Börse am Mittag Hightechwerte im Sturmtief

Positive Impulse sind aus den USA nicht zu erwarten. Der Nasdaq Future steht satt im Minus. Bei Verlusten von fast neun Prozent ist das für die Wachstumswerte ein heute rabenschwarzer Tag.


Frankfurt am Main - Das war ein dickes Ei, dass der weltgrößte Netzwerkkonzern Cisco Systems mit seiner Gewinnwarnung den internationalen Aktienmärkten ins Osternest gelegt hatte. Und wenn ein Konzern dieser Bedeutung zudem einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent ankündigt und 8500 Jobs streicht, dann wirkt das wie ein Schlag ins Gesicht von Investoren, die im Technologiebereich engagiert sind.

Zudem steht zu befürchten, dass am Dienstag nach US-Börsenschluss Intel und Texas Instruments ebenfalls die Anleger mit Quartalszahlen enttäuschen werden. Die Reaktion liegt auf der Hand: Raus aus den Technolgietiteln.

So baute der Dax vor allem wegen hoher Verluste bei Tech-Werten sein Minus auf 2,8 Prozent bei 5829 Zähler aus. Die 6000-Punkte-Marke als Basis für einen neuen Aufwärtstrend rückt damit zunächst in weite Ferne. Positive Impulse sind von den US-Börsen nicht zu erwarten. Der Nasdaq Future lag mit 2,6 Prozent im roten Bereich. Die Wachstumswerte im Nemax-50 bauten ihre Verluste auf 8,8 Prozent bei 1422 Punkten aus.

"Wir sehen eine Reaktion auf Amerika", erklärte ein Händler von der Bayerischen Landesbank die frühen Kursverluste. Zudem hätten die Quartalszahlen von Royal Philips Electronics NV enttäuscht, was die Halbleitertitel zusätzlich belaste.

Konservative Werte wie Schering (plus 2,02 Prozent) und Henkel (plus 1,07 Prozent) führten fortgesetzt die Gewinnerliste im Dax an. ThyssenKrupp gaben zwar leicht nach, standen aber noch mit 0,4 Prozent im grünen Bereich. Für die Kurszuwächse bei ThyssenKrupp spricht eine Meldung des "Handelsblatt". Dem Transrapid winkt nach dem Bericht nach der Flughafen-Verbindung in Schanghai jetzt die zweite kommerzielle Strecke in China. Zu dem Transrapid-Konsortium gehört auch der Stahlkonzern ThyssenKrupp.

Nach Presseberichten befindet sich der Energieversorger E.ON weiter auf Einkaufstour. Demnach sollen die Verhandlungen mit dem österreichischen Stromkonzern Verbund auf Hochtouren laufen. Das Wiener Unternehmen ist derzeit der drittgrößte Anbieter von Energie aus Wasserkraft in Europa. Die E.ON-Aktie kletterte um 1,5 Prozent auf rund 56,6 Euro und belegte damit Platz zwei im Dax.

Technologietitel hingegen bauten ihre Verluste aus. Die T-Aktie gab um knapp fünf Prozent auf 27,21 Euro nach. Der Bauelementehersteller Epcos notierte 3,3 Prozent schwächer. Siemens verloren rund sechs Prozent. Bei SAP waren es 6,5 und beim Halbleiterhersteller Infineon ebenfalls 5,5 Prozent, um die die Aktien in den Keller rutschten.

Unter den Wachstumswerten im Nemax-50 stand lediglich BB Biotech mit 0,2 Prozent im Plus. Ansonsten standen die Zeichen auf rot. Am gesamten Neuen Markt standen 227 Titel im Minus und 112 Aktien im Plus. Allerdings verzeichnete nicht eine Branche unter dem Strich ein Plus. Am schlechtesten notierten die Telekomwerte, die im Branchenschnitt mit mehr als zehn Prozent im roten Bereich versanken. Internet-Titel verloren im Schnitt fast neun Prozent.

Die Aktien von Comroadkonnten sich zwar ein wenig erholen, standen aber noch mit 25 Prozent auf 11,75 Euro im Minus und damit auf dem letzten Platz des Index.

