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Unternehmer Blanker Hohn

Aufregung im Westfälischen: Ein Mittelständler bot seinen Beschäftigten neue Jobs an - in der Slowakei, für zwei Mark die Stunde.
aus DER SPIEGEL 21/1996

Die Ehlebracht AG im westfälischen Enger hat einen guten Ruf in der Branche. Das Unternehmen, das über 1000 Leute beschäftigt, produziert Beleuchtungsanlagen und technisches Mobiliar für Küchen, Büros und Läden. Die Firma sei »sehr innovationsfreudig«, lobte das Manager Magazin.

Eine Kostprobe ihrer Kreativität lieferten Ehlebracht-Manager in der vergangenen Woche: Beschäftigten ihrer Tochterfirma Lüderitz Licht GmbH boten sie neue Arbeitsverträge an - zu skurrilen Bedingungen.

Wer seinen Job bei Lüderitz behalten will, muß künftig mindestens 220 Stunden im Monat arbeiten, von montags bis samstags, dazu jeden zweiten Sonntag. Dafür gibt es, je nach Qualifikation, 350 bis 500 Mark im Monat.

Grund der seltsamen Offerte: Anfang September verlegt die Ehlebracht-Tochter ihre Produktion, vom westfälischen Lübbecke in die Slowakei. Entwicklung, Konstruktion und Vertrieb bleiben in Deutschland - aber 30 Arbeiter, so das Unternehmen, können mitkommen nach Filakovo oder Michalovce und dort weiterhin für Lüderitz arbeiten, zu landesüblichen Bedingungen natürlich.

Der Lüderitz Licht geht es nicht gut. 1992 war die damalige Schaer-Lüderitz in Konkurs gegangen und wurde dann als Lüderitz Licht weitergeführt. Anfang 1994 übernahm die Ehlebracht AG aus dem nahen Enger den maroden Betrieb.

Im vergangenen Jahr mußten 30 Beschäftigte gehen, und ein Teil der Produktion wurde in die Slowakei verlegt. In Michalovce, etwa 40 Kilometer vor der ukrainischen Grenze, fanden sich ideale Bedingungen: Ein ehemaliges Elektrokombinat bot genügend Fabrikhallen und Fachkräfte.

Doch das Angebot an die Arbeiter, einfach mitzuziehen, hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Der Ehlebracht-Personalchef hängte eine Liste ans Schwarze Brett, auf der er die einzelnen Jobs ausschrieb, etwa für Punktschweißer (350 Mark monatlich) oder für Vorarbeiter Biegerei (500 Mark). Bis vergangenen Mittwoch sollten sich die Lüderitz-Beschäftigten entscheiden, ob sie das Angebot akzeptieren. Kranke Mitarbeiter bekamen den Vorschlag ihrer Führung sogar nach Hause geschickt.

Details sollten in Einzelverträgen festgelegt werden. Zwei Lüderitz-Beschäftigte gaben sich interessiert und meldeten erschrocken dem Betriebsrat, daß sie für 500 Mark im Monat auch noch sechs Tage in der Woche und jeden zweiten Sonntag arbeiten sollten.

»Eine Unverschämtheit«, empörte sich Walter Adelung von der IG Metall, Ortsverwaltung Minden, »das ist blanker Hohn.« Hatte Adelung anfangs noch den Verdacht, daß die Ehlebracht-Manager sich mit dieser Aktion über die hohen deutschen Löhne und die kurzen Arbeitszeiten mokieren wollten, so stand für ihn bald fest: »Das ist todernst gemeint.«

»Ich verstehe die Aufregung nicht«, sagte Ehlebracht-Direktor Jochen Emde dem Westfalenblatt und erläuterte ganz trocken, daß 500 Mark monatlich in der Slowakei doch ein Haufen Geld sind: »500 Mark haben dort dieselbe Kaufkraft wie bei uns 5000 Mark.« Zudem, so Emde, würde die Firma zu dem Lohn wohl noch etwas drauflegen, etwa für Heimfahrten.

Die Posse sorgt für kräftigen Wirbel im Westfälischen. Am Dienstag vergangener Woche rückte das WDR-Fernsehen in Lübbecke an; »armes Deutschland«, jammerte tags darauf die regionale Bild-Ausgabe und vermeldete die Affäre fünfspaltig unter der Überschrift »Job weg - oder für 350 Mark in der Slowakei arbeiten«.

Ehlebracht-Vorstand Jürgen Heitmann, der gerade aus seinem Urlaub zurückgekommen war, ahnte »eine mittlere Katastrophe«, die das Image seiner Firmengruppe lädieren könnte, und schritt unverzüglich zur Schadensbegrenzung. Er sauste am Mittwoch morgen vergangener Woche nach Lübbecke und riß eigenhändig die Mitteilung seines Personalchefs vom Schwarzen Brett.

Da sei westfälischer Humor gründlich mißverstanden worden, meinte Jürgen Heitmann nun: »Oder nehmen Sie so etwas ernst?«

Nachmittags rief er IG-Metall-Funktionär Adelung an und klärte ihn über den angeblichen Scherz auf. Mit der Gewerkschaft, so Chef Heitmann, werde er sich über einen Sozialplan unterhalten: »Wir regeln das nach alter Väter Sitte.«

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