Bitcoin, NFT und Co. Wie die Ukraine Kryptowährungen für die Kriegskasse sammelt

Die Ukraine wirbt auch in der Kryptoszene um Unterstützung. Mit Erfolg: Seit Beginn des Krieges flossen mehr als 50 Millionen Dollar in Bitcoin, Ether und weitere Währungen – darunter eine Großspende aus Berlin.
Staatliches Crowdfounding für den Widerstand

Staatliches Crowdfounding für den Widerstand

Foto: PromesaArtStudio / IMAGO

Die ukrainische Regierung wirbt seit Tagen um Unterstützung in Form von Waffen, Munition, Sanktionen – und Geld. Der ukrainische Vizepremier und Minister für digitale Transformation, Mykhailo Fedorov, setzt dabei zunehmend auch auf die Solidarität der internationalen Kryptoszene. »Stehen Sie den Menschen in der Ukraine bei – wir akzeptieren nun Spenden in Kryptowährungen«, schrieb er zwei Tage nach Kriegsbeginn in einem Tweet . Darin nannte er drei Adressen, auf die Spendenwillige Beträge in Bitcoin, Ether und der umstrittenen Stablecoin-Währung Tether überweisen können. Seither hat die Ukraine offizielle Krypto-Spendenadressen in diversen weiteren Digitalwährungen aufgelegt. Kein Wunder, denn die ungewöhnliche Crowdfounding-Kampagne für die eigene Kriegskasse scheint gut zu funktionieren.

Anders als oft vermutet sind Transaktionen auf den großen Blockchains transparent und auch der Inhalt einzelner Walletadressen öffentlich einsehbar. Der Blockchain-Analyse-Dienstleister Elliptic zählte bis Mitte der Woche  insgesamt rund 89.000 Krypto-Transaktionen im Wert von fast 51 Millionen Dollar, die entweder an die offiziellen Spendenwallets der Ukraine oder an die der Organisation »Come Back Alive« flossen, die nach eigenen Angaben das ukrainische Militär unterstützt – von der Ausbildung bis zur Ausrüstung.

Aufrufe an die Öffentlichkeit, Kriege und die eigenen Truppen mitzufinanzieren, sind prinzipiell nichts Neues. Schon das Deutsche Reich finanzierte den Ersten Weltkrieg maßgeblich aus Kriegsanleihen und propagierte es als patriotische Pflicht seiner Bürger, diese zu zeichnen.

Fast sechs Millionen Dollar vom Mitgründer eines Berliner Krypto-Start-ups

Die Rolle von Digitalwährungen im Ukrainekrieg ist dennoch ein Novum. Hier geht es nicht um verzinste Wertpapiere, sondern um Spenden, die offenbar gerade aus aller Welt eingehen. Einige sehen ihren Beitrag offenbar als Solidaritätsadresse, als Durchhaltehilfe für den ukrainischen Widerstand. Die Ukraine macht sich damit ein Phänomen zunutze, das in der Welt der Digitalwährungen verbreitet ist: Weil viele frühe Investoren ihren Kryptoreichtum spielerisch und ohne große Anstrengung erworben haben, gehen manche besonders freigiebig damit um – teils wohl auch aus schlechtem Gewissen, wie jener Bitcoin-Millionär, der den Grünen im Wahlkampf eine Million Euro zukommen ließ.

Der Krieg zeigt dabei einmal mehr die Ambivalenz des riesigen, immer noch weithin unregulierten Nebenfinanzmarkts, der sich rund um den Bitcoin entwickelt hat. Denn das hohe Spendenaufkommen in Richtung Ukraine ist nur eine Seite der Medaille. Auch in Russland spielen Kryptowährungen eine große Rolle. Dort gelten sie gerade als eine der wenigen Möglichkeiten, die drastischen ökonomischen Sanktionen zu unterlaufen und der massiven Entwertung der eigenen Landeswährung zu entgehen.

Handelsdaten zeigen, dass mit dem Einmarsch der Russen in ihr Nachbarland so viele Rubel in Bitcoin getauscht wurden wie nie zuvor. Die Kurse der führenden Digitalwährungen legten nach zunächst starken Einbußen in den vergangenen Tagen teils zweistellig zu. Der ukrainische Vizepremier hat die großen Krypto-Börsen deshalb dazu aufgerufen , sämtliche russische Kunden zu sperren. Wichtige Handelsplätze wie Coinbase, Kraken und Binance lehnen diese Forderung bisher ab – sie wollen lediglich die ergangenen Sanktionen gegen Einzelpersonen und Firmen umsetzen.