Die "Platow Börse" hatte unter Verweis auf informierte Kreise berichtet, dass die Umsätze des Telematiksystembauers nicht auf seriösen Geschäftsbeziehungen beruhen sollen, sagte Marius Hoerner, Analyst bei Lang & Schwarz. Wenn das stimme, sei die Aktie "wahrscheinlich keine 9 Euro mehr Wert", fügte er hinzu. Das Unternehmen habe die Meldung natürlich dementiert, und falls sich die Gerüchte tatsächlich als unwahr herausstellen sollten, sei das Papier auch "deutlich mehr wert" als das derzeitige Kursniveau.

Bereits am Donnerstag vor Ostern hatte das Papier deutlich nachgegeben, als das Gerücht die Runde machte, dass BMW und Motorola dem Kerngeschäft des Unterschleißheimer Unternehmens Konkurrenz machen und auf der New Yorker Auto Show 2001 ein integriertes Telematik-System vorstellen wollen.

Der Softwareanbieter Intershop will seinen Geschäftsschwerpunkt aus den USA nach Europa zurück verlagern. Der Hauptsitz wurde wieder nach Jena gelegt, berichtet die "Financial Times Deutschland" (Dienstagausgabe). Von 260 Mitarbeitern in den USA erhielten 130 die Kündigung. Die Aktie des Jenaer Unternehmens fiel um 11 Prozent auf 3,23 Euro.

Der Softwareanbieter Ixos wird nach Angaben seines Finanzvorstandes Peter Rau im laufenden Geschäftsjahr wieder schwarze Zahlen schreiben. Die Börse honorierte die Nachricht mit einem Abschlag von 12,5 Prozent auf 6,65 Euro. Bei dem derart angespannten Marktumfeld finden guten Nachrichten bei den Anlegern kein Gehör.

Im marktbreiteren Nemax-All-Share verzeichnen die Aktien von Sunburst Merchandising Kursabschläge von knapp 23 Prozent auf 1,31 Euro. Offenbar steckt das Unternehmen in argen finanziellen Nöten. Nach eigenen Angaben verhandelt Sunburst mit Banken, um die Liquidität sicherzustellen. Sollten die Verhandlungen scheitern, muss Sunburst vermutlich Insolvenzantrag stellen. Solche Meldungen kommen bei den Anlegern nicht an. Sie trennen sich von dem Papier.

Auch mb Software gaben zuletzt noch rund 7 Prozent auf 2,55 Euro ab - obwohl das Unternehmen am Donnerstag nach Börsenschluss mitgeteilt hatte, dass das Softwarehaus im Geschäftsjahr 2000/2001 sein Umsatzziel um neun Prozent übertroffen hat. Dagegen werde das Ergebnis nach Steuern mit einem Verlust von etwa sieben Millionen Euro negativ ausfallen.

Einen schwarzen Tag erlebten vor allem die Anteilsscheine von der OAR Consulting AG, die mit einem Minus von rund 20 Prozent in den Handel gestartet waren. Zuletzt betrugen die Kursabschläge noch 17 Prozent auf 1,15 Euro. Das Unternehmen hatte am Gründonnerstag nach Börsenschluss eine geringere Gesamtleistung und einen höheren operativen Verlust ausgewiesen als bisher mitgeteilt.

Nasdaq schloss mit dickem Minus

Die US-Technologiebörse Nasdaq schloss am Montag mit 2,6 Prozent im roten Bereich auf 1909 Zählern. Die Blue Chips im Dow Jones konnten hingegen ein kleines Plus von 0,3 Prozent auf 10.158 Zähler über den Handelsschluss retten.

Negative Analystenkommentare der Investmenthäuser Morgan Stanley und Lehman Brothers zu Chipwerten, die eine verstärkte Abwärtsbewegung im Halbleiterbereich gleich für das laufende Jahr prognostizieren, drückten stark auf die Kurse. Überdies korrigierten die Analysten ihre Gewinnschätzungen für eine ganze Reihe von Unternehmen nach unten. Dazu zählt zum Beispiel auch Intel.

Der Chip-Riese wird am Dienstag nach Börsenschluss seine Quartalszahlen vorlegen. Intel hatte am bereits 8. März gewarnt, dass der Umsatz im ersten Quartal um 25 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2000 fallen werde, in dem 8,7 Milliarden Dollar erzielt worden waren. Für die Bruttomarge wurde ein Rückgang auf 51 Prozent erwartet und außerdem ein Personalabbau von 5000 Stellen angekündigt.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.