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14. Januar 2002, 13:21 Uhr

Börse am Mittag

Im Bann von Greenspan

Skeptische Prognosen von US-Notenbankchef Alan Greenspan drücken die Aktienmärkte tief ins Minus. Technologiewerte gehören wieder zu den größten Verlierern.

Frankfurt am Main - Der Dax hat seine Verluste bis zum Mittag kontinuierlich ausgebaut und gab bis 13 Uhr rund 1,7 Prozent auf 5121 Punkte nach. Am Neuen Markt notierte der Nemax 50 auf 1207 Zählern, ein Minus von 3,6 Prozent.

"Das waren keine Äußerungen zur Konjunktur, die die Börse hören wollte", sagte ein Aktienhändler zur Rede von Fed-Chef Alan Greenspan. "Der Markt hat in den vergangenen Monaten auf eine Konjunkturerholung spekuliert und viel vorweggenommen. Wenn sich die Konjunkturindikatoren nicht bald nachhaltig bessern, wird sich das noch stärker rächen", sagte ein Börsianer. Greenspan äußerte sich am Freitagabend skeptisch zu den Konjunkturaussichten der USA. Zwar gebe es einige Anzeichen für ein Ende der Rezession, es blieben jedoch "erhebliche Risiken" für die US-amerikanische Wirtschaft. Zunächst werde noch mit einem Anstieg der Arbeitslosenrate gerechnet. Es sei noch zu früh, um von einer Erholung zu sprechen, sagte Greenspan.

Zudem präsentierte sich die Börse im Vorfeld wichtiger Unternehmenszahlen nervös. Vor allem die Äußerungen und Erwartungen der Firmenvorstände für das laufende, erste Quartal 2002 dürften nach Einschätzung von Experten im Mittelpunkt des Anleger-Interesses stehen. Nach den kräftigen Kursgewinnen in den vergangnen Wochen seit Mitte September müssten nun erste handfeste Beweise für die erwartete Erholung der US-Wirtschaft und damit der Unternehmensgewinne vorgelegt werden, heißt es von Händlerseite.

Nur drei Dax-Titel im Plus

Die Dax-Gewinnerliste am Mittag war kurz: Lediglich die Titel von MAN (plus 1,4 Prozent auf 26,67 Euro) und RWE (plus 1,3 Prozent auf 43,10 Euro) legten leicht zu. Linde blieb auf Vortagsniveau.

Größter Verlierer war die Deutsche Telekom . Mit einem Abschlag von 3,5 Prozent notierte die T-Aktie auf 17,59 Euro. Nach Informationen des "Handelsblattes" wird die Telekom auch für das Jahr 2001 eine Dividende zahlen. Zuletzt hat es Spekulationen gegeben, wonach der Bonner Konzern die Zahlung streichen könnte, um so den Schuldenberg schneller abbauen zu können.

Die Aktie von Epcos verlor 1,6 Prozent auf 48,75 Euro. "Das liegt mit Sicherheit an dem Dividendenbeschluss", begründete ein Händler den Abschlag. Die Siemens-Tochter hatte angekündigt, keine Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr auszuzahlen. "Wir haben immer gesagt, dass wir Dividenden nur in Ausnahmejahren zahlen", sagte ein Sprecher. Ansonsten setze Epcos das Geld ein, um sein weiteres Wachstum zu finanzieren, hieß es. Im Vorjahr hatte das Unternehmen Rekorde erreicht und noch eine Dividende von einem Euro je Aktie gezahlt.

Technologiewerte gaben überwiegend nach: Die Titel von Siemens verloren um 3,1 Prozent auf 73,64 Euro und Infineon-Papiere bröckelten um 1,2 Prozent auf 25,28 Euro ab. Auch SAP reihten sich mit einem Verlust von rund einem Prozent in die Reihe der Verlierer ein. "Die Technologietitel haben besonders stark eine Konjunkturerholung antizipiert. Jetzt muss sich die Lage auch bald bessern", sagte ein Börsianer.

Die Titel des der Pharma- und Chemieriesen Bayer gaben 1,6 Prozent auf 36,60 Euro nach. Unternehmenschef Manfred Schneider, rechnet damit, dass sich der angeschlagene Konzern im laufenden Jahr wieder erholt. "2002 wird schon einiges besser werden", sagte Schneider dem "Tagesspiegel". Unter der Voraussetzung einer "echten wirtschaftlichen Belebung" würden die Gewinne des Unternehmens 2003 "wieder deutlich steigen" - "und dann sicher auch der Börsenkurs". Schneider äußerte sich zudem zuversichtlich, dass Bayer noch vor dem US-Börsengang am 24. Januar eine Kooperation im Pharmabereich bekannt geben werde. Wunschpartner sei ein US-Unternehmen.

