Biontech-Impfstoff Hoffnung für Milliarden

Ist bald wieder ein Leben wie vor Corona möglich? Die Nachricht von der erfolgreichen Studie der Firma Biontech hat die Finanzmärkte elektrisiert. Doch klar ist: Der Kampf gegen das Virus ist noch nicht beendet.
Mitarbeiterin von Biontech im Labor des Unternehmens: Früher dran als alle anderen regulären Wettbewerber

Mitarbeiterin von Biontech im Labor des Unternehmens: Früher dran als alle anderen regulären Wettbewerber

Foto: Stefan Albrecht/Biontech / DPA

Auf diese Nachricht hat die Welt gewartet, auch die Welt des großen Geldes. Montagmittag, 12.45 Uhr: Die Pharma-Unternehmen Biontech und Pfizer verkünden, dass ihr Impfstoff einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19 bietet. Ruckartig schießen die Börsenkurse in Frankfurt, London, Paris, Mailand nach oben, vor allem die Aktien mancher Fluggesellschaften heben ab, allein die Lufthansa-Aktie hat zeitweise ein Plus von mehr als 25 Prozent. Auch an den internationalen Rohölbörsen gehen die Notierungen plötzlich hoch. Im Gegenzug wird die Krisenwährung Gold billiger.

Sehr stark sind auch die Ausschläge bei den Aktien der Impfstoffhersteller. Pfizer: zeitweise plus zwölf Prozent. Biontech: sogar plus 26 Prozent. Gegen 13.15 Uhr ist das Mainzer Biotechnolgie-Unternehmen um die 23 Milliarden Euro wert - mehr als Konzerne wie Beiersdorf oder die Deutsche Bank. Dabei hatte es zum Jahreswechsel noch nicht einmal 1000 Mitarbeiter.

Aber da ahnte auch noch niemand, dass 2020 ein neuartiges Coronavirus das Weltgeschehen bestimmen würde. Jetzt könnte der von Biontech und Pfizer entwickelte Impfstoff BNT162b2 zur wichtigsten Waffe im Kampf gegen die Seuche werden.

Projekt "Lightspeed"

Schon kommende Woche könnten die beiden Hersteller bei der US-Arzneimittelbehörde FDA seine Zulassung beantragen. Die Unternehmen rechnen damit, bis zum Jahresende weltweit bis zu 50 Millionen Impfstoff-Dosen bereitstellen zu können – und 2021 bis zu 1,3 Milliarden Dosen. Das macht Hoffnung. Allerdings könnte es gerade in Europa noch länger dauern, bis alle Bedürftigen die Impfung bekommen.

Dass Biontech früher dran ist als alle anderen regulären Wettbewerber, liegt an Uğur Şahin und Özlem Türeci. Die Biontech-Gründer, beide Mitte 50, Kinder türkischer Einwanderer und miteinander verheiratet, beschlossen schon Mitte Januar, einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 zu entwickeln. Obgleich es damals noch keinen einzigen bestätigten Covid-19-Fall in Europa gab. Und obwohl sich ihr Unternehmen seit seinem Start im Jahr 2008 vor allem auf den Kampf gegen den Krebs fokussiert hatte.

Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci

Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci

Foto:

Stefan F. Sämmer / imago images

"Lightspeed", "Lichtgeschwindigkeit", nannten Şahin und Türeci das neue Projekt. Rasend schnell entwickelten ihre Forscher potenzielle Impfstoffe. 20 Kandidaten waren es bereits, als die Bundesregierung den ersten Shutdown in Deutschland erwog.

Am 17. März beschloss Biontech eine Kooperation mit dem US-Pharmariesen Pfizer, das Know-how und die Produktionsanlagen zur Herstellung Hunderter Millionen Vakzinen hat. Es war der Tag, an dem das Robert Koch-Institut erstmals das Risiko für die Bevölkerung durch Sars-CoV-2 als "hoch" einstufte. Am 23. April starteten Biontech und Pfizer die klinischen Studien; bald fokussierten sich die Hersteller auf zwei potenzielle Impfstoffe.

Hoffnung macht jetzt vor allem die von Biontech und Pfizer angegebene Wirksamkeit: mindestens 90 Prozent. Zwar war Şahin im Gespräch mit dem SPIEGEL vor wenigen Wochen optimistisch, eine hohe Wirksamkeit zu erreichen. Doch von einem derart hohen Wert gingen wenige Beobachter aus. Die US-Zulassungsbehörde FDA gibt 50 Prozent als Mindestziel für die Wirksamkeit aus – der Impfstoff muss also die Hälfte der geimpften Menschen schützen. In Europa wird von Fall zu Fall entschieden.

Die 90 Prozent beziehen sich vermutlich darauf, wie viele schwere Infektionen der Impfstoff verhindert. Inwiefern er eine Ansteckung mit dem Coronavirus verhindern kann, ist bisher öffentlich unbekannt. Es gilt als wahrscheinlich, dass BNT162b2 hier schlechter abschneiden wird – womit Hygiene-, Abstands- und Maskenregeln noch lange erhalten bleiben müssen.

Şahin gibt sich allerdings auch hier zuversichtlich. "Ich glaube, dass Impfstoffe idealerweise zwei Dinge leisten sollten", sagte er dem SPIEGEL. "Zum einen die Krankheit verhindern oder zumindest zu mildern – zum anderen aber auch, die Übertragung des Erregers von Mensch zu Mensch zu verhindern." Detaillierte Daten zu seinen neuesten Studienergebnissen hat sein Unternehmen bisher nicht vorgelegt, dies soll bald geschehen.

