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Investitionen Bis an die Grenzen

Die Schulden drücken, das Geld ist knapp: Der ehrgeizige CD-Fabrikant Pilz muß um sein Unternehmen kämpfen.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Reiner E. Pilz, 51, hat harte Sommermonate hinter sich, doch den Streß der vergangenen Wochen will er sich nicht anmerken lassen. »Wir sind absolut liquide«, beteuerte der bayerische Mittelständler auf einer Betriebsversammlung, »und wir werden die für 1993 gesteckten Ziele erreichen.«

Das hört sich an, als ob einer im dunklen Keller pfeift. In Wahrheit steckt Pilz mit seiner Firma in einer schweren Krise.

Der Aufsteiger aus München, der 1988 mit der Herstellung von Compact Discs begann, wurde bislang durch steigenden Umsatz verwöhnt. Pilz machte aus seinem Unternehmen sehr schnell den größten unabhängigen CD-Hersteller Europas. »Es geht steil aufwärts, wer kann das in dieser Zeit schon sagen«, so der Bayer.

Doch was raufgeht, geht manchmal auch runter - Pilz merkt, daß wichtige Kunden wegbleiben. Seine beiden Preßwerke in Kranzberg (Bayern) und Albrechts (Thüringen) sind bei weitem nicht ausgelastet. Die Schuldenlast ist drückend. Einige Geschäftspartner liefern nur noch gegen Barzahlung.

Bereits im Sommer hatte Pilz die Maschinen in seinen CD-Werken wegen fehlender Aufträge für drei Wochen abstellen und die Mitarbeiter später noch einmal mehrere Wochen kurzarbeiten lassen. Geld war zeitweilig so knapp, daß Pilz die Gehälter nur mit zehntägiger Verspätung auszahlte.

Die Firma brauchte dringend neue Kredite, und die waren kaum zu haben. Nach langen und harten Verhandlungen erklärten sich die Banken Anfang Oktober bereit, 29 Millionen Mark freizugeben. Als Sicherheit akzeptierten sie eine Bürgschaft des Landes Thüringen, das die 300 Arbeitsplätze in Albrechts nicht gefährden möchte.

Ohne die Landesbürgschaft wäre Pilz wohl am Ende gewesen. Fünf Jahre nach dem Start hätte sich der bei den etablierten Rivalen unbeliebte Außenseiter, der immer danach strebte, der Größte zu werden, selbst aus dem Rennen geworfen.

Der gebürtige Zwickauer, der 1961 in den Westen gekommen war, hatte zunächst mit einer Fassadenfirma angefangen. In der 1983 eingeführten Compact Disc erkannte Pilz eine neue Chance. Er baute ein CD-Werk in Kranzberg bei München.

Mit günstigen Preisen konnte Pilz nicht nur viele kleine Plattenfirmen als Abnehmer gewinnen. Auch Branchenriesen wie EMI oder Bertelsmann ließen in Kranzberg pressen.

Um die Abhängigkeit von den Kunden zu verringern, legte sich der wendige Bayer eine eigene Musikfirma zu. Bis zu 30 Millionen Scheiben pro Jahr setzt Pilz zu Billigpreisen, oft unter fünf Mark, in Warenhäusern und Supermärkten ab.

Noch vor dem Zusammenbruch der DDR sah Pilz nach Osten. Zunächst wollte er mit dem Kombinat Robotron kooperieren. Als das Kombinat zerbrach, errichtete Pilz allein ein CD-Werk in Albrechts bei Suhl. Die Investition von fast 300 Millionen Mark wurde durch Bürgschaften der Treuhand und des Landes abgesichert.

Fast 60 Millionen Silberscheiben und 140 Millionen CD-Hüllen können pro Jahr in der Fabrik am Rande des Thüringer Waldes hergestellt werden. Zusammen mit dem Stammwerk und einem gerade angelaufenen Betrieb in den USA verfügt Pilz nun über eine Jahreskapazität von 120 Millionen CD. Er könnte damit schon etwa ein Zehntel des Weltbedarfs decken.

Mit seinen ehrgeizigen Plänen hat sich der Bayer übernommen. Er mußte sich, wie er selbst zugibt, »bis an die Grenzen des Möglichen« verschulden. Bereits im vergangenen Jahr fraßen die Zinsen nahezu den gesamten Gewinn auf. Nur noch gut vier Millionen Mark Gewinn (vor Steuern) wies die erste publizierte Pilz-Bilanz bei einem Gruppenumsatz von 310 Millionen Mark aus.

In diesem Jahr kommt es noch schlimmer. Mit dem neuen Kredit sind die Bankschulden der Firmengruppe auf weit über 300 Millionen Mark gestiegen. Dabei bezifferten die Bilanzprüfer das Eigenkapital Ende 1992 auf nicht einmal fünf Millionen Mark.

Inzwischen haben auch die großen Schallplattenkonzerne ihre Produktion ausgebaut und vergeben kaum noch Fremdaufträge. Der von Pilz erwartete Boom bei den CD-Rom, bei denen die Silberscheiben als Datenträger für Computer benutzt werden, steht noch bevor.

Und an Musik-CD ist vielfach kaum noch etwas zu verdienen. Noch vor gut einem Jahr gab der Hersteller eine CD samt Hülle und Informationsbeilage für 2,40 Mark ab; jetzt kann er oft gerade noch 1,70 Mark für die komplette CD verlangen. _(* In der Empfangshalle seines Werkes in ) _(Albrechts. )

Um die Auftragsflaute auszugleichen, ließ Pilz in großen Mengen das Repertoire des eigenen Labels pressen. Zur Zeit hat er - schätzen Kenner des Gewerbes - etwa 60 Millionen Scheiben mit eigenen CD-Titeln auf Lager; das entspräche etwa dem Absatz von zwei Jahren.

Verrechnet hat sich Pilz auch mit dem neuen Preßwerk für CD-Hüllen. Mit einer Kapazität von jährlich 140 Millionen Spezialkästen für Doppel-CD könnte der Bayer von Albrechts aus nahezu den gesamten Weltbedarf an Doppelkassetten decken. Doch die speziellen Pilz-Hüllen will kaum jemand haben, denn bislang gibt es dafür keine funktionierenden Verpackungsmaschinen.

Trotz solcher Rückschläge, trotz üppiger Schulden und knapper Mittel will Pilz von Krise nichts hören. Vielen Konkurrenten, meint er, gehe es noch »viel, viel schlechter«.

Eines allerdings hat Pilz inzwischen erkannt: »Mit unserer Größe sind wir zwischen alle Fronten geraten.« Und da, weiß auch der Bayer, sei es manchmal ziemlich ungemütlich. Y

* In der Empfangshalle seines Werkes in Albrechts.

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