Bio-Energie Erdgas vom Acker

Es ist sauber, und es ist ergiebiger als Bioethanol oder Biodiesel: Erdgas aus Biomasse. Neue Regeln sollen jetzt die Einspeisung der umweltfreundlichen Energie ins öffentliche Netz erleichtern. Die großen Versorger haben den Markt schon abgesteckt.

Von Gregor Honsel


Wenn es um die Klimabilanz geht, ist ein mit Biogas betriebenes Blockheizkraftwerk kaum zu schlagen (siehe TR 07/07). Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Wärme auch sinnvoll genutzt wird. Doch genau da liegt das Problem: Biogas wird in der Regel auf dem Land erzeugt, wo die Wärme eines Blockheizkraftwerkes selten genügend Abnehmer findet.

Bis 2030 zehn Prozent des heutigen Erdgasverbrauchs durch Biogas decken
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Bis 2030 zehn Prozent des heutigen Erdgasverbrauchs durch Biogas decken

Theoretisch ist dieses Problem seit dem Jahr 2005 durch die Gasnetzzugangsverordnung gelöst - sie erlaubt es, Biogas in das Erdgasnetz einzuspeisen. Doch die Pioniere hatten noch mit Hindernissen zu kämpfen. So beklagten sich die Stadtwerke Aachen im Oktober 2006, der Energiekonzern RWE blockiere die Bioerdgas-Einspeisung ins eigene Netz, weil er die Qualitätsanforderungen für das Gas zu eng auslege. Seit diesem März aber sind solche Mäkeleien nicht mehr möglich: Die novellierte Verordnung schreibt vor, dass jetzt der Netzbetreiber selbst für die Einhaltung der Vorgaben verantwortlich ist.

Bundesweit sind bereits heute knapp ein Dutzend Anlagen in Betrieb oder im Bau, die Biogas ins Erdgasnetz bringen. Vorangetrieben wird die Einspeisung bislang vor allem durch die Gasversorger selbst. E.on etwa hat dazu 2007 eigens die Tochter E.on Biogas GmbH gegründet. In Schwandorf in der Oberpfalz speist das Unternehmen bereits 1000 Kubikmeter Biogas pro Stunde ins Netz ein und plant weitere sechs Anlagen gleicher Größe. Doch auch regionale Versorger wie die Stadtwerke München, Hannover, Aachen, die oldenburgische EWE und die südhessische Heag betreiben eigene Biogas-Projekte. Bevor Biogas ins Erdgasnetz eingespeist werden darf, muss es allerdings immer noch aufwendig aufbereitet werden. Erdgas besteht zu mehr als 90 Prozent aus Methan, Biogas hingegen nur rund zur Hälfte. Der Rest setzt sich - je nach Herkunft der Biomasse - aus unterschiedlichen Anteilen von Kohlendioxid, Wasserdampf, Stickstoff, Sauerstoff, Ammoniak, Schwefelwasserstoff sowie von Spurengasen zusammen.

Um Methan von Kohlendioxid zu trennen, stehen zwei bewährte Verfahren zur Verfügung. International am weitesten verbreitet ist die Druckwasserwäsche, die vor allem vom schwedischen Unternehmen Malmberg angeboten wird. Dabei wird das Biogas unter hohem Druck von Wasser berieselt, wobei sich Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff im Wasser lösen. Am häufigsten kommt in Deutschland bisher jedoch die Druckwechseladsorption der Firma CarboTech Engineering GmbH, eine Tochter der Schmack Biogas AG, zum Einsatz. In fünf bereits laufenden Anlagen wird dabei das Biogas unter einem Druck von vier bis sieben Bar durch ein Molekularsieb gepumpt, in dessen Poren die CO2-Moleküle stecken bleiben. Weitere Verfahren, so etwa die chemische Wäsche mithilfe von Aminen, sind in Entwicklung.

Je größer die Biogas-Anlage, desto mehr gleichen sich die Kosten der verschiedenen Aufbereitungstechnologien im Bereich von 1,2 bis 1,3 Cent pro Kilowattstunde ohnehin an. "Wirtschaftlich sinnvolle Anlagengrößen werden im Bereich von 500 bis 2000 Kubikmeter pro Stunde Rohgas vermutet", heißt es in einer Studie des Fraunhofer-Instituts Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen. Noch größere Anlagen würden wegen der langen Transportwege für die zu verwertende Biomasse wieder unwirtschaftlich.

Den Preis für sein Gas muss der Erzeuger mit dem Netzbetreiber aushandeln. Da Biogas deutlich teurer ist als fossiles Erdgas, macht die Einspeisung nur Sinn, wenn seine Verwendung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert wird - etwa durch ein Blockheizkraftwerk, das dann von einem Bonus für nachwachsende Rohstoffe profitieren kann. Selbst dann decken die Erlöse aus der Stromeinspeisung in der Regel aber nur die Kosten von Gaserzeugung und -aufbereitung, schreiben die Fraunhofer-Forscher, "der Gewinn wird hauptsächlich aus Wärmeerlösen generiert".

Andere Verwendungen sind derzeit eher exotische Nischen: Der Hamburger Gasversorger Lichtblick etwa bietet Privathaushalten bereits - analog zum Ökostrom - die Lieferung von Biogas ins Haus an. Im niedersächsischen Jameln gibt es Deutschlands bislang einzige Biogas-Tankstelle. Pro Hektar Anbaufläche kommt man mit Biogas immerhin rund dreimal so weit wie mit Bioethanol oder Biodiesel, hat die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe ausgerechnet.

Mit der überarbeiteten Zugangsverordnung dürfte es auch für kleine Anbieter leichter werden, ihr Biogas zu verkaufen - passend zum Ziel der Bundesregierung, bis 2030 zehn Prozent des heutigen Erdgasverbrauchs durch Biogas decken zu lassen. Zunächst allerdings bremst eine andere Novelle den jungen Markt: Am 6. Juni soll über die Neufassung des EEG entschieden werden. Die Fraunhofer-Forscher empfehlen deshalb: "Unter den derzeitigen unsicheren Marktbedingungen mit dramatisch gestiegenen Substratpreisen und der noch ausstehenden Novellierung des EEG empfiehlt es sich, abzuwarten und die Zeit für eine sorgfältige Projektplanung und Risikoabschätzung zu nutzen."


© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

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