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Friedliche Anti-EZB-Proteste: "Menschen sind wichtiger als Banken"

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Proteste zur EZB-Eröffnung Sänger im schwarzen Block

Was sind das für Leute, die da in Frankfurt den Aufstand gegen EZB und Staatsmacht üben? Bürger allemal, nur mit "unbürgerlicher" Perspektive. Die Gewalt der Randalierer verstellt den Blick auf ihren legitimen Protest.

Die "Spinner" sind zu sechst gekommen. Inmitten Hunderter schwarz gekleideter Demonstranten fallen sie auf: Um die Schultern tragen sie strahlend blaue Europafahnen. Auch erhöhen sie den Altersdurchschnitt. Die sogenannten Spinner sind eine Attac-Gruppe, die aus Schauspielern des freien Ensembles am Titania Theater besteht, und sie sind gekommen, um mit ihren Mitteln gegen die EZB zu demonstrieren.

"Wir machen das mit den Mitteln des Theaters", sagt Bettina Kaminski. Ein Kollege nennt es "Agit Prop".

Es ist ein traditionsreicher, friedlicher Protest. Eine intelligente, ironische, heute schon fast bürgerlich anmutende Aktionsform: Die "Spinner" sind gekommen, um mit den Demonstranten eine neue Europahymne zu singen.

Ein wenig unsicher nähern sie sich dem Lautsprecherwagen kurz vor der Ecke Hanauer Landstraße/Uhlandstraße. Dort stehen sich seit Stunden zwei fest gefügte Reihen gegenüber: Die einen schwarz gekleidet und vermummt, die anderen schwarz gekleidet und gerüstet. Die Luft ist zum Schneiden dick, kaum jemand bewegt sich. Am Vormittag brannten nur wenige Meter die Straße hinab Barrikaden, die Schlacht tobte.

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Anti-EZB-Protest: Mit Steinen gegen die Zentralbank

Foto: Michael Probst/ AP/dpa

Bei den schweren Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten der kapitalismuskritischen Blockupy-Bewegung und der Polizei sind am Mittwoch in Frankfurt am Main mehr als 220 Menschen verletzt worden, davon fast 100 Polizisten. Anlass für die Proteste, die bereits am Mittwochmorgen in Gewalt umschlugen, war die Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Polizei setzte Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke gegen Randalierer ein und nahm 15 Personen fest. Eine Wache wurde angegriffen (siehe Video unten). Politiker und Polizeigewerkschaften reagierten mit Entsetzen auf die Krawalle.

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Reggae statt Rauchbomben

Am Nachmittag herrscht trügerisch-fröhlicher Lärm. Autonome tanzen zu schrill scheppernden Reggaeklängen aus Lautsprechern. Wenige Meter hinter der autonomen "Verteidigungslinie" an der Hanauer Landstraße sitzen viele in der Sonne, über allem weht der Duft von Cannabis. Die Situation erinnert an ein Festival am Abgrund: Jeder hier weiß, dass die Stimmung jederzeit kippen kann.

"Hör mal!" brüllt einer der Attac-Veteranen aus den Reihen der "Spinner", "lasst mal eben reden!" Die kleine Gruppe sammelt sich und steckt die Köpfe zusammen. Einer hat mitbekommen, dass "ein paar von denen glauben, wir wären so eine Art Gegendemonstranten". Wegen der Europafahnen klar. Was, will er nun wissen, "wenn sie die Ironie nicht verstehen, wenn wir die Europahymne singen"?

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Eröffnung der EZB-Zentrale: Banker im Glaspalast

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Gute Frage. Etwas unterhalb des Lautsprecherwagens haben sich französische und italienische Autonome und Anarchisten versammelt. Die verstehen noch nicht mal deutsch, da ist Ironie viel verlangt. "Also", sagt Bettina Kaminski, Schauspielerin und Mitglied , "ich hab keine Lust, von einem eins aufs Maul zu bekommen, weil der die Ironie nicht versteht."

Reinhart nickt und zieht seine Flagge aus. Dann haben sie es zum Wagen geschafft. Ein paar Worte mit dem Orga-Team, dann ist die Gruppe durch Zutritt zum Wagen beglaubigt: Keine Gegendemonstranten.

"Leute! Wir wollen eine andere Europahymne mit euch singen!" ruft einer ins Mikro, und zwei schwärmen aus, den Text zu verteilen. Dann heben sie an, zur Melodie von "Freude, schöner Götterfunken": "Sparen ist die Zauberformel / die jetzt ganz Europa eint / Macht die Reichen immer reicher / macht die Armen bettelarm."

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Einige im Publikum singen mit, zwölf Strophen später gibt es freundlichen Applaus. Die Gruppe ist erleichtert, weiter geht's, zum nächsten Auftritt.

Die selbsternannten "Spinner" haben jedenfalls nichts mit den gewaltbereiten Demonstranten gemein. Sie sind Bewegte, Globalisierungsgegner, sie haben gute Gründe für ihren Protest. Auch heute sehen sie sich im Recht, sie gehen ihren Bürgerrechten nach - wie das Gros der Demonstranten. Sie demonstrieren gegen eine Institution, die sie als Verkörperung von allem sehen, was schlecht ist in Europa.

Und die brennenden Polizeiwagen? Die Verletzten?

Damit haben sie nichts am Hut, sie wollen sie nicht. Die Gewalt diskreditiert den legitimen Prozess. Aber auch das Misstrauen gegen die Polizei sitzt tief. "Wissen wir wirklich, wer da was gemacht hat? Erfahren wir, wer da einen Wagen angesteckt hat", fragt Bettina Kaminski: "Sollte doch kein Problem sein, oder?"

Womit sie das Polizeiaufgebot meint, die Kameras, die Hubschrauber. Auch friedliche Demonstranten fühlen sich belagert. So wie die Polizei, verständlicherweise, nachdem Chaoten am Morgen eine Polizeiwache attackiert haben. Solche Proteste schaukeln sich schnell hoch.

In einer kleinen Kneipe ums Eck gibt es Raum, ein paar Zeilen in den Laptop zu tippen. "Wissen Sie", sagt eine Frankfurterin, die im Viertel lebt, während im Hintergrund der Fernsehsender n-tv Bilder der Demos in Dauerschleife wiederholt, als sei der Krieg ausgebrochen, "das mit der Gewalt ist ja schlimm. Aber der Protest ist doch nicht falsch. Im Grunde wollen die doch was verbessern. Besser wäre natürlich, wenn da gewaltlos hunderttausend auf die Straße gingen."

Kann man so sehen. Es wäre ähnlich laut, aber weniger verfehlt. An diesem Mittwoch in Frankfurt haben alle Seiten verloren.

Mit Material der dpa
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