Börsen-Einbruch "Es ist eine Korrektur, kein Crash"
SPIEGEL ONLINE: Herr Bargel, wie gefällt Ihnen der Ausdruck "schwarzer Dienstag"?
Marco Bargel: Er ist einprägsam und füllt eine Marktlücke: Historisch gab's den schwarzen Freitag, den schwarzen Montag nun ist der Dienstag dran. Aber im Ernst: Der Ausdruck ist mir zu plakativ. Die Korrektur an den Aktienmärkten gestern war sehr ausgeprägt, so etwas haben wir lange nicht erlebt. Aber ich sehe hier eine Korrektur, keinen Crash.
SPIEGEL ONLINE: Nun hat die Börse Shanghai beinahe zehn Prozent an nur einem Tag verloren. Das klingt doch dramatisch - zumal so große Wachstumshoffnungen auf China ruhen.
Bargel: Es ist dramatisch, aber ein nationales Problem. Dass die Aktienkurse in China gefährlich hoch bewertet sind, war bekannt. Sogar die Notenbank hat vor einer Blase gewarnt, und die Kurse sind den Gewinnen der Unternehmen weit vorausgeeilt.
SPIEGEL ONLINE: Wenn als Folge das Wachstum der Volkswirtschaft China einbricht, würden Unternehmen weltweit darunter leiden.
Bargel: Ich erwarte aber nicht, dass es einbricht. Der Aktienmarkt spielt in China eine geringere Rolle als im Westen. Die Privatwirtschaft ist stärker von der Börse abgekoppelt als in entwickelten Industriestaaten. China hat immer noch einen riesigen wirtschaftlichen Nachholbedarf. Solange es dort gut läuft, werden die Unternehmen auch bei uns profitieren.
SPIEGEL ONLINE: Auch der Deutsche Aktienindex hat gestern und heute verloren. Die Postbank hat als Kursziel für den Dax im laufenden Jahr 7500 Punkte errechnet. Haben Sie sich geirrt?
Bargel: Nein, wir bleiben dabei. Aber das ist, wohlgemerkt, der Wert, den wir bis Jahresende prognostizieren. Wir haben immer auf die Gefahr einer Konsolidierung in der ersten Jahreshälfte hingewiesen.
SPIEGEL ONLINE: Die bange Frage lautet: Wie weit fällt der Dax?
Bargel: Die neue Prognose, die wir bald rausgeben werden, geht von einer Kurskorrektur auf 6500 Punkte innerhalb der kommenden drei Monate aus.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie erst einen Rückgang und dann einen Anstieg vorhersagen, ermuntern Sie Ihre Aktienkunden zum Kaufen. Ist das nicht riskant?
Bargel: Im Moment raten wir auch zur Vorsicht. Kurzfristig gibt es die Gefahr von weiteren Rückschlägen. Aber bei 6500 ist es lohnenswert, wieder über einen großen Einstieg nachzudenken.
SPIEGEL ONLINE: Was spricht dafür?
Bargel: Deutsche Aktien sind im internationalen Vergleich noch moderat bewertet. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind günstig wie lange nicht mehr. Wir sehen weiter eine hohe Dynamik bei den Unternehmensgewinnen. Ab der zweiten Jahreshälfte konkretisieren sich die Entlastungen durch die Unternehmenssteuerreform. Allein dieser Effekt bringt den Dax-30-Unternehmen nach unseren Berechnungen 2008 im Schnitt sechs Prozentpunkte Gewinnplus so dass wir summa summarum bei 15 Prozent Gewinnplus landen. Gegenüber den erwarteten acht Prozent 2007 praktisch eine Verdopplung.
SPIEGEL ONLINE: In den zurückliegenden Jahren sind die Unternehmensgewinne in Deutschland aber im Schnitt noch stärker gestiegen.
Bargel: Kursanstiege von 20, 30 Prozent im Jahr für den Dax werden wir deshalb auch in den nächsten Jahren nicht mehr sehen. Spielraum nach oben gibt es trotzdem.
SPIEGEL ONLINE: Muss es nach vier Plus-Jahren im Dax nicht irgendwann wieder in den Keller gehen?
Bargel: Es gibt keinen festen Börsenzyklus, nach dem man sich richten könnte leider. So einfach funktionieren die Märkte nicht. Es hat auch früher Phasen langjähriger Anstiege gegeben. So kann es wieder kommen. Viele Dax-Unternehmen erzielen inzwischen einen großen Teil ihrer Umsätze im Ausland - und die globale Wirtschaft läuft mit Wachstumsraten von fünf Prozent weiter extrem gut.
SPIEGEL ONLINE: Von China mal abgesehen - von welchen Aktien sollte man als Normalaktionär die Finger lassen?
Bargel: Russische Papiere sind zwar noch nicht beängstigend bewertet, aber doch sehr hoch. Bei den USA sind wir vorsichtig vom dritten Quartal zum vierten sind die Unternehmensgewinne dort im Schnitt gefallen. Trotzdem sind die Aktienkurse gestiegen. Dort sehen wir eine Gefahr.
SPIEGEL ONLINE: Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan hat gerade vor einer möglichen Rezession in den USA zum Jahresende gewarnt. Weiß der Mann etwas, was Sie nicht wissen?
Bargel: Natürlich genießt er einen exzellenten Ruf. Ich glaube aber nicht, dass er mehr weiß als die Märkte und seine aktiven Kollegen bei der Notenbank und ich wundere mich, dass seine Worte immer noch solche Auswirkungen haben. Wahrscheinlich hat man nach einem Anlass zum Verkaufen gesucht. Die Nervosität war einfach sehr hoch.
Das Interview führte Matthias Streitz