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Medien Blick aus dem Fenster

Drei Konzerne wollen sich für den Fernseh-Markt der Zukunft zusammenschließen. Das Kartellamt fürchtet ein neues Monopol.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Joachim Theye, 54, gilt als Anwalt für besonders schwierige Fälle. Seine Klientel sind die Milliardäre. Der Sozius von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher wirkte an vielen spektakulären Geschäften der deutschen Wirtschaft mit, diskret, stets im Hintergrund.

Für Hans Gerling rettete Theye den durch die Herstatt-Affäre angeschlagenen Versicherungskonzern. Friedrich Karl Flick beriet er bei seinen Milliardengeschäften. Ganz besonders vertraut aber ist Theye mit Leo Kirch. Dem Münchner Filmhändler stand er zur Seite, als der beim Zeitungskonzern Springer einstieg, dem Metro-Milliardär Otto Beisheim und dessen Kompagnon Kirch hilft er bei ihren Medienplänen.

Derzeit arbeitet der vielseitig einsetzbare Jurist wieder an einem komplizierten Fall. Theye soll ein neu formiertes Monopolunternehmen am Kartellamt vorbeischleusen. Mit Tricks und politischen Drohgebärden versucht er, Widerstände von Behörden und Konkurrenten zu brechen.

Die drei auf ihren Gebieten jeweils marktstärksten Kommunikationskonzerne Telekom, Bertelsmann und die Kirch-Gruppe wollen sich gemeinsam einen gewinnträchtigen Zukunftsmarkt sichern. Es geht um Aufbau und Kontrolle des »interaktiven Fernsehens«.

Noch vor wenigen Jahren war die neue multimediale Welt selbst für Strategen der Branche eine Vision. Doch jetzt steht die Testphase bevor, und in wenigen Jahren schon könnte ein neuer Milliardenmarkt entstehen.

Beim interaktiven Fernsehen ist der TV-Teilhaber nicht länger nur passiver Zuschauer: Er stellt sein eigenes Programm zusammen, ordert, kauft ein und prüft Urlaubsangebote. Mit der Fernbedienung kann er eine Pizza bestellen und Bankgeschäfte erledigen.

Das Fernsehgerät mutiert zum Serviceterminal. Via Bildschirm, Telefon und Computer wird der Zuschauer zum Akteur.

Ein gigantisches Wirtschaftspotential tut sich auf. Medienriesen wie beispielsweise Time Warner in den Vereinigten Staaten, die Computerkonzerne IBM oder Digital Equipment und die im Kabel- sowie Satellitengeschäft tätigen Unternehmen bereiten sich auf den Markt der Zukunft intensiv vor.

Noch im laufenden Jahr startet der US-Konzern Time Warner in Orlando/Florida einen großangelegten Test. Die Fernsehgeräte von 4000 Kunden werden mit einer speziellen Funkbedienung und einem Zusatzgerät zur Datenübertragung umgerüstet. Über ein digitales Netz aus Glasfaserkabeln oder Satelliten können Konsumenten dann Verkaufsvideos großer Handelshäuser anwählen und ordern.

In Deutschland sind die Konzerne noch nicht soweit. Und doch haben sie einen unschätzbaren Vorteil: Das weltdichteste Kabelnetz liegt in deutschem Boden, und auch die größten europäischen Satellitenkonzerne stehen unter deutschem Einfluß. Das Netz gehört der Bundespost. Über ihre Telefontochter Telekom sind 14 Millionen Haushalte angeschlossen, viele Millionen davon mit modernsten Glasfaserkabeln.

Die Post-Tochter hat das Monopol, sie träumt deshalb von einer großen Zukunft. »Der Einstieg in den Multi-Media-Markt«, schwärmte Telekom-Chef Helmut Ricke, werde die Telefongesellschaft »von einem national orientierten Netzbetreiber in einen globalen Dienste-Anbieter verwandeln«.

