Börse am Mittag Neuer Markt ohne Lichtblick

Aus den USA sind offenbar keine positiven Impulse zu erwarten. Der Nemax 50 bleibt weiter im tiefroten Bereich. Im Dax sind defensive Werte gefragt. Neben den Technologiewerten sind auch mehrere Autowerte stark unter Druck.


Hamburg - Mit schwachen vorbörslichen Kursen in den USA rutschten die deutschen Aktienmärkte gegen zwölf Uhr wieder auf die Tiefstände vom Morgen.

Der Dax notierte zuletzt 1,3 Prozent schwächer auf 5918 Zähler. Die Wachstumswerte im Nemax 50 hatten am Morgen die charttechnische Widerstandslinie von 1250 Punkten durchbrochen und waren auf ein neues Jahrestief von 1212 Zähler abgestürzt. Zuletzt betrugen die Verluste wieder 5,4 Prozent auf 1212 Zähler.

Analysten von Staud Research halten ein Abrutschen des Nemax auf ein dreistelliges Niveau nicht mehr für ausgeschlossen. Bereits am Donnerstag hatte der Nemax-50 mehr als fünf Prozent verloren.

Gerüchte um Infineon

Im Dax gehörten Technologiewerte weiter zu den größten Verlierern. Siemens, SAP und Epcos verzeichneten Abschläge zwischen 2,20 und 4,28 Prozent. Die Aktie von Infineon rutschten nach einem Zwischenspurt wieder auf ihr Vortagesniveau von 26,82 Euro ab. Am Markt kursierten Gerüchte, dass die angekündigte Kapitalerhöhung des Halbleiterherstellers abgeblasen würde. Das Unternehmen kommentierte die Gerüchte nicht.

Abgeben musste auch die T-Aktie, die zuletzt 1,85 Prozent auf 26,57 Euro verlor. Die "FAZ" berichtet, die Staatsanwaltschaft Bonn weite ihre Ermittlungen gegen die Deutsche Telekom aus. Die Staatsanwälte gehen nun dem Verdacht nach, dass das technische Anlagevermögen in der Eröffnungsbilanz der Deutschen Telekom zum 1. Januar 1995 überbewertet gewesen sei. Das Blatt beruft sich dabei auf das Vorstandsmitglied Max Hirschberger.

Zudem prüft die Frankfurter Börse nach Angaben eines Sprechers die Rechtmäßigkeit der Börsenzulassung von rund 1,1 Milliarden Aktien des Konzerns. Gegen die Zulassung hatte ein Rechtsanwalt Widerspruch eingelegt, der gegen die Telekom wegen möglicher Falschbilanzierung des Immobilienbestandes klagt.

Schwach standen auch die Aktien der Deutsche Bank, die 1,22 Prozent auf 82,72 Euro nachgaben. Die Deutsche Bank reduziert für das laufende Geschäftsjahr den Etat für ihre Internet-Produkte. Statt der geplanten Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro sollen 2001 nur 200 Millionen Euro investiert werden. Das berichtet die "Financial Times Deutschland".

Investoren räumen ihre Depots

"Die Gewinnwarnungen von EMC und AMD haben den Technologiewerten den Rest gegeben", sagte ein Frankfurter Börsenhändler. SAP würden von dem negativen Sentiment für die High-Techs nach unten gezogen, sagte der Experte. Derzeit würde unter den einzelnen Werten nicht differenziert und alles, was nach Technologie aussähe, aus den Depots geworfen.

Wie bereits am Vortag gehörten defensive Titel zu den wenigen Gewinnern im Dax. Die Aktien des Versorgers RWE legten 1,89 Prozent auf 47,99 Euro zu, während Preussag um 0,46 auf 36,87 Euro stiegen. Die Aktien der Deutsche Post verteuerten sich um rund ein Prozent auf 19,46 Euro. Die Aktien von MAN führten gegen 12 Uhr den Dax mit Aufschlägen von rund zwei Prozent auf 26,34 Euro.

Zu den Gewinnern zählte ebenso die Aktien von BMW, die sich um 0,75 Prozent auf 40,52 Euro verteuerten. Konkurrent DaimlerChrysler fielen dagegen um 1,57 Prozent auf rund 54 Euro ab. Volkswagen präsentierten sich zwei Prozent schwächer auf 54,65 Euro.

