Zur Ausgabe
Artikel 39 / 80
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MANAGER Blutige Schlacht

Um die Führung des britischen Mischkonzerns Lonrho entbrannte der erbittertste Machtkampf, den Londons City je erlebte.
aus DER SPIEGEL 22/1973

Englands konservativer Premier Edward Heath war angewidert. »Hier zeigt sich«, so entsetzte er sich vorletzte Woche. »das unerfreuliche, unannehmbare Gesicht des Kapitalismus.

Was den Tory-Regierungschef in Wallung brachte, war »die blutigste Schlacht« ("The Observer"). die wohl je in Londons sonst so distinguierter City unter Managern ausgetragen worden ist: der Machtkampf um die Führung des Mischkonzerns Lonrho (80 000 Beschäftigte, 1.5 Milliarden Mark Umsatz, 400 Tochtergesellschaf ten).

In die Auseinandersetzung schalteten sich -- beispiellos in Großbritannien -- sogar diplomatische Vertreter fremder Staaten ein. Die Londoner Regierung ordnete gar eine offizielle Untersuchung über den Grabenkrieg der Lonrho-Manager an.

Hauptfigur der Affäre ist Roland Rowland, 56, der vierschrötige, fast 1,90 Meter große Lonrho-Direktor, der von seinen Freunden scherzhaft »Tiny« (Kleiner) genannt wird. Bis vor kurzem noch galt Roland Tiny Rowland als einer der erfolgreichsten Manager Großbritanniens. Binnen nur eines Jahrzehnts hatte er die einst unbedeutende Londoner Holding-Gesellschaft London and Rhodesian Mining and Land Company (Lonrho) zu einem Konzernriesen entwickelt.

Jetzt hegen Rowland-Kollegen im Lonrho-Vorstand »Zweifel an der geistigen Gesundheit« (so William Wilkinson in einer eidesstattlichen Erklärung) ihres geschäftsführenden Vorstandsmitglieds, werfen ihm vor, den Vorstand »angelogen« (so der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Sir Basil Smallpeice) zu haben. »Ein Großteil von Mr. Rowlands außergewöhnlichem und gänzlich irrationalem Verhalten«, versicherte eidesstattlich Lonrho-Top-Manager Alfred Gerber, »muß durch eine Art Krankheit verursacht sein.«

Ähnlich wie Wilkinson, Smallpeice und Gerber denken fünf weitere Lonrho-Direktoren. Sie alle wollen Tiny Rowland, der immerhin 20 Prozent der Lonrho-Aktien besitzt, von seinem Posten verbannen. »Er ist völlig unfähig«, befand Sir Basil. »zu gemeinschaftlichen Anstrengungen in einem Team«

Tatsächlich trifft Rowland seine Entscheidungen am liebsten allein. Ohne seine Vorstandskollegen zu informieren, lud er beispielsweise vor Jahren einen schwarzen Diplomaten in London, der ihm bei einem Geschäft helfen sollte, zum Afrika-Flug in den Mystère-Firmenjet. Nach der Landung feierte der Afrikaner auf einer Flußboot-Party und fiel später betrunken über Bord.

*Mit dem stellvertretenden Lonrho-Vorstandsvorsitzenden Sir Basil Smallpeice (dritter v. l.).

Zwei Krokodile zerrissen ihn. Rowlands Geschäft kam nicht zustande.

Zweifel an Rowlands Manager-Qualitäten regten sich erstmals schon vor etwa eineinhalb Jahren. Nach Jahren der ungebremsten Expansionslust, in denen Rowland, ohne seine Vorstandskollegen lange zu fragen, für Lonrho das größte Firmenimperium auf afrikanischem Boden hochgezogen hatte -- Lonrho-Leute fördern Gold in Ghana, züchten Vieh in Rhodesien, brauen Bier in Sambia und verkaufen Autos in nahezu allen Staaten Afrikas -- und er obendrein durch Kauf der deutschen Wankel-GmbH ins gewinnträchtige Lizenzgeschäft vorgedrungen war, geriet der Weltkonzern in eine Liquiditätsklemme (SPIEGEL 43/1971). Rowland hatte sich offenbar in allzu vielen Geschäften verzettelt und dabei die Finanzkraft des Unternehmens untergraben.

Lonrhos angesehene Finanzberater vom Bankhaus 5. G. Warburg zogen sich zurück, der Aktienkurs sank rapide. Durch die Ausgabe neuer Aktien im Wert von zehn Millionen Pfund konnte Rowland das Unternehmen zwar wieder flottmachen. Gleichzeitig aber mußte er der Aufnahme neuer Direktoren zustimmen, die helfen sollten, Lonrhos angeschlagenes Image wiederaufzupolieren. Unter den neuen Männern war Sir Basil Smallpeice (Ex-Chef der Fluggesellschaft BOAC und der Cunard-Reederei sowie früherer Berater des königlichen Haushalts) und Ex-Kolonialminister Duncan Sandys.

