Börse am Mittag Frankfurt fährt Achterbahn

Die deutschen Aktien rauschen in den Keller; Technologietitel haben erneut gedreht und stehen im Minus. Am Neuen Markt geht es gegen Mittag mit mehr als vier Prozent bergab.


Frankfurt am Main – Die deutschen Aktienmärkte legen eine Berg- und Talfahrt hin. Gegen 11 Uhr schien die Welt noch in Ordnung, hatten die Indizes nach schwachem Auftakt leicht ins Plus gedreht. Gegen Mittag stand der Dax wieder mit 1,4 Prozent im roten Bereich. Die Wachstumswerte im Nemax 50 rauschten mit 4,3 Prozent in den Keller. Damit näherte sich der Index bedrohlich nahe der Marke von 2000 Zählern.

Auf eine freundliche Eröffnung der US-Börsen konnten die Händler in Deutschland zu diesem Zeitpunkt nicht zählen. Der Nasdaq Future stand mit 1,7 Prozent im Minus.

Börsianer erklärten die Talfahrt im Dax mit gestiegenen Verbrauerpreisen in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Damit sei eine Zinssenkung in der Eurozone unwahrscheinlicher geworden. Vor allem auf Zykliker und Bankwerte werde "eingeprügelt", sagte Robert Halver, Händler bei Delbrück Asset Management. Hier mache das Schlagwort von der "Stagflation" die Runde: "Man fragt sich, ob es nicht zu geringe Zinssenkungen gegeben hat."

Im Dax gab die T-Aktie zwar wieder deutlich ab, gehörte aber mit Aufschlägen von zuletzt 0,9 Prozent auf 25,4 Euro noch zu den wenigen Gewinnern bei den Standardwerten. Zuvor hatte das Papier noch mit mehr als zwei Prozent im grünen Bereich gestanden.

Unterdessen wies die Telekom den Verdacht fehlerhafter Aussagen in ihren Börsenprospekten entschieden zurück. Die Angaben seien sachgerecht und spiegelten die zum jeweiligen Zeitpunkt relevante Unternehmenslage wider, sagte ein Konzernsprecher. Die Aktionäre hätten anhand der Prospekte zum Börsengang 1999 und zu den beiden Kapitalerhöhungen der Jahre 1999 und 2000 eine umfassende Übersicht über das Unternehmen gewinnen können. Der Sprecher reagierte damit auf die Mitteilung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), wegen der Immobilien-Wertberichtigung die Möglichkeit einer Prospekthaftungsklage gegen die Telekom zu prüfen.

Die Dax-Spitze hatten die Papiere von Henkel mit Aufschlägen von 3,3 Prozent bei 72 Euro inne. Das Konsum- und Chemieunternehmen hatte bereits vor Handelsbeginn seine Jahresbilanz vorgelegt und dabei leicht über den Erwartungen der Analystenschätzungen gelegen. Der Jahresüberschuss 2000 wuchs um 25 Prozent auf 505 Millionen Euro, den Umsatz steigerten die Düsseldorfer um 12,5 Prozent auf 12,8 Milliarden Euro.

Technologiewerte gaben wieder nach. SAP um mit 1,9 Prozent ins Minus. Siemens standen mit 1,3 Prozent im roten Bereich, nachdem der Titel zuvor noch ein Plus von rund einem Prozent verzeichnet hatte. Epcos verschlechterte sich auf minus 0,6 Prozent. Und auch die Papiere des Halbleiterherstellers Infineon wechselten ein weiteres Mal die Richtung. Die Aktie stand zuletzt mit 1,7 Prozent bei knapp 38 Euro im Minus.

Unter Verkaufsdruck stand das Schwergewicht DaimlerChrysler mit Kursrückgängen von 3,5 Prozent auf 55,20 Euro. Der Konkurrent BMW gab um 1,6 Prozent nach. Die Aktien von Volkswagen standen mit einem Prozent bei 59 Euro im roten Bereich.

Wie am Vortag notierten Bankenwerte schwach. Die Dresdner Bank verzeichnete ein Minus von 1,5 Prozent. Die Papiere der Deutschen Bank drehten mit 0,5 Prozent ins Minus. Die Titel der HypoVereinesbank, die gestern mit einem Plus von 1,6 aus dem Handel gegangen waren, verloren zuletzt 1,3 Prozent auf 66 Euro.

Die Papiere der Dresdner Bank litten zudem unter Gerüchten um mögliche Verluste aus dem Börsengang des Mobilfunkunternehmens Orange. Hier habe die Bank den Kurs teuer gestützt, verlauteten Spekulationen auf dem Parkett.

Größter Verlierer am Neuen Markt waren fortgesetzt die Papiere des Pleitekandidaten Gigabell. Der Titel verlor mehr als die Hälfte seines Wertes und notierte zuletzt noch mit 0,46 Euro.

Die Aktie der Gigabell ist automatisch am Geregelten Markt der Frankfurter Börse zugelassen, nachdem sie vom Kurszettel der Neuer-Markt-Titel gestrichen wurde. Das erklärte Frank Hartmann, Pressesprecher der Deutschen Börse. Damit seien die Anteilsscheine aber nicht automatisch in diesem Marktsegment notiert, können also nicht ab kommender Woche weiter gehandelt werden. Um wieder gelistet zu werden, müsste Gigabell gemeinsam mit einem zugelassenen Kreditinstitut einen Antrag stellen, erläuterte der Sprecher weiter.

Die Aktie hatte die Zulassung zum Wachstumsmarkt eingebüßt, weil Gigabell trotz "mehrfacher Mahnung" keinen Quartalsbericht für das dritte Jahresviertel zum 31. Dezember 2000 erstellt habe, begründete die Deutsche Börse ihre Entscheidung. Anfang Februar war eine erneute Übernahme des angeschlagenen Unternehmens gescheitert: Diesmal hatte Microboss einen Rettungsversuch unternommen.

Düster sah es auch bei Brainpower aus. Die Aktie stürzte um mehr als 25 Prozent auf 3,95 Euro. Das Unternehmen hat im Geschäftsjahr 2000 einen Nettoverlust von 3,8 Millionen Euro erwirtschaftet. Im Vorjahr habe der Fehlbetrag lediglich 1,9 Millionen Euro betragen, teilte der niederländische Anbieter von Finanzsoftware mit. Der Umsatz wurde von 1,6 Millionen Euro auf 3,6 Millionen Euro gesteigert.

Die 4MBO International Electronic hat nach eigenen Angaben im Geschäftsjahr 2000 die eigenen Ergebnisprognosen übertroffen: Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) liege bei 12,8 Millionen Mark - der Konzernumsatz wurde um 94 Prozent auf 382,3 Millionen Mark gesteigert. Die Börse honorierte die Zahlen zuletzt noch mit einem Kursaufschlag von 3,7 Prozent auf 22,30 Euro.

Nach der Kursrallye am Vortag mit Kursaufschlägen von mehr als 20 Prozent leiden die Titel von Brokat unter Gewinnmitnahmen. Bei hohen Umsätzen büßte das Nemax-50-Papier 9,2 Prozent auf 15,70 Euro ein. Das Unternehmen hatte am Mittwoch seine Zahlen für das Geschäftsjahr 2000 präsentiert, in dem ein Verlust von 125,9 Millionen Euro ausgewiesen war.



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