Steag Hamtech: Keine Gewinne in diesem Jahr

Im Nemax-50 stand lediglich ein Wert im Plus: Aixtron legten um 3,50 Prozent auf 23,75 Euro zu. Die Papiere waren in den vergangenen Tagen unter extremen Verkaufsdruck geraten und hatten dabei ein neues Jahrestief markiert.

Die Aktien der im Nemax-50 notierten Steag Hamatech verringerten ihre Verluste auf elf Prozent bei neun Euro. Das Unternehmen hatte vor Handelsbeginn gewarnt, dass es in diesem Jahr nicht mehr mit einem Gewinn rechnet. Der nach eigenen Angaben weltweit führende Systemintegrator für Anlagen zur Produktion optischer Speichermedien (CD und DVD) begründet dies mit dem "branchenweit anhaltenden Rückgang des Marktvolumens gegenüber dem Vorjahr und dem damit verbundenen starken Preisverfall". Verlässliche Prognosen auf Jahressicht über Quantität und Qualität der Auftragseingänge oder Ergebnis und Umsatz seien nicht mehr möglich, heißt es.

Mit einem Plus von rund 40 Prozent auf 10,30 Euro setzte das Biotechnologieunternehmen Curasan im marktbreiteren Nemax All Share seinen Höhenflug vom Donnerstag fort. Hier wirke sich nach wie vor die Zertifizierung des Knochenaufbaumaterials "Cerasorb" positiv aus, erklärte ein Händler. Die Aktie hatte bereits am Vortag rund 49 Prozent zugelegt.

"Ansonsten gibt es derzeit nichts, aber auch gar nichts Ermutigendes", sagte ein Makler. Die Talfahrt werde erst einmal anhalten. "Verluste nähren im Augenblick die Verluste", so die Einschätzung eines Marktbeobachters.

Die Aktien des niederländischen Powershopper Letsbuyit befanden sich weiter auf Talfahrt und verloren zuletzt noch rund sechs Prozent auf 0,16 Euro. Das Unternehmen wird nach Einschätzung von Händlern in den nächsten ein bis zwei Tagen Konkurs anmelden. Ein großer Investor sei nun doch nicht bereit, Mittel in Millionenhöhe zur Verfügung zu stellen.

Die Aktien der Internetagentur Kabel New Media gaben rund 21 Prozent auf 0,52 Euro. Das Unternehmen hat in dieser Woche Insolvenzantrag gestellt. Bei Sunburst ist das Insolvenzverfahren bereits eröffnet worden. Die Aktien waren mit Abschlägen von 27 Prozent auf 0,16 Euro größter Verlierer am gesamten Neuen Markt.

Hiobsbotschaften aus Amerika

Am Donnerstag hatten Gewinnwarnungen aus den Niederlanden und Großbritannien die Börsen auf neue Tiefststände gedrückt. Nach Börsenschluss in den USA warnten gestern mit AMD, EMC und BMC Software gleich drei US-Technologie-Schwergewichte vor niedrigeren Gewinnen. die Prognosen der Analysten drastisch. In Tokio reagierte die asiatische Leitbörse mit einem Kurssturz. Der Nikkei durchschnitt die technisch wichtige Marke von 12.600 Punkten als hätte es sie nie gegeben. Der Index gab 2,40 Prozent oder rund 300 Punkte auf 12.330 Zähler nach.

Ausmaß der Warnungen überrascht

Bestürzend ist weniger die Tatsache, dass der Chiphersteller und Intel-Konkurrent AMD eine Gewinnwarnung herausgegeben hat. Vielmehr überrascht das Ausmaß: Für das zweite Quartal rechnet der Konzern nunmehr mit einem Gewinn je Aktie von drei bis fünf Cents. Analysten der Wall Street hatten im Schnitt mit 27 Cents gerechnet. Im zweiten Quartal 2000 hatte AMD noch einen Gewinn je Aktie von 61 Cents erwirtschaftet. Der Umsatz werde im Vergleich zum Auftaktquartal dieses Jahre um rund 17 Prozent niedriger ausfallen.

Auch der weltgrößte Hersteller von Datenspeichern, EMC Corp, rechnet nach eigenen Angaben damit, im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres Gewinn- und Umsatzschätzungen der Analysten deutlich zu verfehlen. Statt der erwarteten 17 Cents Gewinn je Aktie sollen es nach Angaben des Konzerns im zweiten Quartal nur noch vier bis sechs Cents sein. Bei BMC Software sollen es lediglich sechs bis acht Cents je Aktie sein, anstatt der von Analysten erwarteten 13 Cents.



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