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UNTERNEHMEN Blau und blutig

Einer der größten Konkurse in der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte -- der Zusammenbruch des Textilkonzerns Glöggler -- wird diese Woche vor Gericht aufgerollt.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Über den Aufenthalt von Hans Glöggler, 68, einst Chef des größten deutschen Textilkonzerns, wissen die Behörden derzeit nichts Genaues. Vermutlich lebt er irgendwo in Kanada.

Die Adresse von Glöggler-Sohn Axel, 36, dagegen ist amtsbekannt: Karmelitengasse 12 in Augsburg. Von seiner Einzelzelle im Untersuchungsgefängnis aus wird Glögglers Ältester an diesem Montag um 8.30 Uhr ins Landgericht Augsburg geführt, wo die Erste Große Strafkammer gegen ihn verhandelt.

Der alte Glöggler, Hauptfigur einer der größten Pleiten in der bundesdeutschen Wirtschaft, setzte sich rechtzeitig vor zweieinhalb Jahren ab. Der Sohn muß nun für einen Teil der Wirtschaftsvergehen einstehen, die angeblich beim Milliarden-Konkurs der Glöggler-Gruppe begangen wurden.

Der Staatsanwalt Walther Todd beschuldigt den Glöggler-Sohn auf den 51 Seiten seiner Anklageschrift der Untreue, der Beihilfe zur Untreue, des Betrugs und der »unrichtigen Darstellung«. Schon ein Schuldspruch in nur einem der Anklagepunkte könnte Glöggler junior bis zu fünf Jahren ins Gefängnis bringen.

In den ersten Wochen des auf mindestens ein Vierteljahr angesetzten Verfahrens wird allerdings der abwesende Senior die Hauptrolle spielen. Denn zunächst wollen die Ankläger mit der waghalsigen Konzernpolitik des Hans Glöggler ins Gericht gehen.

»Nahezu ausschließlich mit Fremdkapital«, so die Anklageschrift, hatte der zwischen 1969 und 1974 fünf Textilfabriken mit fast einer Milliarde Umsatz und 11 000 Beschäftigten aufgekauft, darunter alteingesessene und renommierte Unternehmen wie die Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS) und die Erba in Erlangen.

Das Startkapital für den Aufstieg zum Konzernherr hatte sich Glöggler als Baustoffhändler in Augsburg zusammengekratzt. Das Geschäftsprinzip war ein riskantes Schneeball-System: Glöggler erwarb Firmen mit häufig überalterten Produktionsanlagen, aber wertvollem und ausgedehntem Grundbesitz. Die Immobilien diente er den Banken als Sicherheit für Kredite an, mit denen er dann weitere Unternehmen aufkaufte.

Die »spekulative Konzernpolitik«, so die Ankläger, zeigte 1974 erste Schwächen. Um wieder Geld in die Kasse zu bringen, verlegte sich der Konzernchef auf Aktienspekulationen. Die Mittel für die glücklosen Transaktionen entnahm Glöggler als Darlehen aus den laufenden Einnahmen der produzierenden Unternehmen.

Sohn Axel leistete dabei sachverständige Hilfe. 1971 war er »summa cum laude« mit einer Arbeit über »die Liquiditätstheorie des Geldes« zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften promoviert worden. 1972 übernahm er in fast allen Glöggler-Beteiligungen Vorstands- oder Aufsichtsratsposten und fungierte seit Mitte 1974 auch als Finanzchef des Konzerns.

Damit allerdings war er, nach Ansicht der Staatsanwälte, »in einen zentralen Zielkonflikt« geraten: Der Vater ließ ihn aus jenen Firmen Geld abziehen, die durch Beherrschungsverträge an die Konzernspitze gebunden waren; als Vorstandsmitglied eben dieser Firmen aber hätte sich der Junior nach Meinung der Ankläger gegen den Aderlaß sperren müssen.

»Angesichts der ihm bekannten bedrohlichen Lage des Gesamtkonzerns« (Anklageschrift) mußte der Liquiditätstheoretiker wissen, daß »bei einer Fortführung dieser Geschäftspolitik« Firmen wie Erba und AKS nicht mehr zu retten waren.

Zum Beweis stellten Bilanzexperten der Münchner Staatsanwaltschaft eine »Weltbilanz« des Glöggler-Konzerns auf. Die Rechnung der Ermittler ergab für Ende 1975 eine Überschuldung des Konzerns von 155 Millionen Mark. Der Konzernchef, der in Panama, Luxemburg und der Schweiz Holdings und Briefkastenfirmen unterhielt, hatte eine solche Gesamtübersicht über seine Vermögensverhältnisse den Kreditgebern wohlweislich immer verweigert.

Sohn Glöggler erkannte etwas früher als der Vater, daß es da nicht mehr viel zu retten gab. »Geschäftspolitik nicht mehr glaubwürdig nach außen zu vertreten«, vermerkte der Junior am 16. Januar 1975 in einem Notizbuch, das die Ermittler beschlagnahmten. »Ich weiß nicht mehr, wofür ich kämpfe. Familie? Konzern? In fünf Jahren kein Glöggler-Textil-Konzern mehr.«

Der Vater versuchte die Bedenken des Sohnes auf seine Weise zu zerstreuen. Als Axel wenige Wochen nach dem Notizbucheintrag bei einer Besprechung in einer Augsburger Anwaltskanzlei skeptische Bemerkungen machte, prügelte der Alte den damals 32jährigen Sohn blau und blutig.

* In Augsburg.

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