Bio-Lebensmittel "Niemand will tiefgekühlte Teiglinge aus Thailand"

Von Krise keine Spur: Der Bio-Handel will auch 2009 deutlich wachsen. Daran ändere auch die schlechte Wirtschaftslage nichts, sagt Verbandssprecherin Elke Röder im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Im Gegenteil - die Kunden verlangten mehr Nachhaltigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Frau Röder, die Biobranche will in diesem Jahr mit zehn Prozent wachsen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Röder: Zum einen sind wir eine kleine Branche mit einem Marktanteil von 3,5 Prozent - da sind zweistellige Wachstumsraten nicht ungewöhnlich. Für 2009 rechnen wir dennoch mit einem entschleunigtem Wachstum. Zum Glück haben unsere Bioläden es mit Verbrauchern zu tun, die sich informieren und sich Gedanken machen. Diese Kundengruppe wächst seit 30 Jahren kontinuierlich, denn die Fragen nach einer nachhaltigen Wirtschaftsform werden dringender. Von daher ist dieses Wachstum schön, aber nicht besonders verwunderlich.

SPIEGEL ONLINE: Überhöhen Sie den Verbraucher da nicht? Wer Bio-Lebensmittel im Discounter kauft, denkt nicht unbedingt an Nachhaltigkeit.

Röder: Ich glaube schon, dass das viele Kunden im Hinterkopf haben - auch beim Einkauf im Discount. Zwar formuliert das nicht jeder so, aber die Neugier und die Suche nach etwas anderem sind da. Das hängt mit dem verbesserten Geschmack zusammen, liegt aber auch an einem gewissen Unwohlsein mit dem bestehenden Angebot. Die wenigsten Kunden wollen tiefgekühlte Teiglinge aus Thailand - und eine solche Arbeitsteilung ist die Realität bei herkömmlichen Lebensmitteln.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch in Zeiten der Finanzkrise - immerhin sind Bio-Lebensmittel deutlich teurer?

Röder: Die Finanzkrise ist im Bewusstsein und im Geldbeutel der Menschen noch nicht angekommen. Klar ist: Menschen, die erst seit kurzer Zeit Bio kaufen, werden dann vielleicht wieder zurückhaltender. Aber wer seit 20, 30 Jahren Bio-Lebensmittel kauft, bleibt auch bei gestiegenen Preisen dabei. Da wird eher ein neues Hausgerät nicht gekauft oder der Urlaub an der Ostsee verbracht, statt eine Fernreise gebucht.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie haben eine besonders treue Klientel?

Röder: Unsere Kunden wissen, langfristig geht's nur nachhaltig und nach diesem Grundsatz richten sie sich auch beim Einkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie genauso sorglos, was die Investoren angeht? Schließlich muss jemand das Wachstum finanzieren …

Röder: Unsere Unternehmer sind bei normalen Geschäftsbanken, bei Volksbanken und Sparkassen. Es sind gut aufgestellte Unternehmen aus dem Mittelstand. Wenn die Zahlen stimmen, wenn die Leute hinter ihren Produkten stehen und das Konzept stimmt, haben die keine Schwierigkeiten - im Gegenteil. Ich weiß von Unternehmern, die sogar von ihren Banken angerufen worden sind, ob sie noch eine Halle bauen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Warum boomt der Biomarkt so sehr, dass Banken und große Unternehmen hellhörig werden?

Röder: Zum einen haben wir eine kritische Schwelle übersprungen, die für eine Beschleunigung gesorgt hat. Laut einer repräsentativen Studie des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz kaufen 53 Prozent der Deutschen zumindest gelegentlich Bioprodukte. Bio ist also in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Supermärkte und selbst die Discounter kommen inzwischen nicht mehr drum herum, Bioprodukte anzubieten. Zum anderen sind die Produkte auch einfach besser geworden: in der geschmacklichen Qualität, in der Präsentation, die Bioläden sind ansprechender.

SPIEGEL ONLINE: Aber hat dieser "werteorientierte Konsum" auch für gesellschaftliche Veränderung gesorgt?

Röder: Die Konsumenten sind bewusster geworden. Sie wissen, dass sie mit ihrem Einkaufsakt mitbestimmen. Deshalb überlegen sie, wofür sie ihr Geld ausgeben. Die Verbraucher wollen außerdem ihre Werte und Grundüberzeugungen mit ihrer Lebensrealität in Übereinstimmung bringen…

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Röder: Wenn der Preisunterschied zwischen einem Liter Biomilch und einem Liter konventioneller Milch 30 Cent beträgt, dann gibt eine Familie mit einem Verbrauch von sechs Litern pro Woche 2,40 Euro mehr für Biomilch aus. Mit dieser Mehrausgabe erhält sie ein besonders gesundes und leckeres Lebensmittel, verhilft den Kühen zu gentechnikfreiem Futter, praktizieren Umweltschutz und stützt Arbeitsplätze in ländlichen Regionen. Das heißt: 2,40 Euro sind eine minimale Investition mit großer Wirkung.

SPIEGEL ONLINE: Wird das durch die Finanzkrise verstärkt, die ja auf breiter Front bisherige Glaubenssätze ins Wanken gebracht hat?

Röder: Die Finanzkrise hat deutlich gemacht, wohin kurzfristiges, nur an wirtschaftlichem Profit orientiertes Handeln führt. Das Jonglieren mit künstlichen Finanzprodukten hatte doch mit der Realität nichts mehr zu tun. Ich weiß nicht, ob es einen Bewusstseinswandel auslösen wird - aber es wird auf jeden Fall einen Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit geben.

Das Interview führte Susanne Amann

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