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06. Juli 2001, 11:18 Uhr

Börse am Vormittag

Gnadenloser Ausverkauf am Neuen Markt

Belastet von starken Verlusten der Techwerten liegen die deutschen Aktienindizes weiter im tiefroten Bereich. Gerüchte treiben dagegen die Aktien von Infineon in die Höhe.

Hamburg – Nach den drastischen Gewinnwarnungen aus den USA standen die deutschen Aktienmärkte am Vormittag weiter im tiefroten Bereich.

Der Dax verlor bis 10.45 Uhr 1,0 Prozent auf 5939 Zähler. Die Wachstumswerte im Nemax-50 hatten am Morgen die charttechnische Widerstandslinie von 1250 Punkten durchbrochen und waren auf ein neues Jahrestief von 1212 Zähler abgestürzt. Zuletzt betrugen die Verluste noch 4,4 Prozent auf 1227 Zähler.

Analysten von Staud Research halten ein Abrutschen des Nemax auf ein dreistelliges Niveau nicht mehr für ausgeschlossen. Bereits am Donnerstag hatte der Nemax-50 mehr als fünf Prozent verloren.

Gerüchte um Infineon

Im Dax gehörten Technologiewerte erneut zu den größten Verlierern. Siemens, SAP und Epcos verzeichneten Abschläge zwischen 1,80 und 3,60 Prozent.

Die Aktie von Infineon drehte zuletzt mit rund 1,9 Prozent ins Plus auf 27,30 Euro und setzte sich damit an die Spitze des Dax. Zuvor hatte die Aktie zu den größten Verlierern gezählt. Am Markt kursierten Gerüchte, dass die angekündigte Kapitalerhöhung des Halbleiterherstellers abgeblasen würde. Das Unternehmen kommentierte die Gerüchte nicht.

Abgeben musste auch die T-Aktie, die zuletzt rund zwei Prozent auf 26,53 Euro verlor. Die "FAZ" berichtet, die Staatsanwaltschaft Bonn weite ihre Ermittlungen gegen die Deutsche Telekom aus. Die Staatsanwälte gehen nun dem Verdacht nach, dass das technische Anlagevermögen in der Eröffnungsbilanz der Deutschen Telekom zum 1. Januar 1995 überbewertet gewesen sei. Das Blatt beruft sich dabei auf das Vorstandsmitglied Max Hirschberger.

Zudem prüft die Frankfurter Börse nach Angaben eines Sprechers die Rechtmäßigkeit der Börsenzulassung von rund 1,1 Milliarden Aktien des Konzerns, nachdem gegen die Zulassung Widerspruch eingelegt worden ist. Gegen die Zulassung hatte ein Rechtsanwalt Widerspruch eingelegt, der gegen die Telekom wegen möglicher Falschbilanzierung des Immobilienbestandes klagt.

Schwach standen auch die Aktien der Deutsche Bank, die 1,22 Prozent auf 82,72 Euro nachgaben. Die Deutsche Bank reduziert für das laufende Geschäftsjahr den Etat für ihre Internet-Produkte. Statt der geplanten Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro sollen 2001 nur 200 Millionen Euro investiert werden. Das berichtet die "Financial Times Deutschland".

Investoren räumen ihre Depots

"Die Gewinnwarnungen von EMC und AMD haben den Technologiewerten den Rest gegeben", sagte ein Frankfurter Börsenhändler. SAP würden von dem negativen Sentiment für die High-Techs nach unten gezogen, sagte der Experte. Derzeit würde unter den einzelnen Werten nicht differenziert und alles, was nach Technologie aussähe, aus den Depots geworfen.

Wie bereits am Vortag gehörten defensive Titel zu den wenigen Gewinnern im Dax. Die Aktien des Versorgers RWE legten 1,27 Prozent auf 47,70 Euro zu, während Preussag wieder auf ihr Vortagesniveau von 36,73 Euro zurückfielen. Die Aktien der Deutsche Post verteuerten sich um 0,78 Prozent auf 19,41 Euro. Zu den Gewinnern zählten auch die Papiere von MAN mit Aufschlägen von 1,55 Prozent auf 26,21 Euro.

Die Pilotenvereinigung Cockpit will heute das Ergebnis der Urabstimmung über die Beendigung des Tarifkonflikts bei der Lufthansa bekannt geben. 4200 Lufthansa-Piloten waren vor drei Wochen zur Abstimmung über den Schlichterspruch aufgerufen worden. Damit der Tarifvertrag in Kraft treten kann, müssen mindestens 50 Prozent der Piloten zustimmen. Die Aktien des Konzerns stiegen zunächst an, fielen dann aber wieder mit 0,60 Prozent auf 18,62 Euro ins Minus.

Steag Hamtech: Keine Gewinne in diesem Jahr

Im Nemax-50 stand lediglich ein Wert im Plus: Aixtron legten um mehr als fünf Prozent auf 24,18 Euro zu. Die Papiere waren in den vergangenen Tagen unter extremen Verkaufsdruck geraten und hatten dabei ein neues Jahrestief markiert.

