Börse am Morgen Techtitel auf Talfahrt

Das wird ein schwarzer Tag für die Technologietitel. Die Papiere der Siemensfamilie geben deutlich nach. Am Neuen Markt geht es mit mehr als sechs Prozent nach unten.


Frankfurt am Main - Die Umsatz- und Gewinnwarnung des weltweit größten Netzwerkausrüsters Cisco Systems verhagelt vor allem den Technologiewerten an den deutschen Aktienmärkten den Start in die Woche. Der Dax gab bis 9.45 Uhr um 2,1 Prozent auf rund 5878 Zähler nach. Die Wachstumswerte im Nemax 50 kamen mit Abschlägen von 6,3 Prozent auf 1462 Punkte völlig unter die Räder.

Die T-Aktie, der Bauelementehersteller Epcos, SAP, Siemens und der Halbleiterhersteller Infineon liegen mit Verlusten zwischen knapp drei und 4,1 Prozent am Ende des Dax. Anleger schichten in konservative Werte um. Deshalb führen Schering (plus 2,2 Prozent) und ThyssenKrupp (plus 1,3 Prozent) die Gewinnerliste im Dax an.

Für Kurszuwächse bei ThyssenKrupp spricht eine Meldung des "Handelsblatts". Dem Transrapid winkt nach dem Bericht nach der Flughafen-Verbindung in Schanghai jetzt die zweite kommerzielle Strecke in China. Zu dem Transrapid-Konsortium gehört unter auch der Stahlkonzern ThyssenKrupp.

Nach Informationen der "Welt am Sonntag" befindet sich der Energieversorger e.on weiter auf Einkaufstour. Demnach sollen die Verhandlungen mit dem österreichischen Stromkonzern Verbund auf Hochtouren laufen. Das Wiener Unternehmen ist derzeit der drittgrößte Anbieter von Energie aus Wasserkraft in Europa. Die e.on-Aktie kletterte um 0,27 Prozent auf 55,90 Euro.

Unter den Wachstumswerten im Nemax 50 notierten lediglich drei Titel im Plus. Die Aktien von Comroad stürzten um knapp 35 Prozent auf 10,28 Euro ab. Gerüchte hatten schon vor den Ostertagen den Wert des Telematik-Netzwerkexperten unter Druck gesetzt. Angeblich wollen BMW und Motorola dem Kerngeschäft des Unterschleißheimer Unternehmens Konkurrenz machen und auf der New Yorker Auto Show 2001 ein integriertes Telematik-System vorstellen.

Im marktbreiteren Nemax All Share verzeichnen die Aktien von Sunburst Merchandising Kursabschläge von knapp 18 Prozent auf 1,40 Euro. Offenbar steckt das Unternehmen in argen finanziellen Nöten. Nach eigenen Angaben verhandelt Sunburst mit Banken, um die Liquidität sicherzustellen. Solche Meldungen kommen bei den Anlegern nicht an. Sie trennen sich von dem Papier.

Auch mb Software gaben rund 30 Prozent auf 2,03 Euro ab - obwohl das Unternehmen am Donnerstag nach Börsenschluss mitgeteilt hat, dass das Softwarehaus im Geschäftsjahr 2000/2001 sein Umsatzziel um neun Prozent übertroffen hat. Dagegen werde das Ergebnis nach Steuern mit einem Verlust von etwa sieben Millionen Euro negativ ausfallen.

Einen schwarzen Tag erleben auch die Anteilsscheine der OAR Consulting AG, die um 20,29 Prozent auf nur noch 1,10 Euro nachgaben. Das Unternehmen hatte am Gründonnerstag nach Börsenschluss eine geringere Gesamtleistung und einen höheren operativen Verlust ausgewiesen als bisher mitgeteilt.

