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Nobelpreis Bluffen und drohen

Ist die Spieltheorie brauchbar? Das Nobelpreiskomitee meint ja und ehrt einen Deutschen.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Das Getöse dauert minutenlang. Etwa 500 Studenten klatschen, pfeifen und trommeln; sie schleudern bunte Ballons in die Luft und schwenken farbige Glückwunschtransparente.

Alle jubeln, einer schweigt: Schleppenden Schrittes geht ein kleiner Mann mit schütterem Haar und Goldrandbrille zum Dozentenpult. Der rechte Mundwinkel rutscht ein paar Millimeter nach oben, das ist alles. Ein knappes Dankeschön ringt sich der Gefeierte noch ab, dann beginnt die Vorlesung über Außenhandelstheorie.

Reinhard Selten, 64, ist der erste Deutsche, der den Nobelpreis für Wirtschaft erhält. Im Dezember wird er gemeinsam mit den Amerikanern John Nash und John Harsanyi für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Spieltheorie ausgezeichnet.

Unauffälliger können Sieger nicht sein. Selbst an der Bonner Universität, wo Selten seit 1984 lehrt, kennen ihn viele Studenten nicht. Öffentliche Auftritte hat er bisher eher gemieden. Er sei »wissenschaftssüchtig«, sagt Selten, es falle ihm schwer, sich auf anderes als die Forschung zu konzentrieren.

Das gilt erst recht für den Trubel, der Dienstag vergangener Woche mit der Nobelpreisnachricht aus Stockholm ausgebrochen ist. Plötzlich soll der schüchterne Wissenschaftler spät nachts mit Thomas Gottschalk klönen, und Fernsehreporter wollen die Namen seiner Katzen erfahren. Der Bundeskanzler faxt Glückwünsche, der kolumbianische Rundfunk drängt auf ein Interview. In Seltens kargem Arbeitszimmer stapeln sich neben dem Fünfziger-Jahre-Telefon Anfragen von New York Times, Economist und Business Week.

Die Spieltheorie, die Selten, Nash und Harsanyi nicht erfunden, aber entscheidend vorangebracht haben, soll Konfliktsituationen erklären, die wirtschaftliches Handeln erschweren. Sie analysiert strategisches Verhalten, etwa zwischen Unternehmen im Wettbewerb oder zwischen Staaten im Rüstungswettlauf. Die Wissenschaftler haben sich dabei am Verhalten von Schachspielern oder Zockern orientiert, die ja ebenfalls ständig neuen Konflikten ausgesetzt sind.

Wie reagieren zum Beispiel etablierte Betriebe, wenn ihnen neue Anbieter Konkurrenz machen? Wann liefern sich Unternehmen einen Preiskrieg, wann steigen Staaten in einen Subventionswettlauf ein? Wann ist Bluffen erfolgreich, wann wirken Drohungen?

John Nash hat als erster Situationen beschrieben, in denen eine Art Patt im Preiskrieg zwischen Wettbewerbern entsteht, obwohl die Erträge der einzelnen Beteiligten noch nicht optimal sind; Selten hat diese Modelle weiterentwickelt. Beide interessierten sich vor allem für Märkte, in denen sich wenige große Anbieter Konkurrenz machen (Oligopol).

Bis heute fällt es Ökonomen schwer, exakte Prognosen über solche Wettbewerber abzugeben - die Wirklichkeit ist so irritierend vielfältig. In manchen Branchen treiben sich Rivalen durch Dumpingpreise gegenseitig in den Ruin, anderswo stimmen Konkurrenten heimlich ihre Preise ab.

Doch wie der Beamte eine Kommission bildet, wenn er nicht weiter weiß oder die Entscheidung scheut, so findet auch der Wissenschaftler seinen Weg: Er stellt eine Theorie auf, ceteris paribus, versteht sich - sie gilt immer nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Und zu einer guten Theorie gehört in der Ökonomie die Suche nach dem Gleichgewicht. Ein sogenanntes Nash-Gleichgewicht entsteht, wenn im Kampf der Konkurrenten keiner sein Verhalten ändert.

