Börse am Abend Neuer Markt auf Allzeittief

Und es geht doch noch tiefer: Der Dax hat seine Verluste zum Abend ausgebaut, am Neuen Markt gehen die Lichter aus.


Frankfurt am Main - Der Dax baute seine Verluste bis 18.30 Uhr auf minus 2,4 Prozent bei 5858 Punkten aus. Das Schlachtfest am Neuen Markt ging ungebremst weiter: Mit minus 6,8 Prozent rauschte der Nemax 50 auf 1194 Zähler. Auch die sonst eher stabilen Nebenwerte wurden von der schlechten Börsenstimmung angesteckt. Der M-Dax gab 1,4 Prozent auf 4718 Punkte ab.

Ein ähnliches Bild präsentierten die Börsen in New York: Der Dow Jones verlor im Handelsverlauf zwei Prozent auf 10.267 Punkte. Die Nasdaq rauschte um 3,1 Prozent auf 2015 Zähler in die Tiefe.

Zu den Gewinnwarnungen kamen am Freitag auch noch schlechte Konjunkturdaten. Die Beschäftigungszahlen gingen im Juni gegenüber dem Vormonat um 114.000 zurück. Analysten hatte mit einer niedrigeren Zahl gerechnet. Dies signalisiere nach Analysteneinschätzung, dass die Erholung der US-Konjunktur möglicherweise doch noch nicht in Sicht sei.

Weiter angeheizt wurde die Krisenstimmung wieder einmal von Gewinnwarnungen. Diesmal haben die Technologieschwergewichte AMD und EMC vor enttäuschenden Erträgen gewarnt. In diesen unsicheren Börsenzeiten steuern Anleger wieder den etwas ungefährlicheren Hafen der Old Economy an und schichten in defensive Titel um.

Profitiert hat davon am Freitag RWE. Die Aktie führte mit einem Gewinn von 1,9 Prozent auf 47,97 Euro die Gewinnerliste im Dax an. Ein Händler verwies auf eine Hochstufung der RWE-Aktie durch die US-Investmentbank Merrill Lynch. Die Experten hatten den Versorger-Titel langfristig mit "Kaufen" eingestuft. Das habe die Aktie beflügelt.

Unter den Technologiewerten hielten sich die Aktien von Infineon noch am besten. Der angeschlagene Chiphersteller schließt eine Absage der geplanten Kapitalerhöhung grundsätzlich nicht mehr aus. "Wir werden die Aktien natürlich nicht zu jedem Preis platzieren", sagte ein Infineon-Sprecher. Nach den ersten drei Tagen der Road Show bei Investoren habe man aber ein "sehr positives Feedback". Gerüchte über eine Absage der Kapitalerhöhung hatten dem Infineon-Aktienkurs am Freitagvormittag kurzzeitig Auftrieb verliehen. Zuletzt standen die Aktien bei 26,47 Euro, ein Minus von 1,2 Prozent.

Schwere Verluste verbuchte erneut die T-Aktie, die zuletzt rund 3,2 Prozent auf 26,20 Euro verlor. Die "FAZ" berichtet, die Staatsanwaltschaft Bonn weite ihre Ermittlungen gegen die Deutsche Telekom aus. Die Staatsanwälte gehen nun dem Verdacht nach, dass das technische Anlagevermögen in der Eröffnungsbilanz der Deutschen Telekom zum 1. Januar 1995 überbewertet gewesen sei. Das Blatt beruft sich dabei auf das Vorstandsmitglied Max Hirschberger. Zudem prüft die Frankfurter Börse nach Angaben eines Sprechers die Rechtmäßigkeit der Börsenzulassung von rund 1,1 Milliarden Aktien des Konzerns. Gegen die Zulassung hatte ein Rechtsanwalt Widerspruch eingelegt, der gegen die Telekom wegen möglicher Falschbilanzierung des Immobilienbestandes klagt.

Neuer Markt im Rausch der Tiefe

Dem Neuen Markt traut kaum noch ein Marktbeobachter eine Erholung zu. "Es bleibt dabei. Es geht unter 1000 Punkte," sagte ein Händler. "Die Privatanleger machen gar nichts mehr. Die lecken ihre Wunden. Die Institutionellen geben ab, was bisher gut gelaufen ist", fügte er hinzu. Höhere Kurse würden nur noch zum Ausstieg benutzt werden, um die Verluste zu minimieren.

Ein einziger Hoffnungsschimmer leuchtete im ehemaligen Wachstumssegment: Trotz der Gewinnwarnung des Konkurrenten Steag HamaTech legten die Aktien des Herstellers von DVD-Produktionsanlagen Singulus um 2,6 Prozent auf 23,60 Euro zu. Doch das war für so manchen Marktteilnehmer kein Trost. "Hier waren Schnäppchenjäger am Werk", sagte ein Händler.

Mit einem Plus von 30,4 Prozent auf 9,52 Euro führten die Aktien des Biotechnologieunternehmens Curasan im marktbreiteren Nemax All Share die Gewinnerliste an. Hier wirke sich nach wie vor die Zertifizierung des Knochenaufbaumaterials "Cerasorb" positiv aus, erklärte ein Händler. Die Aktie hatte bereits am Vortag rund 49 Prozent zugelegt, obwohl Börsianer von "Übertreibungen" sprachen.

"Ansonsten gibt es derzeit nichts, aber auch gar nichts Ermutigendes", sagte ein Makler. Die Talfahrt werde erst einmal anhalten. "Verluste nähren im Augenblick die Verluste", so die Einschätzung eines Marktbeobachters.

Euro profitiert von schlechten US-Konjunkturdaten

Der Euro hat seine Kursgewinne nach der Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten für Juni zeitweise bis über 0,8470 Dollar ausgebaut. Im Verlauf des Handels bröckelte der Kurs jedoch wieder etwas ab. Ein überraschend starker Rückgang der US-Beschäftigung und Spekulationen über mögliche Euro-Stützungskäufe hatten nach Händlerangaben eine Erholung der Gemeinschaftswährung von ihrem tiefsten Stand seit Oktober 2000 eingeleitet.

Gegen 18.20 Uhr notierte die Gemeinschaftswährung mit 0,846 Dollar, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzkurs am Mittag in Frankfurt mit 0,8384 Dollar ermittelt hatte. Optimistischere Einschätzungen der US-Konjunktur hatten den Euro in der Nacht zum Freitag mit 0,8349 Dollar auf den tiefsten Wert seit seinen Rekordtiefstständen vom Oktober vergangenen Jahres 2000 gedrückt.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.