BioFach-Messe Umstrittener Weg zur Bio-Republik

Naturfreak, Körnerfresser oder Lifestyle-Guru: In Nürnberg feiert sich die deutsche Bioszene auf einer riesigen Messe. Doch hinter den Kulissen ringen Pioniere und kapitalkräftige Neueinsteiger um das richtige Verständnis von guter Absicht, Marketing und Konsum.

Nürnberg - Man findet sie kaum noch. Nur ganz selten taucht in der Besucherflut ein Mensch mit langem Bart, Strickmütze und Jute-Tasche auf. Frauen in wallenden Batik-Kleidern und Henna-gefärbten Haaren sieht man nicht mehr. Noch gibt es einzelne Messestände, an denen Stutenmilch oder Wohlfühlsteine angeboten werden, Plakate, die Lebensmittel preisen, die "Köper, Seele und Geist nähren". Viele aber sind es nicht mehr.

Öko-Land ist abgebrannt - und übrig geblieben ist die bunte Bio-Republik Deutschland.

Tatsächlich lässt sich nirgends so gut beobachten, wie sehr sich die deutsche Bioszene in den vergangenen Jahren verändert hat, wie auf dem Branchentreff BioFach in Nürnberg. Die jährliche Fachmesse für ökologische Konsumgüter hat sich innerhalb weniger Jahre zur weltgrößten Warenschau für biologische Lebensmittel gemausert, mit Ablegern in den USA, Lateinamerika, China, Japan und seit neuestem auch in Indien. Inzwischen präsentiert die Messe neben Lebensmitteln auch Naturkosmetik und Bekleidung.

Seit jetzt 20 Jahren treffen sich hier einmal im Jahr all jene, die dafür gesorgt haben, dass die Deutschen inzwischen in allen Supermärkten und Discountern Lebensmittel mit dem EU-Bio-Siegel kaufen können. Dass allein in Deutschland jedes Jahr 5,8 Milliarden Euro Umsatz mit Ökoprodukten gemacht wird. Dass es 500 Biosupermärkte und 2000 Fachgeschäfte gibt und dass inzwischen 75 Prozent der deutschen Konsumenten angeben, grundsätzlich lieber zu Bioprodukten zu greifen.

"Traum war immer, 100 Prozent Bio zu erreichen"

"Eigentlich müssten wir zufrieden sein", sagt Reneé Herrnkind von Demeter, einem der ältesten Verbände der Bioszene. Erklärtes Ziel sei es immer gewesen, biologische Lebensmittel in der Gesellschaft zu etablieren, Konsumenten zu überzeugen und allen den Zugang zu ökologisch produzierten Lebensmitteln zu garantieren. "Unser Traum war immer, 100 Prozent Bio zu erreichen", sagt auch Thomas Dosch vom Erzeugerverband Bioland. "Inzwischen nehmen Politik und Verbraucher Bio ernst."

Über all dem aber schwebt ein großes "Ach". Denn so stolz man in der gut vernetzten Bioszene auf das Erreichte ist, so schwer fällt es vielen alten Hasen, sich mit den Entwicklungen anzufreunden, die die neue Zeit mit sich bringt. "Die ursprüngliche Bio-Bewegung hat sich von innen heraus definiert, wollte anders arbeiten, anders leben, anders wirtschaften", erklärt Dosch das Unbehagen. "Die Neuen verstehen Bio schlicht als Regularium, nach dem sie produzieren müssen, um ein Siegel zu bekommen."

Die Neuen - das sind Firmen wie Kölln, Deutsche Frühstücksei und Deutsche See oder Supermarktketten wie Edeka und Rewe, die ungeniert auf den Biotrend aufgesprungen sind, weil die Kunden danach verlangten. "Deren Controller sagen heute: Geht da hin, da gibt es was zu verdienen", sagt auch Wolfgang Mock, der ein kleines Getreidemühlen-Unternehmen besitzt und ein Pionier der ersten Stunde ist.