Diese Situation ist meist kein Idealzustand für die Beteiligten oder für die Branche - im Gegenteil. In einem Handelskrieg kann es Pattsituationen mit Dumpingpreisen und hohen Verlusten für alle Beteiligten geben. Verbindliche Absprachen wären dann zwar attraktiv für alle Betroffenen. Dazu kommt es aber nicht, weil jeder einzelne Konkurrent besser dasteht, wenn zwar der Mitbewerber die Abmachung einhält, er selbst aber dagegen verstößt. Nur wenn Strafen für Abweichler eingeführt werden, haben die Vereinbarungen eine Chance.

So glauben die Spieltheoretiker erklären zu können, warum Gatt-Verhandlungen oder Abrüstungsgespräche oft so zäh verlaufen. Der gewöhnliche Ökonom wagt sich da mit Deutungen nur ungern heran. Er geht am liebsten davon aus, daß für die Gesamtwirtschaft ein idealer Zustand entsteht, wenn jeder einzelne seinen größtmöglichen persönlichen Nutzen anstrebt.

Wie es wirklich in einer Konfliktsituation weitergeht, weiß auch der Spieltheoretiker nicht zu sagen. Inzwischen gebe es so viele spieltheoretische Modelle, meint John Sutton von der London School of Economics, daß sich im nachhinein fast jede Verhaltensweise mit einem davon erklären lasse. Aber wer weiß schon im voraus, welches Modell anzuwenden ist?

Meist werden solche Modelle mit großem mathematischen Aufwand betrieben. Von Selten stammt zum Beispiel ein mehrere Dutzend Seiten langer Aufsatz über die Bedeutung der Spieltheorie für Koalitionsverhandlungen - eng beschrieben mit Formeln und Gleichungen. Ob aber Kohl mit Kinkel oder Scharping mit Fischer - da hilft der Aufsatz nicht weiter.

»Die Bedeutung für die praktische Wirtschaftspolitik ist ziemlich klein«, findet Wernhard Möschel vom wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums.

Amerikanische Politiker sehen das offenbar anders: In den Vereinigten Staaten werden Spieltheoretiker inzwischen bei vielen Entscheidungen hinzugezogen. Kartellgerichte lassen sich von ihnen beraten; bei Versteigerungen etwa von Rundfunklizenzen arbeiten Spieltheoretiker die nötigen Verfahren aus. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Axelrod will aus der Spieltheorie sogar konkrete Empfehlungen für die Handelspolitik ableiten: »Eindeutig in ihrer Strategie, grundsätzlich kooperativ, aber streng bei Verstößen gegen Abmachungen« solle eine Regierung demnach sein. Oder hat sich Axelrod einfach auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen?

Der Nobelpreisträger Selten hat schon in den sechziger Jahren für die amerikanische Abrüstungsbehörde gearbeitet. Die Auftraggeber waren allerdings von ihrem deutschen Berater, so Selten, »nicht gerade begeistert«. In wissenschaftlicher Strenge beharrte er darauf, daß die amerikanische Abschreckungsdoktrin im Grunde auf irrationalen Rachegelüsten beruhe.

Anders als die meisten amerikanischen Kollegen nimmt Selten am Beratungsrummel heute nicht mehr teil. Ihn fasziniert die Frage, was Rationalität überhaupt ist - und wann Menschen sich nicht völlig rational verhalten. Auch dabei lassen sich Regelmäßigkeiten erkennen.Vielleicht entsteht dabei ja wieder ein neues Modell. Y

»Die Bedeutung für die praktische Politik ist ziemlich klein«

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_134_ Ein Modell d. Spieltheorie am Beispiel einer Konkurrenzsituation

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