Börse am Nachmittag Hightech-Papiere reißen Kurse nach unten

Absturz am Neuen Markt, Schwäche in den USA: Schwergewichte wie T-Aktie, Siemens und Münchener Rück geben deutlich nach. Der Nemax 50 fällt um mehr als sechs Prozent.


Frankfurt am Main - Die deutschen Aktienmärkte sind am Montagabend im Sog nachgebender US-Börsen immer tiefer in die Verlustzone gerutscht. Der Dax weitete sein Minus zeitweilig auf knapp drei Prozent aus durchbrach die Händlern zufolge charttechnisch wichtige Marke von 5100 Punkten. Zuletzt stand der Dax bei 5060 Zählern. Am Neuen Markt brach der Nemax 50 um 6,2 Prozent ein. Der Dow Jones gab 0,8 Prozent auf 9911 Punkte nach. Die Technologiebörse Nasdaq rutschte um knapp zwei Prozent ab und notierte mit 1982 Zählern deutlich unter psychologisch wichtigen Marke von 2000 Zählern.

Händler führten die fallenden Kurse auf die Empfehlung einer US-Investmentbank zurück, Portfolios mit mehr Anleihen und weniger Aktien neu zu gewichten, da die Bewertung von Aktien derzeit zu hoch scheine. Die Investoren hielten sich auch zurück, weil sie in dieser Woche Zahlen zahlreicher US-Konzerne erwarten.

Zusätzlich hatte eine Rede des US-Notenbankchefs Alan Greenspan vom Freitagabend die Märkte belastet, hieß es am Markt. Greenspan hatte erklärt, die Wirtschaft in den USA zeige bei weiter bestehenden Risiken erste Anzeichen einer Stabilisierung. "Doch ich möchte betonen, dass kurzfristig weiter bedeutende Risiken bestehen", fügte er hinzu.

Merrill Lynch senkt Aktienanteil in Musterdepot

Börsianer sagten, die Portfolio-Neugewichtung des US-Brokerhauses Merrill Lynch führte zu vermehrten Verkäufen an den Börsen in New York, die die deutschen Märkte mit in die Tiefe zögen. Merrill-Lynch-Stratege Richard Bernstein riet am Montag, den Anteil von Bonds auf 30 von bisher 20 Prozent anzuheben, Aktien auf 50 von 60 Prozent zu reduzieren und Bargeld mit 20 Prozent unverändert zu belassen. Es gebe derzeit nur eine dünne Grenze zwischen einem liquiditätsgetriebenen Markt, der eine Verbesserung der Fundamentaldaten erwartet und einer Luftblase (Bubble), schrieb Bernstein in einem Marktkommentar.

Zudem kam Marktteilnehmern zufolge Unsicherheit bei den Investoren im Vorfeld der beginnenden US-Berichtssaison auf. In dieser Woche werden in den USA unter anderem Intel, General Motors, Yahoo, Citigroup, Ford, General Electric, IBM und Microsoft Geschäftszahlen vorlegen. Die Zahlen werden Händlern zufolge auch den deutschen Markt beeinflussen. Besonders pessimistisch äußerte sich ein Analyst des Finanzdienstleisters First Call. Er geht davon aus, dass die US-Unternehmensgewinne um weitere 22 Prozent schrumpfen.

Nicht ein Dax-Wert mehr im Plus

Im Dax führten RWE Chart zeigen mit einem Minus von 0,12 Prozent auf 42,50 Euro den Index an. Am anderen Ende notierten die Papiere der Deutsche Telekom Chart zeigen mit einem Abschlag von rund vier Prozent auf 17,48 Euro und die Aktien von Siemens, die rund 4,50 Prozent auf 72,60 Euro verloren. Am Montag wurde der Siemens-Konkurrent Ericsson von der Bank ABN Amro auf "Reduce" von zuvor "Hold" heruntergestuft.

Börsianer verwiesen darauf, dass der Kurs der T-Aktie mit Handelsbeginn in den USA stärker unter Druck gekommen sei. "Wahrscheinlich trennen sich da wieder einige ehemalige VoiceStream-Aktionäre von ihren Telekom-Papieren", sagte ein Händler. Im Dezember war ein zweite Haltefrist für ehemalige VoiceStream-Aktionäre abgelaufen.

Nach Presseberichten wird die Telekom auch für das Jahr 2001 eine Dividende zahlen. Marktbeobachter erklärten, es kämen Zweifel auf, ob der Konzern sich angesichts des zu erwartenden schwachen Ergebnisses eine Dividende überhaupt leisten könne. Zwar könnte dafür eine neue Anleihe begeben werden, fraglich sei allerdings, ob dies eine "gesunde Geschäftspolitik" sei und angesichts der zu verwartenden Verluste in 2001 nicht eine gekürzte oder gar keine Dividende sinnvoller seien.