Die Aktie des weltgrößten Rückversicherungskonzerns Münchener Rück hat 2,7 Prozent auf 284,23 Euro verloren. Die Analysten der Deutschen Bank und der Investmentbank Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) hatten zu Börsenbeginn ihre Empfehlung für das Papier zurückgestuft. Die Deutsche Bank stufte die Aktie von "Kaufen" auf "Marketperformer" herunter. Auch SSSB bewertet die Münchener Rück nicht mehr als "Kauf" sondern nur mehr als "Outperform". "Die Kursentwicklung hängt augenscheinlich mit der Herabstufung zusammen", sagte ein Aktienhändler. Darüber hinaus sei die Stimmung an den Börsen "nicht berauschend".

Neuer Markt: Kaum Gewinner im Nemax 50

Der Neue Markt präsentierte sich zum Wochenanfang sehr schwach. Händler hatten bereits vor Börseneröffnung mit nachgebenden Kursen gerechnet, nachdem die Nasdaq am Freitag im Minus geschlossen hatte. Am Vormittag notierten lediglich fünf Titel im Auswahlindex Nemax 50 im Plus.

Größter Gewinner war die Aktie von Pandatel (plus 4,2 Prozent auf 11,99 Euro). Dahinter folgten die Titel von EM.TV mit einem Aufschlag von 1,6 Prozent auf 1,90 Euro. Das Unternehmen will im Laufe des Tages bekannt geben, wer den Einstieg von Werner Klatten beim Münchner Medienkonzern finanziert hat. Laut "Financial Times Deutschland" soll das Kapital für die 25-prozentige Beteiligung von einer kontinentaleuropäischen Venture-Capital-Gruppe stammen.

IDS-Scheer-Aktien bauten ihre Gewinne vom Freitag weiter aus und stiegen um 1,1 Prozent auf 9,02 Euro. Das Unternehmen hatte bei Vorlage der vorläufigen Geschäftszahlen am Donnerstagabend ein kräftiges Umsatzplus gemeldet.

Sinkende Kurse gab es hingegen bei Freenet und Mobilcom . Laut einem Pressebericht will der Internetanbieter die Festnetzsparte der Konzernmutter übernehmen. Dadurch entstünde der drittgrößte Anbieter von Telefon- und Datendiensten im deutschen Festnetz. Freenet-Titel lagen mit 1,2 Prozent im Minus bei 12,50 Euro. Mobilcom-Papiere verbilligten sich um 3,1 Prozent auf 24,60 Euro.

Tief in die Verlustzone rutschten Balda . Der Handy-Komponentenhersteller hat nicht nur für das abgelaufene Geschäftsjahr 2001 einen um 2,7 Prozent niedrigeren Umsatz ausgewiesen, sondern auch gleich die Umsatzerwartungen für 2002 nach unten geschraubt. Die Anteilsscheine verbilligten sich um 13,9 Prozent auf 7,30 Euro.

Ein Minus von 5,5 Prozent auf 7,18 Euro verzeichneten Steag HamaTech. Nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" plant die Muttergesellschaft Steag mittelfristig den Verkauf des Herstellers von Produktionsanlagen für optische Speichermedien. Auftragsrückgänge und Preiseinbrüche seien immer weniger zu verkraften, hieß es.

Kurs des Euro hält sich über Referenzwert

Der Kurs des Euro hat zum am Montagmorgen gegen 11.30 Uhr bei 0,8927 Dollar notiert. Die EZB hatte den Referenzkurs am Freitag auf 0,8919 (Donnerstag: 0,8909) Dollar festgesetzt. Der Devisenmarkt wird in dieser Woche von Konjunkturdaten aus den USA dominiert. Im Mittelpunkt steht dabei am Mittwoch das "Beige Book" der Notenbank Fed, das einen Überblick über die konjunkturelle Entwicklung in den einzelnen US-Regionen gibt. Nach Einschätzung von Devisenanalysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt dürfte das "Beige Book" die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Rezession in den USA nähren.

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