Die Standard- und Wachstumswerte in Deutschland konnten in den vergangenen zwei Wochen deutlich zulegen. Mittelfristig werden wir uns allerdings an das Bild stark schwankender Kurse und eher einer Seitwärtsbewegung der führenden Indizes gewöhnen müssen. Für den heute schwachen Handelsauftakt sind vor allem die wenig rosigen Vorgaben aus den USA verantwortlich. Zugleich werden sich die Anleger in Erwartung einer ganzen Reihe von Quartalszahlen mit ihrem Engagement in Deutschland zurückhalten.

Unter Verkaufsdruck werden am Dienstag die Technologietitel geraten. Die US-Technologiebörse Nasdaq schloss mit 2,6 Prozent im roten Bereich auf 1909 Zählern. Die Blue Chips im Dow Jones konnten hingegen ein kleines Plus von 0,3 Prozent auf 10.158 Zähler über den Handelsschluss retten. Negative Analystenkommentare der Investmenthäuser Morgan Stanley und Lehman Brothers zu Chipwerten, die eine verstärkte Abwärtsbewegung im Halbleiterbereich für das laufende Jahr prognostizieren, drückten stark auf die Kurse. Überdies korrigierten die Analysten ihre Gewinnschätzungen für eine ganze Reihe von Unternehmen nach unten. Dazu zählt zum Beispiel auch Intel.

Der Chip-Riese wird am Dienstag nach Börsenschluss seine Quartalszahlen vorlegen. Intel hatte am bereits 8. März gewarnt, dass der Umsatz im ersten Quartal um 25 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2000 fallen werde, in dem 8,7 Milliarden Dollar erzielt worden waren. Für die Bruttomarge wurde ein Rückgang auf 51 Prozent erwartet und außerdem ein Abbau von 5000 Stellen angekündigt.

Überdies gab der weltgrößte Netzwerkhersteller Cisco Systems nach Börsenschluss eine Umsatz- und Gewinnwarnung für das dritte Quartal heraus. Nachbörslich verlor das Papier rund zehn Prozent. Cisco kündigte zudem an, 8500 Stellen zu streichen. Diese schlechten Meldungen müssen die deutschen Aktienmärkte zunächst einmal verdauen.

Und die Reihe schlechter Nachrichten reißt vorerst nicht ab. Der niederländische Elektronikkonzern Philips will 7000 Stellen streichen. Der Gewinn fiel mit 0,08 Euro je Aktie im ersten Quartal deutlich unter die Erwartungen der Analysten, die mit 0,16 bis 0,29 Euro gerechnet hatten. Im Vorjahresquartal hatte der Gewinn bei 0,86 Euro je Aktie gelegen. Der Konzern rechne auch im zweiten Quartal mit Verlusten vor Sonderposten. Zu Handelsbeginn in Amsterdam verlor die Aktie knapp neun Prozent auf 29,50 Euro.

Diese Woche wird gleich eine ganze Reihe von Hightech-Riesen Geschäftszahlen präsentieren. Dazu zählen unter anderem AOL Time Warner, SAP, Microsoft und Sun Microsystems am Mittwoch und Donnerstag. Am Freitag folgen dann die nordischen Telekomausrüster Nokia und Ericsson.

Ericsson wird nach Meldungen der "Financial Times Deutschland" am Freitag vermutlich die Entlassung von 6000 Mitarbeitern ankündigen. Ericsson-Chef Kurt Hellström habe die Mitarbeiter bereits schriftlich auf Jobverluste vorbereitet. Da Ericsson bereits früher Entlassungen angekündigt hatte, könnte die Mitarbeiterzahl in diesem Jahr um insgesamt 15.000 auf rund 90.000 Beschäftigte sinken.

Kurz vor Handelsschluss zeigte sich die asiatische Leitbörse in Tokio erneut schwächer. Nach Verlusten am Montag gab der Nikkei auch am Dienstag nach. Der Index verlor 187 Zähler auf rund 13.067 Punkte. Bei den Hochtechnologiewerten tendierten Sony fester, während Pioneer und Toshiba ihre frühen Gewinne wieder einbüßten und in die Verlustzone rutschten. Stahlwerte wie NKK und Sumitomo Metal standen unter Verkaufsdruck, genau wie die Schiffsbauwerte Hitachi und Mitsui.



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