Bei den aktuellen Spenden an die Ukraine stechen einige besonders heraus. So überwies der Gründer des auch in Berlin ansässigen Krypto-Start-ups Polkadot, Gavin Wood, knapp 300.000 Token der eigenen Währung »Dot«, nachdem die Ukraine eine Spendenadresse dafür eingerichtet hatte. Dort hat man den Zahlungseingang im Gegenwert von rund 5,8 Millionen Dollar bestätigt. Wood ist in der Kryptoszene ein bekannter und einflussreicher Name, weil er schon bei der Entwicklung von Ethereum eine wesentliche Rolle gespielt hat, nach Bitcoin heute die Kryptowährung mit der zweitgrößten Marktkapitalisierung.

Pussy Riot versteigerte ukrainische Flagge als NFT

Auch im boomenden Markt mit sogenannten »Non Fungible Token« (NFT) gibt es erste Spendenaktionen. So versteigerte eine Gruppe  um die kremlkritische Punkband Pussy Riot die ukrainische Flagge als NFT-Bildchen – die Bietenden sicherten sich damit ein Eigentumszertifikat am Bild auf der Blockchain, das je nach Höhe ihres Gebots variiert. Insgesamt kamen rund 2258 Ether zusammen, was bei Ende der Auktion etwa 6,6 Millionen Dollar entsprach. Ein besonders nachgefragtes NFT-Motiv wurde der Ukraine zudem als Geschenk in eine ihrer Wallets übertragen – es handelt sich um ein Bild aus der Cryptopunk-Kollektion, das nach Marktschätzungen derzeit um 200.000 Dollar einbringen könnte.

Auch unter den Kryptospenden an die Ukraine: Das NFT CryptoPunk #5364

Auch unter den Kryptospenden an die Ukraine: Das NFT CryptoPunk #5364

Foto: CryptoPunk

Vizepremier Fedorov kündigte am Donnerstag  an, auch diesen Kanal für Zuwendungen noch auszubauen: Die Ukraine werde bald selbst NFTs anbieten, um mit den Erlösen das eigene Militär zu unterstützen.

Allerdings gab es erstmals seit Beginn der Spendenaktion auch erhebliche Irritationen, die ein Schlaglicht auf die Gier in Teilen der Kryptowährungswelt werfen – selbst in Kriegszeiten. Zuvor hatte der Politiker nämlich allen Krypto-Spendern einen kostenlosen Dankes-Token versprochen, über einen sogenannten Airdrop. Die Ankündigung hatte einen neuerlichen Spendenanstieg ausgelöst – darunter auffallend viele Kleinstspenden, die wohl vor allem getätigt wurden, um an der erwarteten Ausschüttung teilzunehmen.

In der Vergangenheit haben solche Token teils rasante Wertsteigerungen erfahren. Offenbar spekulierten viele der neuen Stifter auch in diesem Fall darauf – und spendeten nicht ganz uneigennützig. Wenige Stunden vor dem angekündigten Zeitpunkt sagte Federov den Airdrop jedenfalls wieder ab – verbunden mit der Ansage, die Ukraine werde keine austauschbaren Token ausgeben, sondern ausschließlich NFTs. Einige Spender reagierten darauf empört, manche sprachen gar vom ersten staatlichen »rug pull« – einem im NFT-Kosmos verbreiteten Betrugsschema, bei dem Anbieter frühere Versprechen nicht einhalten oder mit ihren Einnahmen spurlos verschwinden.

Tatsächlich hatte es auch nicht lange gedauert, bis die ersten echten Betrüger versuchten, sich den Spendenwillen zugunsten der Ukraine zunutze zu machen. So tauchten auf NFT-Plattformen bereits diverse Token auf, die suggerierten, sie würden von der Ukraine herausgegeben oder deren Anliegen zugutekommen. Auch im Namen des Hacker-Kollektivs Anonymous, das Russland »den Cyberkrieg« erklärt hat, wurde bereits um Spenden auf Kryptoadressen gebeten. Die Aktivisten warnten  in ihrem Hauptkanal mit 7,7 Millionen Abonnenten davor, darauf hereinzufallen.

Die Ukraine galt schon vor ihren Spendenaufrufen als Digitalwährungen besonders zugewandt. Nur wenige Tage vor Kriegsbeginn hatte das Parlament ein Gesetz über die Anerkennung virtueller Vermögenswerte verabschiedet. Es gibt eine große Blockchain-Start-up-Szene und viele Nutzerinnen und Nutzer. Ein internationales Ranking über den Einführungsstand und Gebrauch von Kryptowährungen sah die Ukraine 2021 auf Platz vier , Russland rangierte auf Platz 18.