inflationsentwicklung, da Preisveränderungen in der Regel mit zeitlicher Verzögerung bei den Verbrauchern ankommen.

Die Europäische Zentralbank wird wegen des sinkenden Inflationsdrucks ihren Spielraum bei den Zinsen wohl weiter nutzen. Fachleute gehen davon aus, dass der Leitzins für die Euro-Zone im Kampf gegen die Rezession nächste Woche um einen halben Prozentpunkt auf ein Prozent sinken wird.

Commerzbanker Junker rechnet im Jahresdurchschnitt mit stabilen Preisen. Ein Preisverfall auf breiter Front - also eine Deflation - sei nicht zu erwarten. "Bereits im kommenden Jahr dürften die Preise wieder steigen."

mik/Reuters



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bürgerschreck 11.02.2009
1.
Zitat von sysopDas hat es seit 22 Jahren nicht gegeben: Die deutschen Verbraucherpreise sind im Juli als Folge der Wirtschaftskrise spürbar gefallen - besonders Heizöl und Kraftstoffe wurden im Vergleich zum Vorjahresmonat billiger. Gleichzeitig legten die Tarifeinkommen der Bürger deutlich zu.
Klar merkt man das. Außer beim Tanken oder bei Lebensmitteln fällt es doch auch bei allen Sachen auf, die aus Asien (ex Japan) kommen. Der starke Euro machts möglich. Man braucht sich doch nur mal Digitalkameras etc. anzusehen. Auch junge Gebrauchtwagen, die nicht unter die schwachsinnige Verschrottungsprämie fallen (z.B. drei Jahre alt) sind billiger denn je. Krisenzeit = Schoppingzeit, antizyklisch handeln war schon immer günstig.
Wisky 11.02.2009
2. Die kann ich mir nicht leisten?
Zitat von sysopDas hat es seit 22 Jahren nicht gegeben: Die deutschen Verbraucherpreise sind im Juli als Folge der Wirtschaftskrise spürbar gefallen - besonders Heizöl und Kraftstoffe wurden im Vergleich zum Vorjahresmonat billiger. Gleichzeitig legten die Tarifeinkommen der Bürger deutlich zu.
Mein Geldbeutel besteht aus Zwiebel Leder, wenn ich rein sehe, könnte ich heulen wie ein Hund. Man leistet sich doch sonst nichts?
xysvenxy 11.02.2009
3. Spritpreis?
Wenn die Kosten für Öl doch so gesunken sind... warum kostet das Benzin dann aktuell wieder über 1,20€? Das will mir grad nicht so in den Kopf...
cathys 11.02.2009
4. ?
Zitat von sysopDas hat es seit 22 Jahren nicht gegeben: Die deutschen Verbraucherpreise sind im Juli als Folge der Wirtschaftskrise spürbar gefallen - besonders Heizöl und Kraftstoffe wurden im Vergleich zum Vorjahresmonat billiger. Gleichzeitig legten die Tarifeinkommen der Bürger deutlich zu.
Meine Erfahrung ist die, dass nicht nur mein Geldbeutel sondern der von ganz vielen Bürgern immer kleiner wird und die Angabe der sog. Verbraucherpreise nichts anderes ist als eine freche LÜGE!
Volker Gretz, 11.02.2009
5.
Zitat von xysvenxyWenn die Kosten für Öl doch so gesunken sind... warum kostet das Benzin dann aktuell wieder über 1,20€? Das will mir grad nicht so in den Kopf...
Weil die öffentliche Aumerksamkeit sich aktuell nur auf den Zusammenbruch der Wirtschft richtet. Das nutzen die Ölfirmen um 20 % Extra-Gewinne zu machen.
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