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09. März 2015, 16:14 Uhr

S.P.O.N. - Die Spur des Geldes

Bitcoins für Griechenland

Eine Kolumne von

Viele Ökonomen tun Kryptowährungen wie Bitcoin als Unsinn ab - und liegen damit falsch. Wenn die aktuelle Krise sich weiter zuspitzt, könnte eine digitale Währung noch sehr wichtig werden - für Griechenland und für den Rest der Eurozone.

Wenn es zwei Gruppen gibt, die sich nicht verstehen, dann sind das nicht etwa Griechen und Deutsche, sondern Ökonomen und Experten für sogenannte Kryptowährungen wie Bitcoin. Es herrscht ein reger Wettbewerb der Unkenntnis. Und die Ökonomen sind gerade dabei, diesen Wettbewerb für sich zu entscheiden, indem sie die ganze Idee von vornherein abtun. Dabei würde es sich lohnen, Bitcoin mal genauer anzuschauen: Das System dahinter könnte im Notfall ein Ausweg für Griechenland, ja sogar für die gesamte Eurozone sein.

Bitcoin ist technisch ein Protokoll, das eine sichere digitale Währung zur Verfügung stellt. Der Algorithmus hinter Bitcoin ist deutlich cleverer als so ziemlich alles, was in den vergangenen 30 Jahren in der Ökonomie entwickelt wurde. Eine sichere Währung zu schaffen, ohne eine zentrale Datenbank zu kreieren, war ein Geniestreich. In der Welt von Bitcoin gibt es keine Zentralbanken und keine Politiker. Es gibt allerdings auch keine Kredite. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob das System langfristig stabil ist, ob es sogar das Geld ersetzen kann oder lediglich als Zahlungsmittel seinen Einsatz findet?

Um es vorweg zu sagen: Bitcoin wird in seiner jetzigen Form nicht den Dollar und den Euro ersetzen. Trotzdem sind Kryptowährungen die Zukunft - wenn auch wohl nicht Bitcoin selbst. Denn da bislang ungelöste Problem aller Kryptowährungen ist die in das System eingebaute Deflation. Es kann maximal 21 Millionen Bitcoins geben. So ist der Algorithmus gebaut.

Allein dadurch, dass einige Benutzer jedes Jahr Bitcoins verlieren, weil sie keine Sicherung ihrer Daten vorgenommen haben, wird das digitale Geld weniger. Das ist nicht so wie bei normalem Geld, das bei Verlust noch da ist, nur woanders. Wenn Sie Bitcoins verlieren, sind diese aus dem System verschwunden. Es gibt Verlierer, aber keine Gewinner. Wenn Bitcoin seine Obergrenze von 21 Millionen Einheiten irgendwann in den nächsten Jahren erreicht, ist das System allein durch die Verluste deflationär. Die Menge der im System befindlichen Bitcoins wird sich auf Dauer ein wenig reduzieren.

Damit ist Bitcoin ähnlich wie Gold oder andere Metallwährungen. Es gab gute Gründe dafür, dass moderne Staaten ihr Geld nicht mehr an das Gold binden. Der Goldstandard war der Grund, warum ein Börsencrash im Jahre 1929 in eine Depression von bis dahin unbekanntem Ausmaß mündete. Hier kamen Schulden, Deflation und Depression zusammen und verstärkten sich gegenseitig.

Bitcoin - gutes Zahlungsmittel, aber äußerst riskante Wertanlage

Trotz dieser schlechten Erfahrungen gibt es rechtskonservative Wirtschaftsideologen, die deflationäre Systeme befürworten. Wenn es jemals eine ökonomische Clique geben wird, die Bitcoin als die Währung der Zukunft sieht, dann sind es Ökonomen aus dieser Ecke. Die finden es klasse, dass es keine Zentralbank gibt, keinen Mario Draghi, der Anleihen aufkauft, um damit die Geldmenge zu erhöhen. Für sie ist Deflation kein Problem.

Mit der Beobachtung, dass ein Bitcoin-System per Definition deflationär ist, ist die Debatte aber noch längst nicht abgeschlossen. Mit der Technologie, die hinter Bitcoin steht, könnte man theoretisch auch eine nicht deflationäre Währung kreieren. Man wird einen Weg finden müssen, den Algorithmus auf realwirtschaftliche Ereignisse einwirken zu lassen, etwa eine Formel, die die Geldmenge an die Produktivität bindet. Das ist zwar alles nicht ideal, aber besser als eine feste Obergrenze.

Es gibt einen Spezialfall, in dem eine deflationäre Kryptowährung wie Bitcoin durchaus sinnvoll wäre, und zwar als Parallelwährung. Die klassische Ökonomie weist Geld drei Rollen zu: Zahlungsmittel, Zahlungseinheit und Wertaufbewahrung (unter einer Matratze oder - wenn man es gerne altmodisch hat - auf einem Sparkonto). Es gibt aber keinen logischen Grund, warum man diese Funktionen nicht trennen könnte. Bitcoins sind ein gutes Zahlungsmittel, aber keine wirkliche Zahlungseinheit und eine äußerst riskante Wertanlage. Für eine Parallelwährung ist diese Kombination fast perfekt.

Argentinien führte so etwas Ähnliches im Jahre 2001 unter dem Namen Patacones ein. Auch die Nazis haben sich einer Parallelwährung bedient - Anleihen durch die Metallurgische Forschungsgesellschaft, ein Scheinunternehmen, das nur den Zweck hatte, Geld zu emittieren. Wenn die Europäische Zentralbank den Griechen jemals den Geldhahn zudrehen sollte, dann könnte Griechenland völlig legal zu einem ähnlichen Instrument greifen.

Eine deflationäre, Bitcoin-ähnliche Konstruktion, wäre hier sogar von Vorteil. Damit verhinderte man, dass Regierungen oder Zentralbanken schummeln und zu viel Geld drucken. Der Wert der Parallelwährung sollte stabil bleiben. Das könnte Bitcoin schon jetzt. Der Sinn einer Parallelwährung ist schließlich nicht, die Hauptwährung auf Dauer zu ersetzen, sondern sie nur kurzfristig zu ergänzen.

Wie wäre es mit einer Kryptowährung als Nachfolger des Euro, sollte der jemals zusammenbrechen? Momentan ist es wahrscheinlicher, dass man zu einer nationalen Währung oder einer neuen überregionalen Währung greift. Eine Kryptowährung, die tatsächlich den Euro ersetzen könnte, muss noch erfunden werden. Der Punkt ist nur: Wir sind wahrscheinlich gar nicht so weit davon entfernt. Es geht um die Währung der Zukunft.

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