Börse am Nachmittag Schlachtfest am Neuen Markt

Die Kurserosion an den Börsen in New York und Frankfurt erfasst immer mehr Branchen. Während die Blue Chips ihre Verluste noch in Grenzen halten, scheint die Lage am Neuen Markt schon aussichtslos.


Frankfurt am Main - Der Dax rutschte zum Nachmittag wieder tiefer und verlor bis 16.30 Uhr 1,7 Prozent auf 5894 Punkte. Die Kurserosion am Neuen Markt nimmt kein Ende. Der Nemax 50 rauschte problemlos durch die 1200-Punkte-Linie und verlor zuletzt 7,3 Prozent auf 1188 Zähler. Dem Abwärtssog konnten sich auch die Nebenwerte nicht entziehen, die durchschnittlich 1,4 Prozent abgaben und den M-Dax auf 4720 Punkte drückten.

Die Stimmung in den USA war ebenfalls gedrückt. Innerhalb der ersten Handelsstunde baute der Dow Jones ein Minus von 1,6 Prozent auf und notierte bei 10.313 Punkten. Die Nasdaq rauschte um 2,8 Prozent auf 2022 Zähler in die Tiefe.

Zu den Gewinnwarnungen kamen am Freitag auch noch schlechte Konjunkturdaten. Scheinbar ist die Konjunktur-Talsohle in den USA noch nicht durchschritten. Die Beschäftigungszahlen gingen im Juni gegenüber dem Vormonat um 114.000 zurück. Analysten hatte mit einer niedrigeren Zahl gerechnet.

Weiter angeheizt wurde die Krisenstimmung wieder einmal von Gewinnwarnungen. Diesmal haben die Technologieschwergewichte AMD und EMC vor enttäuschenden Erträgen gewarnt. In diesen unsicheren Börsenzeiten steuern Anleger wieder den etwas ungefährlicheren Hafen der Old Economy an und schichten in defensive Titel um.

Profitiert hat davon am Freitag RWE. Die Aktie führte mit einem Gewinn von zwei Prozent auf 48,06 Euro die Gewinnerliste im Dax an. Ein Händler verwies auf eine Hochstufung der RWE-Aktie durch die US-Investmentbank Merrill Lynch. Die Experten hatten den Versorger-Titel langfristig mit "Kaufen" eingestuft. Das habe die Aktie beflügelt.

Zu den Gewinnern zählten auch die Aktien der Deutschen Post (plus 1,3 Prozent auf 19,50 Euro), Münchener Rück (plus 1,1 Prozent auf 339,05 Euro) und Preussag (plus 0,9 Prozent auf 37,02 Euro).

Unter den Technologiewerten notierten die Aktien von Infineon noch am besten. Der angeschlagene Chiphersteller schließt eine Absage der geplanten Kapitalerhöhung grundsätzlich nicht mehr aus. "Wir werden die Aktien natürlich nicht zu jedem Preis platzieren", sagte ein Infineon-Sprecher. Nach den ersten drei Tagen der Road Show bei Investoren habe man aber ein "sehr positives Feedback". Gerüchte über eine Absage der Kapitalerhöhung hatten den Infineon-Aktienkurs am Freitagvormittag kurzzeitig Auftrieb verliehen. Zuletzt standen die Aktien bei 26,40 Euro, ein Minus von 1,5 Prozent.

Die anderen Technologiewerte verzeichneten dagegen größere Abgaben: Die Titel von Siemens (minus 3,4 Prozent auf 65,60 Euro), Epcos (minus 3,2 Prozent auf 55,65 Euro) und SAP (minus 5,4 Prozent auf 142,26) führten die Verliererliste an.

"Die Gewinnwarnungen von EMC und AMD haben den Technologiewerten den Rest gegeben", sagte ein Frankfurter Börsenhändler. Die Nerven bei den Investoren lägen blank. Derzeit würde unter den einzelnen Werten nicht differenziert und alles, was nach Technologie aussähe, aus den Depots geworfen.

Dies zeige sich etwa am Fall SAP. "Obwohl das Unternehmen nach der Gewinnwarnung der US-Firmen Broadvision und I2 Technologies Rückschlüsse auf das eigene Ergebnis zurückgewiesen hat, sind die Anleger ziemlich geschockt und ziehen sich aus der SAP-Aktie zurück", sagt der Händler. In zwei Wochen gibt SAP Zahlen bekannt. Da verkaufen viele schon jetzt.