Er war dabei beim "1. FKK" - dem "Frankfurter Körner Kongress", dem Vorläufer der BioFach, der im Juni 1985 stattfand. Als die wenigen Aussteller ihre ökologischen Brotaufstriche und biodynamischen Joghurts auf Tapeziertischen präsentierten, wo überall Kinder rumrannten und selbst eine Kuh mit in den Ausstellungsraum gebracht worden war, wo euphorisch gefachsimpelt und diskutiert wurde.

"Kapital sucht immer nach Wachstum"

Doch das ist vorbei. "Mit dem Einstieg der Einzelhandelsketten haben sich die üblichen Marktmechanismen herausgebildet", sagt Christian Schüler, Agrarwissenschaftler an der Uni Kassel. Dazu gehöre eine Professionalisierung etwa bei der Logistik und der Warenqualität, aber eben auch eine Anonymisierung und steigender Preisdruck. "Die einen bedauern das, die anderen sehen das als normale Entwicklung."

"Die Industrialisierung der Biolandwirtschaft hat dazu geführt, dass Verbraucher inzwischen Bioeier von Betrieben bekommen, die unserer Vorstellung von bäuerlicher Landwirtschaft nicht im Entferntesten entsprechen", sagt Bioland-Chef Dosch. Schon jetzt wird innerhalb der Branche deshalb zwischen Verbands- und EU-Standard unterschieden. Letzterer gilt vielen schon nicht mehr als wirklich "Bio".

Rückgängig gemacht werden kann diese Entwicklung allerdings nicht: "Kapital sucht immer nach den Bereichen, die Wachstum versprechen - und das ist bei der Biobranche der Fall", sagt Agrarwissenschaftler Schüler. Und weil die Großen billiger produzierten, werde das den Preisdruck auf die Kleinen verstärken.

Genau das aber wollen die verhindern, die aus Überzeugung biologisch produzieren. "Bio ist teurer - und das ist gut so", sagt Michael Radau vom Verband der Biosupermärkte. "Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein Preisverfall und Preiskampf wie im konventionellen Lebensmittelhandel." Denn der Verbraucher müsse lernen, dass Lebensmittel eine Wertigkeit hätten - und da habe der Biohandel hervorragende Arbeit geleistet.

Suche nach mehr Nachhaltigkeit

Denn tatsächlich geht es nicht nur um die Inhaltsstoffe. "Es geht auch um ethische und soziale Fragen, um die Art und Weise, in der produziert wird, um ein Zukunftsbewusstsein", umschreibt Demeter-Frau Herrnkind den Ansatz, auf den sich der harte Kern der Biobranche rückbesinnen will. Dazu gehören die Fragen nach landwirtschaftlichen Strukturen, nach fairem Handel, nach Klimaschutz - eben alles, was mit dem schönen Wort Nachhaltigkeit beschrieben werden kann. "Wir haben gezeigt, dass wir so können wie die Großen", sagt Herrnkind. "Jetzt wollen wir uns weiterentwickeln."

Und das heißt nichts anderes, als noch besser zu werden und mehr zu bieten als die Neuen. Nicht, weil man sich nicht von alten Idealen trennen kann - sondern weil man immer noch überzeugt ist. So liest sich denn auch der "Bio-Kodex", den der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) gerade erst verabschiedet hat, wie das Einmaleins der nachhaltigen Lebensweise, Klimaschutz und Sozialverträglichkeit inklusive. "Bio braucht mehr als Kapital", heißt es gleich auf dem Titelblatt.

Wer im Kampf um die Bio-Wahrheit letztlich gewinnt, bleibt abzuwarten. Einer immerhin weiß, wann seine Grenze des Unzumutbaren erreicht ist: Bio-Veteran und Messe-Mitgründer Mock. "Wenn ich hier irgendwann der letzte bin, der ohne Krawatte herumläuft, dann komme ich nicht wieder."