Eine Zulassung in den USA ist nicht gleichbedeutend mit einer Zulassung in Europa. Hier entscheidet die europäische Arzneimittelbehörde EMA. Biontech hat die Genehmigung im sogenannten "Rolling-Review"-Verfahren beantragt. Dabei werden die Studienergebnisse nicht wie meist üblich auf einmal eingereicht, sondern häppchenweise bei der Zulassungsbehörde.

So kann sich die EMA nach und nach durch die Datenflut arbeiten und schneller entscheiden – allerdings auch nicht von heute auf morgen. Es kann also gut sein, dass die FDA schon sehr bald eine Zulassung erteilt, die EMA in Europa aber noch nicht.

Umfangreiche Abnahmeverträge sind schon geschlossen

Und: Eine Zulassung bedeutet nicht automatisch Verfügbarkeit. Anfangs werden die Vakzinen wohl noch nicht mal für eine schnelle Impfung für alle Risikogruppen und medizinisches Fachpersonal reichen. Der Chef des in Deutschland zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, sagte dem SPIEGEL, man könne um jeden zugelassenen Impfstoff dankbar sein. "Wir brauchen auch sicher die Herstellungskapazitäten mehrerer Zulassungsinhaber. Zudem können Impfstoffe für unterschiedliche Alters- oder Risikogruppen indiziert sein."

Für große Teile der bis Ende 2021 erwarteten 1,5 Milliarden Dosen des Biontech-Pfizer-Impfstoffes gibt es schon Abnahmeverträge – etwa mit den USA, Japan und Kanada. Die EU steht laut Kommissionschefin Ursula von der Leyen vor dem Abschluss eines Deals über 200 Millionen Dosen – mit einer Option auf weitere 100 Millionen. Die Impfungen sollen dann nach dem Bevölkerungsschlüssel der EU verteilt werden. Je mehr Einwohner, desto mehr bekommt ein Land. Doch die Bundesregierung verhandelt auch direkt mit Biontech und dem Tübinger Unternehmen Curevac über weitere Mengen.

Zwar ist Biontechs BNT162b2 in der Poleposition. Doch andere Impfstoffe müssen folgen, wenn breite Teile der Bevölkerung geimpft werden sollen. 64 Wirkstoffe, darunter auch Vakzine, werden aktuell von der EMA aufgeführt, deren Hersteller Kontakt zur europäischen Zulassungsbehörde aufgenommen haben. Neben dem Impfstoff von Biontech durchläuft derzeit noch ChAdOx1-SARS-CoV-2 das "Rolling-Review"-Verfahren: jener Impfstoff, der gemeinsam von AstraZeneca und der University of Oxford entwickelt wird.

Der Deal mit Pfizer bringt Biontech Sicherheit und macht eine Massenproduktion erst möglich. Er verhindert aber auch, dass die Deutschen das ganz große Geschäft machen.

Schlechtes Geschäft für Biontech?

Pfizer übernimmt die Hälfte der Entwicklungskosten von BNT162b2 und wird Biontech im Erfolgsfall 748 Millionen Dollar zahlen. Analysten erwarten, dass sich beide Unternehmen dazu die Einnahmen aus der Vermarktung teilen: für 2021 geschätzte 3,5 Milliarden Dollar. Kein guter Deal für Biontech, sagen manche Kritiker, ein erster Covid-Impfstoff könnte noch höhere Erträge bringen.

Dennoch wird Biontech im Fall einer Zulassung von BNT162b2 nun viel, viel mehr Geld einnehmen als je zuvor in der Firmengeschichte. Lange Zeit hatten die Mainzer vor allem Grundlagenforschung betrieben. Von den 20 Medikamenten, die das Unternehmen bis zu diesem Jahr entwickelt hatte, war noch nicht ein einziges zugelassen worden.

Entsprechend gering waren die Umsätze. Aber Biontech hat geduldige Kapitalgeber: allen voran Thomas und Andreas Strüngmann. Die beiden Brüder, die einst Hexal gründeten und den Generika-Hersteller im Jahr 2005 für rund 5,6 Milliarden Euro an den Pharmakonzern Novartis verkauften, stellten Şahin zur Gründung von Biontech vor zwölf Jahren rund 150 Millionen Euro bereit.

Ihr Investment hat sich bezahlt gemacht. Noch immer sind die Strüngmanns über ihr Family Office Großaktionäre bei Biontech; ihr Anteil dürfte beim aktuellen Börsenkurs an die zehn Milliarden Euro wert sein.  Şahin und seinem Team sei "innerhalb kürzester Zeit" gelungen, "einen Impfstoff aus dem Boden zu stampfen, der zu 90 Prozent wirkt", erklärte Thomas Strüngmann am Montag gegenüber dem SPIEGEL. "Ich rechne damit, dass der Corona-Impfstoff noch Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres zur Verfügung steht."

Auch Uğur Şahin, der als Sohn eines Arbeiters der Kölner Ford-Werke aufwuchs, ist ein reicher Mann geworden. Er hält um die 18 Prozent der Aktien. Aktueller Wert: mehr als 3,5 Milliarden Euro.

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