"Der Aktienmarkt ist sehr sensibilisiert für negative Meldungen." Eine schlechte Nachricht reiche aus, um den Gesamtmarkt nach unten zu ziehen", bestätigte Analyst Ralph Bressler vom Bankhaus Lampe.

Abgeben musste auch die T-Aktie, die zuletzt rund 1,6 Prozent auf 26,65 Euro verlor. Die "FAZ" berichtet, die Staatsanwaltschaft Bonn weite ihre Ermittlungen gegen die Deutsche Telekom aus. Die Staatsanwälte gehen nun dem Verdacht nach, dass das technische Anlagevermögen in der Eröffnungsbilanz der Deutschen Telekom zum 1. Januar 1995 überbewertet gewesen sei. Das Blatt beruft sich dabei auf das Vorstandsmitglied Max Hirschberger. Zudem prüft die Frankfurter Börse nach Angaben eines Sprechers die Rechtmäßigkeit der Börsenzulassung von rund 1,1 Milliarden Aktien des Konzerns. Gegen die Zulassung hatte ein Rechtsanwalt Widerspruch eingelegt, der gegen die Telekom wegen möglicher Falschbilanzierung des Immobilienbestandes klagt.

Ebenfalls unter Druck waren Deutsche Bank, die 2,7 Prozent auf 81,50 Euro nachgaben. Die Großbank reduziert für das laufende Geschäftsjahr den Etat für ihre Internet-Produkte. Statt der geplanten Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro sollen 2001 nur 200 Millionen Euro investiert werden. Das berichtet die "Financial Times Deutschland".

Neuer Markt im Rausch der Tiefe

Dem Neuen Markt traut kaum noch ein Marktbeobachter eine Erholung zu. "Es bleibt dabei. Es geht unter 1000 Punkte," sagte ein Händler. "Die Privatanleger machen gar nichts mehr. Die lecken ihre Wunden. Die Institutionellen geben ab, was bisher gut gelaufen ist", fügte er hinzu. Höhere Kurse würden nur noch zum Ausstieg benutzt werden, um die Verluste zu minimieren.

Ein einziger Hoffnungsschimmer leuchtete im ehemaligen Wachstumssegment: Trotz der Gewinnwarnung des Konkurrenten Steag HamaTech legten die Aktien des Herstellers von DVD-Produktionsanlagen Singulus um 2,8 Prozent auf 23,65 Euro zu. Doch das war für so manchen Marktteilnehmer kein Trost. "Hier waren Schnäppchenjäger am Werk", sagte ein Händler. Steag Hamatech verloren 14,7 Prozent 8,70 Euro. Das Unternehmen hatte vor Handelsbeginn gewarnt, dass es in diesem Jahr nicht mehr mit einem Gewinn rechnet.

Mit einem Plus von 22,5 Prozent auf 8,94 Euro führten die Aktien des Biotechnologieunternehmens Curasan im marktbreiteren Nemax All Share die Gewinnerliste an. Hier wirke sich nach wie vor die Zertifizierung des Knochenaufbaumaterials "Cerasorb" positiv aus, erklärte ein Händler. Die Aktie hatte bereits am Vortag rund 49 Prozent zugelegt.

"Ansonsten gibt es derzeit nichts, aber auch gar nichts Ermutigendes", sagte ein Makler. Die Talfahrt werde erst einmal anhalten. "Verluste nähren im Augenblick die Verluste", so die Einschätzung eines Marktbeobachters.

Die Aktien der Internetagentur Kabel New Media gaben 36,4 Prozent auf 0,42 Euro ab und waren damit schwächster Wert am gesamten Neuen Markt. Das Unternehmen hat in dieser Woche Insolvenzantrag gestellt. Bei Sunburst ist das Insolvenzverfahren bereits eröffnet worden. Die Aktien waren ebenso wie die von Letsbuyit ein beliebter Spielball der Zocker und standen zuletzt mit 13,6 Prozent auf 0,29 Euro im Minus. Zeitweilig hatten die Kursabschlägen 30 Prozent betragen.

Euro weiter auf Talfahrt

Der Kurs des Euro ist am Freitag weiter gefallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 0,8384 (Donnerstag: 0,8422) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 2,3328 (2,3223) Mark.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,5996 (0,5990) Pfund, 105,65 (105,74) Yen und 1,5220 (1,5216) Schweizer Franken fest.



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