Die Aktien der im Nemax-50 notierten Steag Hamatech verringerten ihre Verluste auf rund 16 Prozent bei 8,60 Euro. Das Unternehmen hatte vor Handelsbeginn gewarnt, dass es in diesem Jahr nicht mehr mit einem Gewinn rechnet. Der nach eigenen Angaben weltweit führende Systemintegrator für Anlagen zur Produktion optischer Speichermedien (CD und DVD) begründet dies mit dem "branchenweit anhaltenden Rückgang des Marktvolumens gegenüber dem Vorjahr und dem damit verbundenen starken Preisverfall". Verlässliche Prognosen auf Jahressicht über Quantität und Qualität der Auftragseingänge oder Ergebnis und Umsatz seien nicht mehr möglich, heißt es.

Im marktbreiteren Nemax All Share. Mit einem Plus von rund 45 Prozent auf 10,59 Euro setzte das Biotechnologieunternehmen Curasan seinen Höhenflug vom Donnerstag fort. Hier wirke sich nach wie vor die Zertifizierung des Knochenaufbaumaterials "Cerasorb" positiv aus, erklärte ein Händler. Die Aktie hatte bereits am Vortag rund 49 Prozent zugelegt. "Ansonsten gibt es im Augenblick nichts, aber auch gar nichts Ermutigendes", sagte ein Makler. Die Talfahrt werde erst einmal anhalten. "Verluste nähren im Augenblick die Verluste", so die Einschätzung eines Marktbeobachters.

Die Aktien des niederländischen Powershopper Letsbuyit.com befanden sich weiter auf Talfahrt und verloren zuletzt rund 12 Prozent auf 0,15 Euro. Das Unternehmen wird nach Einschätzung von Händlern in den nächsten Tagen Konkurs anmelden. Ein großer Investor sei nun doch nicht bereit, Mittel in Millionenhöhe zur Verfügung zu stellen. Schwächster Wert am gesamten Neuen Markt waren die Aktien der Internetagentur Kabel New Media mit Verlusten von rund 23 Prozent auf 0,51 Euro. Das Unternehmen hat in dieser Woche Insolvenzantrag gestellt.

Hiobsbotschaften aus Amerika

Am Donnerstag hatten Gewinnwarnungen aus den Niederlanden und Großbritannien die Börsen auf neue Tiefststände gedrückt. Nach Börsenschluss in den USA warnten gestern mit AMD, EMC und BMC Software gleich drei US-Technologie-Schwergewichte vor niedrigeren Gewinnen. die Prognosen der Analysten drastisch. In Tokio reagierte die asiatische Leitbörse mit einem Kurssturz. Der Nikkei durchschnitt die technisch wichtige Marke von 12.600 Punkten als hätte es sie nie gegeben. Der Index gab 2,40 Prozent oder rund 300 Punkte auf 12.330 Zähler nach.

Ausmaß der Warnungen überrascht

Bestürzend ist weniger die Tatsache, dass der Chiphersteller und Intel-Konkurrent AMD eine Gewinnwarnung herausgegeben hat. Vielmehr überrascht das Ausmaß: Für das zweite Quartal rechnet der Konzern nunmehr mit einem Gewinn je Aktie von drei bis fünf Cents. Analysten der Wall Street hatten im Schnitt mit 27 Cents gerechnet. Im zweiten Quartal 2000 hatte AMD noch einen Gewinn je Aktie von 61 Cents erwirtschaftet. Der Umsatz werde im Vergleich zum Auftaktquartal dieses Jahre um rund 17 Prozent niedriger ausfallen.

Auch der weltgrößte Hersteller von Datenspeichern, EMC Corp, rechnet nach eigenen Angaben damit, im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres Gewinn- und Umsatzschätzungen der Analysten deutlich zu verfehlen. Statt der erwarteten 17 Cents Gewinn je Aktie sollen es nach Angaben des Konzerns im zweiten Quartal nur noch vier bis sechs Cents sein. Bei BMC Software sollen es lediglich sechs bis acht Cents je Aktie sein, anstatt der von Analysten erwarteten 13 Cents.

Experten sehen Nemax bald dreistellig

Vor dem Hintergrund dieser neuen Hiobsbotschaften ist an den deutschen Aktienmärkten mit weiteren Verlusten zu rechnen. Dabei fragt sich der besorgte Anleger, wie tief es eigentlich noch gehen kann. Bereits gestern hatten die Wachstumswerte im Nemax-50 mehr als fünf Prozent auf 1282 Zähler verloren. Der Nemax All Share markierte ein neues Allzeittief. Experten halten mittelfristig ein Abrutschen der Indizes unter die Marke von 1000 Punkten durchaus für möglich.

Fonds ziehen sich aus Nemax zurück

Zudem wird beobachtet, dass die Wachstumswerte Abwärtsbewegungen der US-Technologiebörse Nasdaq ungleich stärker nachzeichnen als die Aufwärtsbewegungen. Begründet wird dies insbesondere mit dem starken Vertrauensverlust in dieses Segment. Vor allem Fonds würden sich nach der langen Liste von Skandalen und schlechten Nachrichten zusehends aus dem Neuen Markt zurückziehen und lieber in den USA investieren, schreibt die "Welt" in ihrer Freitagausgabe.

Erschwerend für Technologiewerte in Deutschland kommt heute hinzu, dass die US-Börsen schwache Vorgaben liefern. Der Dow Jones verlor 0,86 Prozent auf 10.480 Punkte. Die Technologiewerte im Nasdaq Composite gaben 2,83 Prozent auf 2080 Zähler nach. Zum Handelsschluss in Deutschland waren es rund zwei Prozent gewesen.

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