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WETTBEWERB Blau gegen Gelb

In Berlin jagt ein kleines Unternehmen der Post mit pfiffigen Ideen Kunden und Marktanteile ab. Bald soll das Modell auch andere Städte erobern.
aus DER SPIEGEL 41/2003

In dem Ladenlokal im Berliner Bezirk Mitte herrscht kurz nach 17 Uhr drangvolle Enge. An der Glastheke hat sich eine Schlange gebildet: »50 Briefmarken«, »Ein Päckchen nach Potsdam«, »100 Standardbriefe bis morgen Mittag«. Doch obwohl vieles aussieht wie in einem Postamt, hat der in Grün und Blau eingerichtete Laden mit dem gelben Logistikriesen nicht viel zu tun. Im Gegenteil: Der David aus Berlin entwickelt sich für den Bonner Goliath zu einem gewaltigen Ärgernis.

Dutzende von Großkunden hat die Pin AG der Post in den vergangenen zwei Jahren bereits abspenstig gemacht. Wie selbstverständlich radeln und laufen die blau gekleideten Briefträger des Konkurrenzunternehmens durch Berlin. Mehrere Läden hat die Firma bereits eröffnet. So-gar eigene Briefmarken verkauft sie inzwischen.

Der Angriff findet ausgerechnet auf einem Feld statt, auf dem sich die Deutsche Post durch ihr Briefmonopol noch Jahre sicher wähnte. Doch was die Post-Strategen übersehen haben: Die bis 2007 geltende Exklusivlizenz, nach der eigentlich nur das ehemalige Staatsunternehmen Briefe annehmen und verteilen darf, sieht kleine, aber entscheidende Ausnahmen vor.

Wenn nämlich private Unternehmen Logistikleistungen besser, schneller oder höherwertiger anbieten, dürfen sie der gelben Post schon jetzt Konkurrenz machen. Einzige Voraussetzung: Sie müssen von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post eine Lizenz bekommen - wie Pin-AG-Gründer Bernhard Klapproth bereits vor vier Jahren.

Eigentlich wollte der 38-jährige Unternehmer damals einen auf Logistik spezialisierten Internet-Dienstleister gründen. Doch schon bei den ersten Kundengesprächen erkannte Klapproth, dass viele Firmen einen ganz anderen Bedarf hatten: die schnelle und preiswerte Zustellung ihrer Briefe. Kurzerhand sattelte er um und startete mit fünf Mann in einem Hinterhof den ersten privaten Berliner Briefservice.

Waren es anfangs Handwerker, Arztpraxen und Rechtsanwälte aus der Nachbarschaft, die den lokalen Dienst nutzten, finden sich in der Referenzliste der Pin AG inzwischen diverse Berliner Großunternehmen. Versicherungen wie die Axa und Krankenkassen wie die DAK vertrauen der Pin ihren Briefverkehr ebenso an wie namhafte Banken, das Möbelhaus Ikea oder der Logistikspezialist Schenker.

Der Durchbruch gelang vor zwei Jahren, als Pin Verträge mit dem Berliner Senat abschließen konnte. Seitdem befördern Pin-Briefträger die Post von Bezirks- und Finanzämtern oder die massenhaft anfallenden Bußgeldbescheide der Polizei.

Inzwischen stellt das Unternehmen rund 150 000 Sendungen täglich zu. Grund für den Boom: Pin-Mitarbeiter holen Briefe und Päckchen täglich bei den Unternehmen ab. Sendungen, die nicht ins eigene Versorgungsgebiet (Berlin und Leipzig) gehen, werden frankiert und zur weiteren Beförderung der Post übergeben - dann allerdings zu deren Konditionen.

Der weitaus größere Rest wird von eigenen Briefträgern und Postboten zugestellt - garantiert am folgenden Tag. Und während die Post für einen ganz normalen Brief 55 Cent Porto verlangt, kostet es bei Pin nur 45 Cent. Darin ist - anders als bei den Bonnern - auch die für Unternehmen abziehbare Mehrwertsteuer enthalten.

Einen Millionenbetrag, schwärmen Berlins Haushaltsexperten, spare die Stadt jährlich durch das niedrigere Porto der Pin AG. Außerdem schafft das Unternehmen zur Freude der Politiker neue Arbeitsplätze. Rund 750 Vollzeitkräfte stehen zurzeit bei der Pin AG unter Vertrag. Bereits 2004, glaubt Firmengründer Klapproth, werde man »deutlich mehr als tausend beschäftigen«.

Denn die Umsätze steigen sprunghaft. Setzte die Pin AG 2000 noch knapp 1,4 Millionen Euro um, werden es in diesem Jahr rund 24 Millionen sein. Sogar die Gewinnschwelle wurde inzwischen erreicht.

Beflügelt von solchen Erfolgen, will Klapproth seine Dienste nun auch Privatkunden anbieten. Zwar läuft die Pilotphase schleppend. Wenn sich das Angebot aber erst einmal herumgesprochen habe, werde man der Post auch in diesem Segment einen Teil des Markts abjagen können.

Offiziell gibt sich der große Konkurrent gelassen. Nicht einmal drei Prozent des gesamten Briefmarkts, heißt es dort, habe man bisher an die schätzungsweise 400 bis 600 privaten Briefzusteller verloren.

Doch hinter den Kulissen kämpfen die Bonner verbissen: So hat die Post Beschwerde bei der Regulierungsbehörde eingereicht, weil die Pin AG ihrer Ansicht nach »systematisch und fortwährend gegen Lizenzauflagen« verstoße. So seien zahlreiche Briefe nicht oder zu spät zugestellt worden. Deshalb hatte sich die Post über Wochen geweigert, von der Pin AG frankierte Briefe zu transportieren. Erst nach einer einstweiligen Verfügung durch das Landgericht Bonn lenkte der Konzern ein.

Die rigiden Abwehrmaßnahmen der Post könnten jedoch zu spät kommen. Der rasante Erfolg in Berlin hat andere Städte hellhörig gemacht. Die Aussicht, Arbeitsplätze zu schaffen und den Haushalt durch niedrigere Portokosten zu entlasten, ist für viele Kommunen verlockend.

Zurzeit steht die Pin AG in Verhandlungen mit zwei weiteren deutschen Großstädten, die das Berliner System kopieren wollen. Welche das sind, mag Klapproth noch nicht verraten. »Der Konkurrent aus Bonn«, so fürchtet er, »würde alles daransetzen, die Vertragsabschlüsse in letzter Minute noch zu verhindern.« FRANK DOHMEN

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