Der Lonrho-Konzern erholte sich schnell. Doch Rowland überging seine Kollegen bei wichtigen Entscheidungen wie stets zuvor. »Eine Menge persönliche Antipathie entwickelte sich«, meinte ein Insider. Das Murren steigerte sich zur Wut, als Tiny in neue risikoreiche Geschäfte im Sudan und im Mittleren Osten einsteigen wollte. Im März dieses Jahres schließlich taten sich acht der 16 Direktoren zusammen. Die Situation schien ihnen günstig. Lonrho-Direktor Angus Ogilvy -- Vetter der Königin und Gatte der Prinzessin Alexandra von Kent -- war auf Erholungsurlaub. So hatten sie mit Sicherheit im Vorstand die Mehrheit für eine Resolution, mit der sie Rowland für abgesetzt erklären wollten.

Rowland indes ahnte, was geschehen sollte. Es gelang ihm mehrere Male, schon anberaumte Sitzungen wieder zu verschieben. Das gab ihm Zeit, Beweise zu sammeln, daß sein Ausscheiden »verheerende« (Rowland) Folgen für Lonrho haben müsse. Tatsächlich drohte unter anderem Sambias Hochkommissar in London, Amock Phiri, Lonrho sei in seinem Land »nicht mehr willkommen«, falls Rowland geschaßt werde.

Mit der Unterstützung seiner afrikanischen Freunde im Rücken ging Rowland zum obersten Londoner Zivilgericht High Court of Justice und erwirkte einen Spruch, wonach nur eine Aktionärsversammlung über seine Entlassung entscheiden darf.

Die acht Frondeure indes gaben nicht auf. Sie übergaben dem Gericht eidesstattliche Erklärungen, in denen sie ihre Rechnung für Rowlands angebliche »Unverantwortlichkeit« aufmachten. So habe Rowland beispielsweise den Vorstand im unklaren gelassen über einen Beratervertrag, den er mit Duncan Sandys vor dessen Eintritt bei Lonrho geschlossen habe. Jahreshonorar: 51 000 Pfund (358 000 Mark). Ohne Wissen des Vorstands wollte Rowland angeblich später gegen Zahlung von 130 000 Pfund den Vertrag wieder lösen. Rowlands Kritiker nehmen dem Konzernchef besonders übel, daß er Sandys Beraterbezüge auf Konten im Steuerparadies der Cayman-Inseln in der Karibischen See überwies und so vor dem Zugriff britischer Finanzämter sicherte.

Beim Wankel-Kauf soll Rowland eine geheime Zusage über Zahlung von 36 Millionen Mark aus eigener Tasche gemacht haben, die über den offiziellen Kaufpreis von 64 Millionen Mark hinausgingen. In Wirklichkeit habe Rowland dann Gelder aus der Lonrho-Kasse überwiesen. Eine kostenlose Minderheitsbeteiligung an Wankel, die Rowland Außenstehenden für nicht näher bezeichnete Gegendienste angeboten habe, hätte die gesamte Wankel-Transaktion beinahe zum Scheitern gebracht.

In Sierra Leone soll Rowland vor drei Jahren der Regierung vorgeschlagen haben, zwei Briten-Firmen (Consolidated African Trust and William Baird) zu verstaatlichen und sie dann mit Lonrho weiterzuführen.

Ob derlei Vorwürfe stimmen, soll nun ein Untersuchungsausschuß der Regierung klären. Mit einem Ergebnis rechnen City-Experten erst nach Jahren. Die Entscheidung über Rowlands Lonrho-Karriere soll hingegen schon auf der Aktionärsversammlung am Donnerstag dieser Woche fallen.

Viele Lonrho-Aktionäre freilich schreckt die Aussicht, Sir Basil Smallpeice könne ohne Rowland zu großen Einfluß auf die Geschäftspolitik des Konzerns gewinnen.

Denn Sir Basils Karriere war nicht gerade von großen Management-Erfolgen gekennzeichnet. So mußte Smallpeice 1963 auf Druck der Regierung die Leitung der staatlichen Luftfahrtgesellschaft BOAC abgeben, die unter seiner Führung in die roten Zahlen geflogen war, Während der folgenden Jahre manövrierte Sir Basil dann Britanniens traditionsreiche Reederei Cunard in die Verlustzone.

Urteilte Londons »Economist": »Eine häßliche Seite des britischen Kapitalismus wurde auf jeden Fall offenbar: die Eifersucht der weniger erfolgreichen Männer gegenüber Mr. Tiny Rowland.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 80
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.