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ZÖLLE Billige Pfade

Wegen Ungereimtheiten im europäischen Zollsystem kommen Tabakimporte auf Umwegen nach Deutschland.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Mitten im Ärmelkanal änderte Kapitän Alejo Rodriges -- mit 4000 Tonnen brasilianischem Tabak an Bord auf dem Weg nach Hamburg -- den Kurs und steuerte Southampton an.

Die Order zum Stopp in England bekam der Brasilianer vom Empfänger der Ware -- einem deutschen Tabakimporteur.

Im Hafen von Southampton ließ der Käpt'n die in Containern verstaute Ladung (Wert: rund 23 Millionen Mark) an Land schaffen und als »Tabakimport aus einem Drittland in die Europäische Gemeinschaft« verzollen. Drei Tage später wurde der Tabak wieder an Bord gehievt und verstaut. Dann steamte der Frachter weiter nach Hamburg.

Der Briten-Stempel auf den Einfuhrpapieren hat für den hanseatischen Tabakhändler Millionenwert. Beim Direktimport aus Brasilien via Hamburg wären knapp fünf Millionen Mark Einfuhrzoll an die Brüsseler EG-Kasse fällig geworden. Durch die Einfuhr seiner Ware über Southampton spart der pfiffige Kaufmann glatte zwei Millionen Mark.

Der Southampton-Trick ist nur einer von vielen, mit denen bundesdeutsche Importeure den hohen Einfuhrabgaben für Tabak zu entgehen trachten. Oft wird die Ladung in dem englischen Hafen in kleinere Schiffe umgeladen und dann -- bereits verzollt -- in die Zielhäfen Bremen oder Hamburg gebracht.

Gern nehmen die Deutschen auch den Weg über den italienischen Hafen Genua. Trotz der umständlichen Weitertransporte der Ware per Bahn und der damit anfallenden Transportkosten lohnt die Einfuhr über südliche Häfen. Allein für die rund 10 000 Tonnen Tabak, die im vergangenen Jahr über Genua und die Alpen in die Bundesrepublik geschafft wurden, sparten die Importeure knapp fünf Millionen Mark Zoll.

Die erstaunlichen Sparmöglichkeiten hatten deutsche Tabakkäufer in der Zollordnung der Europäischen Gemeinschaft entdeckt. Die Rechnungseinheit, mit der Brüssel vor mehr als zehn Jahren Höchst- und Mindestzölle festlegte, blieb über Jahre unverändert; aber die Währungen, in denen diese Einheit ausgedrückt wird, haben längst nicht mehr denselben Wert wie bei der Einführung 1968.

So war bis Ende vergangenen Jahres eine Rechnungseinheit auf 625 italienische Lire festgesetzt. Nach der wirklichen Kaufkraft der Lira wäre jedoch eine Rechnungseinheit schon 1976 rund 1000 Lire wert gewesen.

Die gewinnbringende Rechnung lag für den Importeur nahe: In einem deutschen Hafen mußte er für eine Tonne Virginiatabak einen Zoll von 1210 Mark zahlen, in Genua kostete ihn der Zoll für die gleiche Menge umgerechnet 680 Mark.

»Wir können unseren Importeuren nicht verübeln, wenn sie bei solch eklatanten Unterschieden billige Einfuhrpfade über Schwachwährungsländer gesucht haben«, erkannte Bruno Hoose, Tabak-Referent im Bundeswirtschaftsministerium.

Dennoch halten Tabakimporteure wie der Hamburger Zigarettenkonzern BAT solche Schleichwege nicht für die feine hanseatische Art. »Wir wissen, daß so etwas gemacht wird«, räumt BAT-Sprecher Hermann Feldgen ein, »aber wir beteiligen uns kaum daran.« Konkurrent Reemtsma mag keine Zahlen nennen, weil »wir den Mitbewerbern keinen Einblick in unsere Geschäfte geben wollen« (Sprecher Mark-W. Rien).

Die Enthüllung von Geschäftsgeheimnissen werden die Tabakimporteure künftig noch weniger fürchten müssen. Denn ab 1980 soll die neue Europäische Rechnungseinheit (ERE) auch beim Tabakzoll nach dem tatsächlichen Kurswert der Währungen kalkuliert werden.

Dann wird die Rechnungseinheit wahrscheinlich 2,55 Mark statt wie bisher 3,66 Mark wert sein. Der Höchstzollsatz für den Import von Rohtabak wird in deutschen Häfen von 1200 auf knapp über 800 Mark pro Tonne fallen. In italienischer Währung ausgedrückt, wird die Rechnungseinheit von 625 auf 1084 Lire steigen. Ähnlich teuer wird es für andere Länder, etwa Großbritannien.

Brüssel wird durch die Kursbereinigung freilich keine ERE Zoll weniger kassieren als bislang. Tabak-Experte Hoose: »Was unsere Importeure weniger abführen, müssen künftig die anderen zahlen.«

Es könnte gar sein, ahnt Hoose, daß »sich die Italiener überlegen, ob es nicht günstiger ist, über Hamburg statt über Genua Tabak ins Land zu bringen«.

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