Börsen in Alarmstimmung Erste Bank warnt offen vor Rezession in USA

So deutlich hat es noch keiner gesagt: Die US-Wirtschaft steht kurz vor einer Rezession, warnt die Bank Morgan Stanley. Auch Europa könnte durch die weltweite Kreditkrise in einen Abwärtsstrudel geraten. In Asien brechen die Aktienkurse auf breiter Front ein.


New York - Dick Berner ist ein Schwergewicht an der Wall Street. Der Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley gilt als ausgewiesener Fachmann, sein Wort ist an den Finanzmärkten etwas wert. Umso dramatischer ist es, was Berner in seinem aktuellen Bericht über die amerikanische Wirtschaft schreibt. Der Titel des Papiers: "Recession Coming" - kurz vor der Rezession.

Börsenhändler auf den Philippinen: Kursminus von bis zu 3,6 Prozent
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Börsenhändler auf den Philippinen: Kursminus von bis zu 3,6 Prozent

Berners Analyse macht deutlich, wie ernst die Lage tatsächlich ist. Bisher hatte kein Banker das gefürchtete R-Wort in den Mund nehmen wollen; die Folgen der weltweiten Kreditkrise, so die Hoffnung, würden schon nicht so schlimm sein. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Kreditklemme habe den US-Unternehmen bereits ernsthaft geschadet, schreibt Berner laut "Telegraph". Die Investitionen könnten massiv zurückgehen, den privaten Verbrauchern stehe wegen der fallenden Immobilienpreise ein regelrechter "Sturm" bevor. Insgesamt, so das Fazit, ist Geld in den USA knapp wie lange nicht mehr: Kreditkarte, Autokauf, Hypothekendarlehen - die Banken halten sich mit Krediten extrem zurück. Für die amerikanische Wirtschaft, die vom Konsum - auch auf Pump - lebt, ist das ein Schock.

Berner zufolge hat der Hypothekenzins für Darlehen zum Hauskauf ein 19-Jahres-Hoch erreicht: Im dritten Quartal lag er bei 5,59 Prozent. Gleichzeitig gebe es eine Flut von unverkäuflichen Immobilien.

"Niedriges Niveau wie seit 1959 nicht mehr"

Das wiederum stürzt die wichtige Bauwirtschaft in die Krise: Berner rechnet mit einem Rückgang des privaten Wohnungsbaus um 40 Prozent. "Wir gehen davon aus, dass in den kommenden beiden Jahren weniger als eine Million Gebäudeeinheiten pro Jahr errichtet werden", schreibt der Morgan-Stanley-Experte. "Ein so niedriges Niveau gab es seit 1959 nicht mehr."

Besonders erschreckend: Neben den USA dürften auch andere Weltregionen in den Abwärtsstrudel geraten. Wie zuvor schon Goldman Sachs und Lehman Brothers glaubt nun auch Morgan Stanley nicht mehr, dass Asien und Europa ihr Wachstum halten können, wenn die US-Wirtschaft abstürzt. Für Japan schraubt die Bank ihre Wachstumsprognose für 2008 von 1,9 Prozent auf 0,9 Prozent. Auch in der Eurozone werde die Kreditkrise schwere Folgen haben.

An den asiatischen Börsen fielen die Kurse heute Nacht massiv. Als Grund nannten Händler Ängste vor weiteren Hypothekenproblemen in den USA. In Tokio standen vor allem Finanzwerte unter Druck, nachdem die US-Banken Wachovia und Bank of America vor einem Verlust im vierten Quartal gewarnt hatten. Selbst die Nachricht über eine gemeinsame Liquiditätsspritze der europäischen und der amerikanischen Notenbanken konnte die Stimmung der Anleger nicht heben. Die Maßnahme scheine die Kreditkrise nicht grundsätzlich zu lösen, kommentierte Yutaka Mura von Shinko Securities.

Der Nikkei-Index schloss 2,5 Prozent tiefer bei 15.536 Punkten. Der breiter gefasste Topix-Index verlor 2,6 Prozent auf 1516 Zähler. Auch die Börsen in Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur zeigten sich mit Abschlägen von bis zu 3,6 Prozent deutlich schwächer.

In Deutschland startete die Börse ebenfalls schwach. Der Dax notierte am Vormittag kurzzeitig unter 8000 Punkten, ein Minus von rund 0,8 Prozent. Auch MDax und TecDax sowie der europäische Index Euro Stoxx 50 liegen deutlich im Minus.

wal/Reuters



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