Börsen-Crash "Die Zentralbanken können kaum gegensteuern"

500 Punkte Verlust an einem Tag, an der Frankfurter Börse herrschte Panikstimmung. Anleger, so rät Aktienstratege Reich, sollten jetzt erst einmal abwarten. Die eigentliche Gefahr sieht er in einer drohenden Rezession bei gleichzeitiger Inflation.


Frage: Herr Reich, worin sehen Sie die Ursachen des heutigen dramatischen Kurseinbruchs, kam dieser Ausverkauf für Sie unerwartet?

Reich: Ein Kurseinbruch in dieser Heftigkeit an einem Tag ist schon drastisch. Als Auslöser sehe ich unter anderem die katastrophalen Ergebnisse der US-Banken oder auch der Hypo Real Estate in der vergangenen Woche. Dazu kommen diverse Ratingabstufungen und die wenig hoffnungsvolle Rede des amerikanischen Notenbankpräsidenten Bernanke. Da haben sich etliche negative Ereignisse kulminiert, die jetzt verdaut werden müssen.

Frage: Wird sich der Kursrutsch fortsetzen oder setzt sich die Meinung durch, dass die Unternehmen fundamental gar nicht so schlecht dastehen?

Reich: Ich sehe auf der Makroebene, also dem volkswirtschaftlichen Gesamtbild, durchaus weitere Schwierigkeiten. Wenn sich der Nebel des massiven Kursrutsches verzogen hat, dann wird man wieder stärker auf die einzelnen Unternehmen schauen und sich überlegen, ob ein Einstieg wieder Sinn macht. Aber ich warne davor, diese Entwicklung rein technisch zu betrachten. Das wäre verfrüht …

Frage: … zumal ja noch etliche Banken ihre Ergebnisse erst vorlegen werden, es zu weiteren negativen Überraschungen kommen kann.

Frage: Richtig, auf eine kurzfristige Erholung sollten wir nicht setzen. Der Kursrutsch kann durchaus weitergehen. Denn wir beobachten zudem stagflatorische Tendenzen, also eine Kombination aus rezessiven und inflatorischen Einflüssen. Beides zusammen ist eine sehr ungute Mischung, weil die Zentralbanken kaum gegensteuern können. Wenn die Zentralbanker die Zinsen senken, dann heizen sie die Inflation an. Außerdem haben sich die Märkte an Zinssenkungen gewöhnt. Dann haben derartige monetäre Maßnahmen nur die Wirkung eines kurzfristigen Strohfeuers.

Frage: Wird sich der Kurseinbruch auch auf die reale Wirtschaft übertragen, also etwa in schwachem Konsum und sinkenden Investitionen?

Reich: In den USA haben wir bereits rezessive Tendenzen, die realwirtschaftlich erkennbar sind. Eine Stagflation ist eben ein realwirtschaftliches Problem, das sich darin zeigt, dass etwa Investitionen zurückgefahren werden. Denn wenn die Unternehmen davon ausgehen, dass sich die Konsumenten beschränken, werden die Manager auch auf Unternehmensseite viel vorsichtiger werden.

Frage: Wie sollten die europäischen Wirtschaftspolitiker jetzt reagieren?

Reich: Von kurzfristigen Reaktionen und der Hoffnung, dass sich dann konjunkturell etwas verbessert, halte ich nichts. In den vergangenen Monaten, eigentlich seit der vergangenen Bundestagswahl, setzt die Politik die falschen Signale wie etwa Mindestlöhne, die sogenannten kräftigen "Schlucke aus der Lohnpulle" oder die Herauslösung aus der Tarifautonomie. All das geschieht mit Blick auf die Wählerstimmen. Die Politik hat den Reformweg verlassen, deshalb bin ich nicht sehr optimistisch.

Frage: Die besten Zeiten an der Börse sind offenbar vorbei. Wo sollen Anleger ihr Geld dann investieren?

Reich: Mit Ausblick auf eine stagflatorische Entwicklung ist die Antwort nicht ganz einfach. Stagflation ist für keine Assetklasse erfreulich. Ich persönlich bin natürlich weiter für Aktien und werde nicht plötzlich alles in Cash oder festverzinsliche Papiere anlegen. In einem solchen Umfeld ist es akut sehr schwierig, das Richtige zu tun. Kurzschlussreaktionen wären falsch.

Das Interview führte Andreas Nölting



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