Epcos Chart zeigen verlor 1,21 Prozent und gehörte damit noch zu den Spitzenwerten des Dax. Die Siemens-Tochter hatte angekündigt, keine Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr auszuzahlen. Im Vorjahr hatte das Unternehmen Rekorde erreicht und noch eine Dividende von einem Euro je Aktie gezahlt. Analysten zeigten sich von dem Schritt nicht überrascht.

Infineon-Papiere Chart zeigen waren nach einem kurzen Ausflug in die Pluszone wieder deutlich ins Minus gedreht und verloren zuletzt mehr als drei Prozent auf 24,80 Euro. Dresdner Kleinwort Wasserstein hatte die Aktie am Montag zum Kauf empfohlen. Ohne Wirkung blieb auch, dass das Investmenthaus Merrill Lynch seine Prognosen für den Halbleiterabsatz für dieses Jahr deutlich angehoben hat. In der Studie vom Montag rechnen die Analysten weltweit mit einer Ausweitung des Absatzes von Halbleiterprodukten um 6,5 Prozent. Damit würden die Verkäufe, in US-Dollar gerechnet, wieder annähernd den Werten des Jahres 1999 entsprechen.

SAP Chart zeigen reihten sich mit einem Verlust von 3,11 Prozent auf rund 160 Euro in die Reihe der Verlierer ein.

Die Titel des der Pharma- und Chemieriesen Bayer Chart zeigen gaben 2,80 Prozent auf 36,14 Euro nach. SEB setzte die Aktie am Montag auf seine Verkaufsliste. Bayer leide unter der aktuell flauen Chemiekonjunktur. Der Ausgang des Lipobay-Desasters sei angesichts der angestrebten Sammelklage in den USA völlig ungewiss. Die Pharma-Sparte Bayers, die zuletzt mehrmals Schiffbruch erlitten habe, sei im internationalen Vergleich nach wie vor nicht nur zu klein, sondern auch unter der Betrachtung auslaufender Patente vs. neu zu erwartende Blockbuster nicht gerade attraktiv.

Die Aktie des weltgrößten Rückversicherungskonzerns Münchener Rück Chart zeigen hat 2,91 Prozent auf 283,51 Euro verloren. Die Analysten der Deutschen Bank und der Investmentbank Schroder Salomon Smith Barney (SSSB) hatten zu Börsenbeginn ihre Empfehlung für das Papier zurückgestuft.

Am Neuen Markt stand im Nemax 50 lediglich nur noch ein Wert im Plus. "Ein Zeichen typisch deutscher Gründlichkeit", nannte ein Händler die kräftigen Kursabschläge: Zuerst steigen die Kurse um 14 Prozent in die Höhe "und das scheint nicht genug zu sein" und dann ginge es genauso schnell und genauso grundlos wieder nach unter, sagte der Börsianer. Die US-Börsen hätten diese Woche zwar mit niedrigeren Notierungen begonnen, derartige Verluste rechtfertige dies aber nicht.

Nachdem der Vorstandschef des krisengeschüttelten Medienunternehmen EM.TV Chart zeigen , Werner Klatten, weitere Details zum Kauf eines Aktienpakets aus den Händen von Ex-Vorstandschef Thomas Haffa genannt hatte, kletterten die Aktien: Mit einem Plus von zuletzt noch 0,50 Prozent auf 1,88 Euro war das Papier der einzige Gewinner im Nemax 50.

Nach Gewinnwarnungen gaben die Anteilsscheine des Medienunternehmens IM Internationalmedia und des Handykomponenten-Herstellers Balda jeweils zweistellig nach. Internationalmedia verloren rund 21 Prozent auf 17,89 Euro, nachdem der Filmproduzent und -Vermarkter bekannt gab, ein für 2001 eingeplanter Kinofilm werde sich erst auf den Umsatz im laufenden Jahres auswirken. Diese Nachricht überlagere die zeitgleich bekannt gegebene Übernahme der Produktionsfirma Spyglass Entertainment, sagten Börsianer.

"Diese Nachricht hat den Markt kalt erwischt", kommentierte ein Aktienhändler die heruntergeschraubten Erwartungen der Balda AG: Das Paderborner Unternehmen will die Flaute im Handygeschäft mit dem Einstieg in die Medizintechnik ausgleichen. Der Aktienkurs sank um 14,15 Prozent auf 7,28 Euro. Ein Neueinstieg in einen weiteren Markt koste Geld. "Und dann bleibt natürlich anzuwarten, ob auch das entsprechende Know-how da ist", sagte ein Händler.

MobilCom Chart zeigen -Papiere verbilligten sich um 8,63 Prozent auf 23,20 Euro: Zuvor hatte das Mobilfunkunternehmen einen Pressebericht über den Verkauf der Festnetzsparte an Tochtergesellschaft und Internetprovider Freenet bestätigt. Deren Aktie verlor um 9,33 Prozent auf 11,47 Euro.



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