Anwalt Theye riet bei der Partnerwahl zu Bertelsmann und Leo Kirch. Der Gütersloher Fernseh-, Buch- und Presseriese ist mit Kirch beim einzigen deutschen Pay-TV-Sender Premiere engagiert. Das Abonnentenfernsehen ist eine Art Vorstufe zum interaktiven Fernsehen. Das Trio gründete im Frühjahr die Media Service GmbH. Schon Anfang des nächsten Jahres sollte mit den Testläufen begonnen und um die Jahrtausendwende die Gewinnzone erreicht werden.

Kaum war der Plan bekannt, regte sich Widerstand. Die Landesmedienanstalten, die kommerzielle Fernsehsender wie RTL oder Sat 1 kontrollieren, warnten in einem internen Papier ("Skizze") vor »einer Einschränkung des Wettbewerbs durch das Dreiergespann«.

Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, monierte, die Vertriebswege Kabel und Telefon würden _(* Im »Ponton European Media Art Lab« in ) _(Hamburg. ) von der Telekom, die Programmressourcen von Kirch und Bertelsmann beherrscht. Die Telekom, forderte er, müsse ihr Monopolnetz auch anderen Mitbewerbern öffnen.

Die lautstarke Kritik schreckte das Bundeskartellamt in Berlin auf. Die Wettbewerbsprüfer waren nicht konkret mit dem Fall befaßt, weil kein Antrag auf Fusionsgenehmigung gestellt wurde.

Dennoch spielten die Beamten den Zusammenschluß durch. Sie kamen zu einem eindeutigen Ergebnis: Nach ihrem Kenntnisstand ist die Liaison wettbewerbsrechtlich anstößig.

Durch die Verbindung mit Bertelsmann und Kirch, so argumentieren die Wettbewerbshüter, werde die marktbeherrschende Position der Telekom verstärkt. Das Gemeinschaftsunternehmen schrecke Konkurrenten ab.

Das Versandhaus Quelle zum Beispiel plant ein eigenes interaktives Fernsehprogramm mit einem eigenen Sender. In Spiel-Shows soll der Zuschauer Kleider oder Möbel aus dem Katalogangebot auswählen können. Der Kunde kann dann bei Durchgabe der Raummaße das gewünschte Sofa auf dem Bildschirm wie im eigenen Zimmer hin und her schieben.

Ähnliche Pläne verfolgen auch die Touristik-Konzerne, darunter die TUI in Hannover. Der Kunde läßt sich in verschiedenen Einstellungen vorspielen, wie sein Hotelzimmer aussieht. Er kann sogar durch dessen Fenster blicken.

Die Möglichkeiten der multimedialen Welt scheinen unerschöpflich. Immobilienunternehmen bieten künftig Häuser und Wohnungen via Bildschirm an. Firmen lassen Beschäftigte zu Hause am Bildschirm arbeiten.

Das alles, so fürchten die Wettbewerbsexperten, werden die Unternehmen sein lassen, wenn ein Medienmonopol den Markt beherrscht. Viele seien möglicherweise gezwungen, sich dem neuen Giganten anzuschließen.

Theye will dem drohenden Veto aus Berlin mit einem Trick entgehen: Er erklärt das Bundeskartellamt für nicht zuständig.

Interaktives Fernsehen, argumentiert der Anwalt, sei international angelegt, die Media Service GmbH strebe die Zusammenarbeit mit ausländischen Initiatoren an. Schließlich, so Theye, werde das Telekom-Netz europaweit genutzt und sei keine nationale Sache.

Zuständig für den Fusionsfall ist aus der Sicht des Anwalts die EG-Behörde in Brüssel. Dem zuständigen Kommissariat reichte Theye in der vergangenen Woche den Fusionsantrag ein.

Kommt er mit dieser Argumentation durch, sind Kirch & Co fast am Ziel: Die Brüsseler Kartellbehörde hat fast noch keinem Antragsteller die Genehmigung versagt. Y

* Im »Ponton European Media Art Lab« in Hamburg.

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