Börse Wer kennt den Weg aus dem Tal der Tränen?

"Börse? Nein Danke" scheint derzeit die Devise der Anleger zu lauten. Obwohl die Eckdaten der Konjunktur ein Ende der Talsohle voraussagen, ist ein Ende der Zitterpartie an den Märkten nicht in Sicht.

Von


Händer suchen nach Indizien für Optimismus: Börse in Frankfurt am Main
DDP

Händer suchen nach Indizien für Optimismus: Börse in Frankfurt am Main

Hamburg - Schon eine Andeutung von Ron Sommer genügte, um die T-Aktie in den Keller zu schicken. Möglicherweise werde der Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile ins Jahr 2003 verschoben, hatte der Telekom-Chef am Freitag vergangener Woche angedeutet. Für die ohnehin schon verunsicherten Anleger galt das als Signal zum Verkauf. Der Kurs der Aktie brach im Handelsverlauf um fast 4,5 Prozent ein.

Die Reaktion der Anleger wirft ein Schlaglicht auf die Stimmung, die zurzeit an den Börsen herrscht. Der Pessimismus sei so verbreitet, so urteilen Experten, dass in der nächsten Zeit sogar ein Absinken des Dax auf unter 4300 Punkte möglich sei.

Am Neuen Markt sieht es nicht besser aus. Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), hat das Börsenjahr 2002 offenbar schon abgeschrieben. Unter den an der Technologiebörse gelisteten Unternehmen seien in den laufenden Monaten noch mehr Insolvenzen zu befürchten als im Rekordjahr 2001. D.Logistics, Intershop und Heyde gelten als die nächsten Kandidaten. Die einst milliardenschweren Vorzeigeunternehmen sind inzwischen zu Zockerpapieren verkommen.

Von Marktbeobachtern wird sogar schon das Überleben des gesamten Börsensegments in Frage gestellt. Nicht wenige halten eine Zusammenlegung mehrerer europäischer Wachstumsbörsen für sinnvoll. Wenigstens sollte man dem Neuen Markt einen neuen Namen geben, raten andere.

Die Anlagestrategen in den Research-Abteilungen der Banken wirken in dieser Situation wie einsame Rufer in der Wüste. Für sie bietet die aktuelle Kursschwäche an den Börsen jede Menge Kaufgelegenheiten, denn die grundlegenden Bewertungsfaktoren seien im Moment so gut wie seit Monaten nicht mehr. Die erst heute veröffentlichten Zahlen des Ifo-Instituts ließen ein Anspringen der Konjunktur spätestens zur Jahresmitte erwarten. Damit würden auch die Gewinne der Unternehmen wieder ansteigen.

In einer Umfrage der "Börsenzeitung" äußert sich denn auch die Mehrheit der befragten Analysten zuversichtlich, dass der Dax wieder ansteigt. Matthias Jörss vom Bankaus Sal. Oppenheim etwa traut dem Index bis zum Jahresende rund 5700 Punkte zu. Gerhard Schwarz, Leiter der Abteilung Portfolio-Strategy bei der HypoVereinsbank, ist sogar überzeugt, dass die 5600-Punkte-Marke schon in den nächsten sechs Monaten durchbrochen werden kann. Einstiegsgelegenheiten würden sich in den kommenden Wochen vor allem im Technologiesektor ergeben, weil dieser von der konjunkturellen Erholung besonders profitiere.

Auch die Experten von M.M.Warburg halten die Lage für besser als die Stimmung. Alle Daten deuteten auf ein Ende der Rezession hin, sagte Helmut Seidenstücker, Anlagestratege des Bankhauses, der "Börsenzeitung". Auch würden nicht mehr so viele Gewinnprognosen nach unten korrigiert, wie in den vergangenen Monaten.

Allein - der Aktienkurs bestimmt sich durch die Nachfrage der Anleger. Und wenn diese nicht kaufen, nützen auch die fettesten Gewinne nichts. Wann der Schock, der durch die spektakuläre Pleite des US-Energieriesen Enron ausgelöst wurde, überwunden sein wird, wagt jedenfalls niemand vorherzusagen. Einig sind sich die Analysten nur darin, dass er weiterhin bleischwer auf den Kursen lastet. Sogar institutionelle Anleger hielten sich derzeit mit langfristigen Investments zurück. Ein Ende der Zitterpartie scheint also nicht in Sicht.

Möglich ist auch, dass Siegfried Cordes, Fondsmanager bei Credit Suisse Asset Management, Recht hat mit seiner düsteren Voraussage, dass der Aktienkult der neunziger Jahre passé sei. Immerhin wollen nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Psychomics nur noch elf Prozent bei ihrer Altervorsorge auf Aktien setzen. Das renditeschwache Sparbuch findet eine dreimal so hohe Zustimmung.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.