Börsen-Kolumne Dax-Geflüster

"Was ist eigentlich eine Talfahrt?", mag sich so mancher Anleger in dieser Woche gefragt haben. Denn Hightech-Aktien stiegen wie zu ihren besten Zeiten. Das kam gerade recht, denn Anlageberater klagten schon, mehr und mehr im seelsorgerischen Bereich tätig zu sein. Aber für die kommende Woche droht wieder Ungemach.

Von Stefan Wolff


Hamburg - SAP waren wohl der unumstrittene Phoenix. 40 Prozent legten die Papiere in den zurück liegenden fünf Handelstagen zu. Das gemeldete Umsatzplus im Umfang von 30 Prozent sorgte für das Kursfeuerwerk. Nachrichten werden also wieder erhört.

Dennoch ist es nach Meinung vieler Händler noch zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. Aber einige Anzeichen deuten darauf hin. So haben die Händler inzwischen alle Heiligen Kühe geschlachtet. Schwergewichte und Börsenstars sind zusammengefaltet, nachdem zuerst kleine Unternehmen bluten mussten. Zuletzt rauschten Hewlett Packard und Yahoo in den Keller. Zuvor standen Cisco, Microsoft und Motorola auf der Verkaufsliste.

In Deutschland haben die Marktteilnehmer die Gewinnwarnung von Hewlett Packard und anderen schlicht ignoriert. In den USA beschlossen die Indizes die Woche nach rasantem Auftakt im Minus. Die große Gefahr lauert hinter dem großen Teich. Wenn dort die Papiere unter Druck bleiben, werden sich die deutschen Märkte nur schwerlich entziehen können.

Die momentane Konzentration auf Hausgemachtes kann aber auch ihr Gutes haben. Am eindruckvollsten vollzogen Singulus die Wende. Nach dem Absturz zu Wochenbeginn konnte der Hersteller von Maschinen zur DVD-Herstellung überzeugen. Allerdings müssen Fondsmanager auf das neue Umfeld reagieren. Durch den Absturz sind Aktien der Hochtechnologie deutlich schwächer in den Indizes gewichtet. Fonds, die ein Marktbarometer nachbilden. Werden darauf reagieren, was noch einmal für Druck sorgen könnte. Der Druck ist auch aus dem Neuen Markt nicht vollständig gewichen, auch wenn mit Biotech und Logistik nun auch bislang verschonte Branchen unter die Räder geraten sind. Der Nemax 50 ist noch bedrohlich dicht über der 2000-Punkte-Marke. Diese gilt als Demarkationslinie zum bodenlosen Absturz, sollte sie nachhaltig unterschritten werden. Auch wenn der Index wieder über 2500 Punkten steht - nach Maßstäben des Neuen Marktes kann das eine Sache von höchstens zwei Handelstagen sein.

Von der Klageflut, die auf Unternehmen des Neuen Marktes zurollen soll, wird nach Einschätzung von Experten nicht viel übrig bleiben. Die momentanen gesetzlichen Bestimmungen böten keine Grundlage, heißt es.

Eines der vielen Sorgenkinder bleibt Letsbuyit.com. Aktien der Internet-Einkaufsgemeinschaft könnten trotz eines Kurses unter 50 Cent noch einmal ins Bodenlose stürzen. Am 21. Januar läuft die Sperrfrist für die Altaktionäre ab. Diese hatten zum Teil nur den symbolischen Preis von einem Cent für die Papiere bezahlt, und würden immer noch Gewinne einstreichen. Für die Pleitefirma wäre es der markttechnische Todesstoß, sollten die rund 70 Millionen Papiere die Börse überschwemmen.

Bei Standardwerten bietet sich dagegen ein gespaltenes Bild. Einige Anleger scheinen schon wieder versucht zu sein, als "langweilig" empfundene Industrieaktien gegen Hightech einzutauschen. Dabei bleibt die Streuung des Risikos das Maß aller Dinge.

Die Commerzbank kündigte ein Rekordergebnis an, was honoriert wurde. Zudem deutet vieles auf einen reibungslosen Stabwechsel im Mai an der Spitze des Hauses hin, zumal er in einem ökonomisch gefestigten Umfeld stattfindet.

Daimler dagegen erhielten erneut einen gezielten Handkantenschlag. Die Bank of America verkaufte zehn Millionen Papiere. Kein Wunder, dass sich der ohnehin schon gebeutelte Kurs davon nicht so schnell erholte.

Ein Stück Normalität scheint sich inzwischen wieder einzuschleichen. Aber die Rezessionsängste in den USA könnten aus der leicht sonnigen Stimmung blitzschnell ein Gewitter herbei zaubern. Alan Greenspan, der allmächtige US-Notenbankchef wird bereits hinter vorgehaltener Hand von Spitzen der Finanzwelt für seine Zinserhöhungsrunden im vergangenen Jahr kritisiert. Aber an massives Zurückrudern ist nach den aktuellen Einzelhandelszahlen auch nicht zu denken. Was von der Woche der Gewinne bleibt, sind Unsicherheiten.



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