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20. September 2001, 15:10 Uhr

Börse am Nachmittag

Im freien Fall

Schwache US-Futures beschleunigen den Kursrutsch in allen Branchen. Der Dax durchschlägt die Marke von 3900 Punkten. Lufthansa testet neue Tiefs. Münchener Rück gibt nach der neuen Schadenschätzung stark nach. Nur SAP, Post und T-Aktie zeigen sich vergleichsweise stabil.

Frankfurt am Main – Der Dax baute sein Minus am frühen Nachmittag auf 3,9 Prozent (158 Punkte) aus. Der Nemax 50 zeigte sich 3,6 Prozent schwächer und notierte bei 769 Punkten. Rezessionsangst treibt Investoren zu massiven Verkäufen. Die US-Futures sind deutlich im Minus.

Zu den handverlesenen Gewinnern zählten am Nachmittag SAP , die T-Aktie und die Post AG . SAP hat seine Gewinnprognosen erneut bestätigt. Bei der Post AG dauert die Erholung an, da sie als defensiver Wert gesucht ist. Auch die Aktien der Deutschen Telekom zeigten sich weiter robust.

Die Telekommunikationsbranche ist für Investoren wieder interessant, da mit technologischer Aufrüstung gerechtet wird. Außerdem würden Videokonferenzen in Zukunft Geschäftsreisen in noch stärkerem Maße ersetzen. Einem Bericht des "Handelsblattes" zufolge dürften die Deutsche Telekom gemeinsam mit DaimlerChrysler den Zuschlag der Bundesregierung für das elektronisches Mautsystem für LKW erhalten.

Kurssturz bei Lufthansa ungebremst

Größter Verlierer am Nachmittag war die Aktie der Lufthansa mit einem zweistelligen Kursverlust. Die Fluggesellschaft hat gestern abend eine Gewinnwarnung heraus gegeben und angekündigt, bis zu 15 Airbus-Bestellungen zurückzustellen. Die Krise der Luftfahrgesellschaften weitet sich aus: Die beiden weltgrößten Fluggesellschaften, American Airlines und United Airlines, wollen jeweils 20.000 Mitarbeiter entlassen. Damit hat sich die Zahl der von amerikanischen Fluggesellschaften nach den Terroristenattacken angekündigten Entlassungen auf rund 70.000 Personen erhöht.

Belastung bei Münchener Rück verdoppelt

Die Münchener Rück rechnet inzwischen mit einer möglichen Belastung aus den Terroranschlägen in den USA von 2,1 Milliarden Euro Euro – doppelt so viel wie bislang geschätzt. Dies wäre die größte Belastung in der Geschichte des Unternehmens. Diese Zahlen belasteten auch die Allianz . Das Investmenthaus Merrill Lynch hat den gesamten Versicherungssektor indessen wiederholt mit "Übergewichten" bewertet. Insbesondere durch die "übertriebenen Kursverluste" nach den Anschlägen in den USA hätten Versicherungstitel wieder an Attraktivität gewonnen.

Die Aktien der Münchener Rück stehen ebenso wie die Aktien von US-Fluglinien im Zentrum von Ermittlungen. Der Verdacht, Terroristen könnten an der Börse Tokio Versicherungs- und Airlineaktien im großen Stil leer verkauft haben, erhärtet sich. Der Einsatz könne bis zu 500 Millionen Dollar betragen haben, sagte ein Sicherheitsexperte im Interview mit manager-magazin.de.

Stark unter Druck war auch die Aktie von Adidas , die nach dem angekündigten Einstieg beim FC Bayern und aufgrund von Absatzsorgen in den USA weiter verlor und deutlich unter 50 Euro rutschte. Auch Infineon gab weiter nach: Die Unsicherheit am Markt belastet mit Ausnahme der Deutschen Telekom die gesamte Technologiebranche.

Deutsche Bank in kritischer Verfassung

Die Rezessionsangst hat die Titel der Deutsche Bank gestern um mehr als neun Prozent abwärts geschickt. Die ungebremste Talfahrt an den Börsen und die Zurückhaltung von Unternehmen bei Investitionen belasten den Finanzsektor. Die Aktie konnte sich am Donnerstag erholen, pendelt aber weiterhin um bescheidene 51 Euro.

Neuer Markt: Morphosys sehr schwach

Die Aktien der Biodata Information Technology legten weiter zu, obwohl der Kursverlauf seit gestern stark schwankt. Biodata liefert Sicherheitssoftware für Telefone, Faxe und PCs. "Die ganze Sicherheitssoftware-Branche läuft derzeit gut wegen der Anschläge in den USA und Computer-Viren wie dem Virus 'Nimda'", sagte der Analyseleiter der Frankfurter Sparkasse, Andreas Köchling. Bei Biodata könne es nach den starken Zugewinnen aber jederzeit zu Gewinnmitnahmen kommen.

Sehr schwach waren das Biotech-Unternehmens MorphoSys und der Spezialmaschinenbauer Aixtron . "Cambridge Antibody haben MorphoSys erneut beschuldigt, ein Patent von ihnen verletzt zu haben", sagte ein Analyst. Die monatelangen Anschuldigungen drücken auf den Kurs beider Unternehmen.

US-Märkte: Späte Erholung nach tiefem Sturz

Der Dow Jones, der zwischenzeitlich um mehr als vier Prozent gefallen war, konnte sich in der letzten Handelsstunde deutlich erholen und reduzierte seine Verluste auf 1,6 Prozent (8759 Zähler). Der Nasdaq Composite schloss 1,8 Prozent schwächer. Das Beige Book der US Federal Reserve weist in allen zwölf Distrikten der regionalen Notenbanken eine nur mäßige Wirtschaftsentwicklung für August und Anfang September aus – bereits vor den Anschlägen war die Entwicklung schwächer als von Volkswirten erwartet. Der Euro gab am Nachmittag wieder nach. Er wurde zuletzt mit 0,926 Dollar notiert nach 0,9255-58 Dollar am Vortag.

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