Börse am Morgen Neuer Markt stürzt ins Bodenlose

Der Neue-Markt-Index Nemax 50 stürzt auf ein neues Jahrestief. Auch im Dax gehen Technologiewerte auf Tauchfahrt.


Hamburg – Nach den drastischen Gewinnwarnungen aus den USA rauschen die deutschen Aktienmärkte erwartungsgemäß in den Keller. Der Dax verliert 1,3 Prozent auf 5918 Zähler. Die Wachstumswerte im Nemax-50 durchbrachen die charttechnische Widerstandslinie von 1250 Punkten und stürzen mit Verlusten von zuletzt 5,5 Prozent auf 1212 Zähler ab. Das ist ein neues Jahrestief.

Analysten von Staud Research halten jetzt ein Abrutschen des Nemax auf ein dreistelliges Niveau nicht mehr für ausgeschlossen. Bereits am Donnerstag hatte der Nemax-50 mehr als fünf Prozent verloren.

Im Dax gehörten Technologiewerte erneut zu den größten Verlierern. Siemens, SAP, Infineon und Epcos gaben zunächst zwischen 1,70 und rund fünf Prozent ab. Die Aktie von Infineon markierte dabei ein neues Allzeittief.

Schwach standen auch die Aktien der Deutsche Bank, die 1,60 Prozent auf 82,40 Euro nachgaben. Die Deutsche Bank reduziert für das laufende Geschäftsjahr den Etat für ihre Internet-Produkte. Statt der geplanten Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro sollen 2001 nur 200 Millionen Euro investiert werden. Das berichtet die "Financial Times Deutschland".

Investoren räumen ihre Depots

"Die Gewinnwarnungen von EMC und AMD haben den Technologiewerten den Rest gegeben", sagte ein Frankfurter Börsenhändler. SAP würden von dem negativen Sentiment für die High-Techs nach unten gezogen, sagte der Experte. Derzeit würde unter den einzelnen Werten nicht differenziert und alles, was nach Technologie aussähe, aus den Depots geworfen.

Wie bereits am Vortag gehörten defensive Titel zu den wenigen Gewinnern im Dax. Die Aktien des Versorgers RWE legten 0,85 Prozent auf 47,51 Euro zu, während Preussag um 0,65 Prozent auf 36,94 Euro vorrückten. Die Aktien der Deutsche Post verteuerten sich um 0,57 Prozent auf 19,37 Euro.

Die Pilotenvereinigung Cockpit will heute das Ergebnis der Urabstimmung über die Beendigung des Tarifkonflikts bei der Lufthansa bekannt geben. 4200 Lufthansa-Piloten waren vor drei Wochen zur Abstimmung über den Schlichterspruch aufgerufen worden. Damit der Tarifvertrag in Kraft treten kann, müssen mindestens 50 Prozent der Piloten zustimmen. Die Aktien des Konzerns stiegen zunächst an, fielen dann aber wieder auf ihr Vortagesniveau von 18,72 Euro zurück.

Steag Hamtech: Keine Gewinne in diesem Jahr

Die Aktien der im Nemax-50 notierten Steag Hamatech verloren rund 25 Prozent ihres Wertes auf 7,65 Euro. DAs Unternehmen hatte vor Handelsbeginn gewarnt, dass es in diesem Jahr nicht mehr mit einem Gewinn rechnet.

Der nach eigenen Angaben weltweit führende Systemintegrator für Anlagen zur Produktion optischer Speichermedien (CD und DVD) begründet dies mit dem "branchenweit anhaltenden Rückgang des Marktvolumens gegenüber dem Vorjahr und dem damit verbundenen starken Preisverfall". Verlässliche Prognosen auf Jahressicht über Quantität und Qualität der Auftragseingänge oder Ergebnis und Umsatz seien nicht mehr möglich, heißt es.

Am Donnerstag hatten Gewinnwarnungen aus den Niederlanden und Großbritannien die Börsen auf neue Tiefststände gedrückt. Nach Börsenschluss in den USA warnten gestern mit AMD, EMC und BMC Software gleich drei US-Technologie-Schwergewichte vor niedrigeren Gewinnen. die Prognosen der Analysten drastisch. In Tokio reagierte die asiatische Leitbörse mit einem Kurssturz. Der Nikkei durchschnitt die technisch wichtige Marke von 12.600 Punkten als hätte es sie nie gegeben. Der Index gab 2,40 Prozent oder rund 300 Punkte auf 12.330 Zähler nach.

Ausmaß der Warnungen überrascht

Bestürzend ist weniger die Tatsache, dass der Chiphersteller und Intel-Konkurrent AMD eine Gewinnwarnung herausgegeben hat. Vielmehr überrascht das Ausmaß: Für das zweite Quartal rechnet der Konzern nunmehr mit einem Gewinn je Aktie von drei bis fünf Cents. Analysten der Wall Street hatten im Schnitt mit 27 Cents gerechnet. Im zweiten Quartal 2000 hatte AMD noch einen Gewinn je Aktie von 61 Cents erwirtschaftet. Der Umsatz werde im Vergleich zum Auftaktquartal dieses Jahre um rund 17 Prozent niedriger ausfallen.

Auch der weltgrößte Hersteller von Datenspeichern, EMC Corp, rechnet nach eigenen Angaben damit, im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres Gewinn- und Umsatzschätzungen der Analysten deutlich zu verfehlen. Statt der erwarteten 17 Cents Gewinn je Aktie sollen es nach Angaben des Konzerns im zweiten Quartal nur noch vier bis sechs Cents sein. Bei BMC Software sollen es lediglich sechs bis acht Cents je Aktie sein, anstatt der von Analysten erwarteten 13 Cents.

Experten sehen Nemax bald dreistellig

Vor dem Hintergrund dieser neuen Hiobsbotschaften ist an den deutschen Aktienmärkten mit weiteren Verlusten zu rechnen. Dabei fragt sich der besorgte Anleger, wie tief es eigentlich noch gehen kann. Bereits gestern hatten die Wachstumswerte im Nemax-50 mehr als fünf Prozent auf 1282 Zähler verloren. Der Nemax All Share markierte ein neues Allzeittief. Experten halten mittelfristig ein Abrutschen der Indizes unter die Marke von 1000 Punkten durchaus für möglich.

Fonds ziehen sich aus Nemax zurück

Zudem wird beobachtet, dass die Wachstumswerte Abwärtsbewegungen der US-Technologiebörse Nasdaq ungleich stärker nachzeichnen als die Aufwärtsbewegungen. Begründet wird dies insbesondere mit dem starken Vertrauensverlust in dieses Segment. Vor allem Fonds würden sich nach der langen Liste von Skandalen und schlechten Nachrichten zusehends aus dem Neuen Markt zurückziehen und lieber in den USA investieren, schreibt die "Welt" in ihrer Freitagausgabe.

Erschwerend für Technologiewerte in Deutschland kommt heute hinzu, dass die US-Börsen schwache Vorgaben liefern. Der Dow Jones verlor 0,86 Prozent auf 10.480 Punkte. Die Technologiewerte im Nasdaq Composite gaben 2,83 Prozent auf 2080 Zähler nach. Zum Handelsschluss in Deutschland waren es rund zwei Prozent gewesen.



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