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LUFTFAHRT Blei im Knie

Aus dem Vorstand der europäischen Airbus-Industrie scheiden zwei Franzosen aus. Ein Deutscher hat Aussicht, der starke Mann zu werden. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Wäre nicht Franz Josef Strauß davor, könnte schon dieses Jahr ein Deutscher, ein Bayer noch dazu, auf dem Chefsessel der europäischen Airbus-Industrie Platz nehmen: Johann Schäffler, 49, besterfahrener Manager in Sachen Airbus und jüngeres Ebenbild des Bayern-Königs Strauß.

Weil aber Franz Josef Strauß weiter Aufsichtsratsvorsitzender des Vier-Länder-Konzerns bleiben will, fällt den Deutschen im demnächst fälligen Revirement an der Spitze des Luftfahrtunternehmens nur der zweite Platz zu - den ersten bekommen die Franzosen.

Das Revirement im Management des nach Boeing zweitgrößten Herstellers von zivilen Großraumflugzeugen ist durch das Ausscheiden von gleich zwei Franzosen ausgelöst worden: Im Frühjahr 1985 verabschieden sich Airbus-Chef Bernard Lathiere, 55, weil die Gesellschafter seinen Vertrag nicht verlängern wollen, und Vizechef Roger Beteille, 64, weil er wegen angeschlagener Gesundheit nicht mehr arbeiten will.

Für Beteille soll nun der gebürtige Bayer Schäffler in den Vorstand - ein Airbus-Mann der ersten Stunde und ein erprobter Manager auch in kniffligen Aufgaben. Schäffler wäre, heißt es übereinstimmend in der Branche, eigentlich die Nummer eins.

Die Airbus-Karriere Schäfflers hatte schon 1969 bei der Deutschen Airbus GmbH in München begonnen. Dabei vertrat er viele Jahre die Interessen der deutschen Techniker in der französischen Airbus-Stadt Toulouse. Später bereitete er als Bremer Geschäftsführer der deutsch-niederländischen Firma VFW-Fokker die Trennung des Unternehmens und die Fusion seines deutschen Teils mit dem Airbus-Gesellschafter MBB vor.

Danach wurde Schäffler in Hamburg Chef des gesamten Transportflugzeugbaus von MBB und war damit vor allem für die deutschen Teile der Airbus-Produktion verantwortlich. Gleichzeitg waltet er als Mitglied der MBB-Geschäftsführung in Ottobrunn. »Ich kenne keinen«, verrät der sonst sehr kritische Lufthansa-Vize Reinhardt Abraham, »der mehr vom Airbus versteht als er.«

Zu denen, die weniger davon verstehen, darf sich deshalb auch Schäfflers künftiger Vorgesetzter zählen: Jean Pierson, 45, Top-Manager des anderen großen Airbus-Gesellschafters Aerospatiale in Paris, soll als Nachfolger des geschaßten Lathiere erster Mann im Unternehmen werden.

Chef Lathiere muß gehen, weil den Airbus-Gesellschaftern sein persönlicher Lebensstil nicht behagt. Der im indischen Kalkutta geborene Franzose, ein Absolvent der französischen Eliteschule ENA, hatte sich allzugerne als personifizierte Airbus-Industrie dargestellt.

Lathieres Aufstieg hatte 1955 im französischen Finanzministerium begonnen, sich 1959 als Berater des Verteidigungsministers fortgesetzt und mit der Ernennung zum Direktor der französischen Lufttransportbehörde seinen Höhepunkt erreicht. Dort war Lathiere nebenher Direktor der Zivilflugzeugfirma Sud-Aviation und der nationalen Flugmotorenfabrik Snecma. Frankreichs früherer Außenminister Jean Francois-Poncet nannte den aufstrebenden Manager vom Jahrgang 29 einen »Mann mit der Statur eines Siegers«.

Nachdem der Sieger 1975 Präsident des Unternehmens Airbus geworden war, ließ er sich glänzend als Verkäufer und als Image-Pfleger für die Firma nutzen. Daß Lathiere die in Frankreich seltene Fähigkeit besaß, fließend englisch zu sprechen, verlieh ihm im weitgehend englischsprachigen Luft-Geschäft natürliche Autorität.

Verdienste um Airbus Industrie spricht dem barocken Lathiere denn auch niemand ab. Verärgert zeigten sich die härter arbeitenden Vorstands-Kollegen allerdings, wenn Lathiere in Erfolgszeiten die ganz großen Sprüche blies, in Zeiten der Flaute aber gern wegtauchte.

Als 1979 das Airbus-Geschäft in ungeahnte Höhen schoß, wurden Lathiere-Sprüche

häufig zitierte Inflationsware. »Unsere Verkaufsziffern kann ich Ihnen nicht sagen«, beschied er fragende Journalisten einmal, »da kommt jede Woche was Neues.«

In Siegerpose, mit einem Modell des neuen Airbus-Typs A 310 vor sich, ließ sich der füllig gewordene Lathiere auch 1984, nach der Bekanntgabe des als sensationell empfundenen Pan-Am-Vertrages über 91 Airbusse, noch ablichten: »Jahrelang haben die Amerikaner 90 Prozent des Marktes beherrscht«, prahlte er, »nun haben wir einen Platz an der Sonne.«

Zu dieser Zeit saß Lathiere selber schon nicht mehr an der Sonne. Bereits vergangenes Jahr hatten die Airbus-Gesellschafter beschlossen, seinen Vertrag nicht zu verlängern, den kränkelnden Stellvertreter Beteille, in der Branche »Mister Airbus« genannt, jedoch um Durchhalten zu bitten.

In seiner weiträumigen Öffentlichkeitsarbeit nämlich war Lathiere gelegentlich die Promille-Kontrolle abhanden gekommen. Um mit ihm ernst zu reden, hieß es bald in der Firma, müsse man schon besser vor elf Uhr seine Räume betreten. Zuweilen fiel auf, daß der gewöhnlich quicklebendige Chef nach offiziellen Veranstaltungen mit bleiernen Knien auf dem Stuhl hocken blieb, während alle anderen sich schon erhoben.

Zunehmend wurde in der Zentrale kritisiert, Lathiere habe bei Verhandlungen dem Lauf der Dinge manchmal nicht mehr recht folgen können - und das sei bei der finanziellen Größenordnung, um die es dabei regelmäßig geht, eben gefährlich. Neider des schon seit zehn Jahren amtierenden Chefs kreiden ihm an, er habe der amerikanischen Fluggesellschaft Pan Am zu günstige Kaufbedingungen eingeräumt.

Franz Josef Strauß, nach einem Besuch beim französischen Premierminister Laurent Fabius auf den Airbus-Präsidenten angesprochen, hielt sich denn auch bedeckt. »Die Anteilseigner«, beschied der Aufsichtsratsvorsitzende Strauß kühl, »sind zu der Auffassung gekommen, daß zehn Jahre genug sind.«

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